Der weiße Garten

Als Swaantje in Stillenliebe anlangte, war Helmold bereits aus aller Gefahr, aber noch so angegriffen, daß der Arzt jede Aufregung verbot. Er gestattete ihr nur, daß sie ihn sah, während er schlief.

Das Mädchen mußte sich am Türrahmen festhalten, als sie ihren Vetter erblickte. Welk fiel ihm das fast völlig ergraute Haar in die Stirne, der Bart hing schlaff über die blutleeren Lippen, die Nase trat scharf hervor, unter den Augen waren tiefe Löcher, die in allen Farben spielten, die Ohren sahen wächsern aus, und die Hände waren leichenfarbig.

Als sie das Zimmer verlassen hatte, fiel sie Grete um den Hals und schluchzte tränenlos, und die Frau sagte, als sie mit ihr in dem besten Zimmer saß: »Wir wollen Gott danken, daß wir ihn behalten haben, Swaantje; und sobald er kräftig genug ist, fährst du mit ihm in irgend eine stille Ecke und pflegst ihn mir ganz gesund. Nicht wahr, Liebste?« Das Mädchen nickte, denn sie fühlte, daß die andere das im vollen Ernste sagte.

Es wurde aber nicht so; denn je mehr sich Helmold körperlich erholte, um so mehr schien seine Liebe für Swaantje zu erkalten. Als ihm seine Frau einmal von dem Mädchen sprechen wollte, wehrte er ab. »Ich genese, Grete,« sagte er, »und auch davon.« Er sah sie voll an und fuhr fort: »Möglich, daß ich ihr später wieder kameradschaftlich näher komme; vorläufig wäre mir ein Zusammentreffen peinlich, und schädlich. Hennecke und Benjamin sind der selben Ansicht.«

Wenn er, warm zugedeckt, auf dem Ruhestuhle im Garten lag, dem Schlage der Finken zuhörte und die knospenden Zweige betrachtete, dachte er noch oft an das Mädchen, aber nicht in Liebe. Etwas wie Unmut war in ihm; denn er fühlte sich beleidigt. Er hatte sich vor ihr erniedrigt, hatte um einen Kuß gebettelt, war fast irrsinnig vor Liebe geworden, und es hätte nicht viel gefehlt, daß er an seinem Verlangen zu Grunde ging.

Er wußte aber auch, daß dieses der letzte Rückfall war. »Was hat sie nicht alles aus mir gemacht,« dachte er; »einen Trinker, einen Wüstling, einen Salonaffen, einen Streber!« Er las in dem Buche, das Hennig ihm mitgebracht hatte, und lächelte belustigt, denn er war vorhin auf einen Ausspruch Montanabbis gestoßen, der vortrefflich zu seinen eigenen Gedanken paßte, und der folgendermaßen hieß: »Viele Menschen waren gleich mir Opfer eines weißen Halses, eines rosigen Angesichtes und zweier Augen, die sanft blickten, wie die der Gazelle.« Er nickte und dachte: »Hast recht, beturbanter Philosoph; wir wollen den Fall zu den Akten in das Fach Erledigt legen.«

Die Magd wusch in der Küche Gläser auf und sang. Er nickte lächelnd, pfiff leise die Singweise durch die Zähne und summte den Schlußreim: »Kehr' dich ab von mir, heb' dich fort von mir, scher' dich weg von meiner Tür.« So waren seine Gedanken, wenn er an Swaantje dachte. Mochte sie sich jetzt ebenso um ihn quälen, wie er es ihrethalben getan hatte; sie hatte es verdient durch ihre Feigheit.

Mit Schadenfreude stellte er fest, daß er sie nicht mehr liebte. Das war nur natürlich; es entsprach seiner Veranlagung. Sein Vater hatte den Grundsatz gehabt, ihm niemals einen Wunsch sofort zu gewähren. So hatte er ihm, als Helmold zwölf Jahre alt war, verboten, sich eine Armbrust zu kaufen. Nach einem halben Jahr bekam er sie zum Geburtstage, rührte sie aber nicht an, denn er war schon darüber hinaus.