Allmählich dachte er milder. Zu Hennig, der sich seinetwegen frei gemacht hatte, sprach er sich einmal, als er mit ihm vor das Dorf ging, darüber aus: »Weißt du, mein Lieber, ich zürne ihr auch nicht mehr, denn sie konnte schließlich nicht anders handeln, schon ihres Verhältnisses zu Grete wegen nicht. Ich weiß, das Ganze war Einbildung; aber daß ich das weiß, das ist eben das Schlimme. Ich bin doch jetzt körperlich schon wieder ganz rüstig; aber ich bleibe innerlich kalt und tot. Ich lebe in einem weißen Garten; wo ich hinsehe, verlieren die Blumen die Farbe und die Blätter das Grün. Mein Herz ist gefeit gegen jegliches Gefühl; es hat kein Teil mehr am lebendigen Leben.«
Er schwieg und dachte an alle die Frauen und Mädchen, die er geliebt hatte. Aus Gewohnheit fühlte er ihnen gegenüber Dank, in Wirklichkeit waren sie ihm alle gleichgültig. »Ja, Hennig,« murmelte er und nickte, auf das Dorf hinabsehend, wo alle Obstbäume blühten, »das ist nun so: Helmold Hagenrieder ist tot. Was da lebt, ist bloß noch der Professor gleichen Namens. Zwischen mir und der Welt ist eine Glasscheibe. Ich habe noch Sinne, noch Sinnlichkeit; aber ich habe die alte kindliche Anteilnahme an den Menschen und den Dingen verloren. Ich sehe sie nur noch in ihren kalten Lokaltönen, nicht mehr in der warmen persönlichen Beleuchtung, die ich ihnen früher gab.«
Er seufzte, aber dann lächelte er: »Ist übrigens das einzig Wahre. Der Künstler muß außerhalb der Welt stehen, wie Gott. Wer im Leben steht, bringt es nie zur Meisterschaft. War schon das beste für mich, diese dämliche Entgleisung. Wäre ich irgend ein Soundsomensch, Beamter oder so was, Philister, so wäre ich daran eingegangen; so aber hat mich diese Geschichte gereinigt. Denn ich bin da, um zu wirken, nicht um zu leben, wie Hans X und Kunz Y.«
Leise sprach er vor sich hin: »Künstler sollten nicht heiraten; sie können nicht treu sein, dürfen es nicht, sollen sie sich nicht selber untreu werden. Aber heiratet man nicht, so hat man keinen Zusammenhang mit dem Leben, lernt dessen tiefste Nöte nicht kennen. Wie man es auch macht, es ist immer verkehrt, und so wird das Allerverkehrteste wohl das einzig Richtige sein.«
Er zündete sich die erste der zwei Zigaretten an, die Benjamin ihm gestattet hatte, sah den Freund an, legte ihm die Hand auf das Knie und sprach weiter: »Ich habe früher von der Philosophie niemals viel gehalten; sie ist noch ein viel lorbeernerer Ersatz für das Leben, als die Kunst. Jetzt aber, wo ich mit dem Leben innerlich nichts mehr zu tun habe, philosophiere ich. Höre zu: Nach Kant gibt es kein Ding an und für sich; ich aber sehe die Dinge an und für sich. Also gibt es kein Ding an und für mich, sondern nur Dinge an und für sich für mich. Also geht mich als Menschen nichts mehr etwas an. Also bin ich kein Mensch mehr; also bin ich tot!«
Ein Goldammerhähnchen kam angeschnurrt, ließ sich auf einem Zaunpfahle nieder, sah die Männer zutraulich an, glättete seine gelbe Holle und begann zu singen. Helmold pfiff leise durch die Zähne das Lied des Vogels nach, nickte und murmelte: »Manche sagen, der Goldammer singt: ›Wie wie hab ich dich lieb, lieb.‹ Andere meinen, er sänge: ›Mein Nest ist weit weit, weit.‹ Alles auf der Welt hat ein zweites Gesicht, die Natur, die Kultur, die Religion, die Kunst, die Politik, die Liebe, alles, alles. Wer das nicht weiß, ist glücklich; ich weiß es. Ich habe es wohl immer gewußt, bloß manchmal vergaß ich es, und dann glaubte ich, glücklich zu sein. Im Sichselbstvergessen allein liegt das einzige Glück, also in der Narkose, durch Liebe, oder Haß, oder Arbeit. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, sagt man. Er ist und bleibt aber, wie alles Leben, eine dilettantische Leistung. In einem Buche über die Kultur der alten Assyrer steht folgender Vers eines Dichters jener Zeit: ›Gewandert ist in Hast mein müder Fuß so viel; ich gönnt' ihm keine Rast, doch fern bleibt stets das Ziel.‹«
Ein braunes Ding kam über den Zaun geschwenkt, streckte gelbe Krallen nach dem singenden Vogel aus und verschwand damit hinter der Hecke. Helmold sah Hennig an und lachte lustig: »Eine Gemeinheit sondergleichen; der gelbe Vogel singt von Liebe, und die Natur oder die Vorsehung schickt ihm den braunen Tod! Ich hatte einen Mitschüler, er hieß zwar Julius und noch dazu Müller, aber nie hat es ein so goldenes Herz gegeben, nie so viel Güte in einem Menschen. Er starb an Wundstarre, starb sieben Tage lang, lag da bei vollem Bewußtsein, konnte kein Glied rühren und mußte durch künstliche Atmung hingehalten werden, bis auch das nichts mehr half. Seine Mutter, eine Witwe, war eine gläubige Katholikin. Sie hat, nachdem ihr Julius tot war, keine Kirche mehr betreten und nie wieder gebetet. Ich war jeden Tag, solange mein Freund im Sterben lag, bei ihr, und mit jedem Tag bröckelte mein Gottesglauben mehr ab, bis nichts mehr davon übrig war, besonders seitdem ich vergleichende Religionsgeschichte gelesen hatte. Und dann kam ich an die Philosophie.« Er schüttelte den Kopf: »Na, das ist erst der größte Blödsinn; Narkose im Quadrat; vierte Dimension des Stumpfsinnes.«
Ein fast voll entwickeltes Mädchen von vierzehn Jahren mit hellblonden Flechten kam losen Ganges den Fußweg entlang, warf sich in die Brust, als sie die beiden Männer sah, machte ihnen einen Knix und sah den Maler so heiß an, daß Hennig die Augenbrauen hochzog. Helmold bemerkte es und meinte: »Ein reizendes Geschöpf, und so sehr verliebt. Die am Herzen liegen zu haben, das brächte mir am Ende noch ein bißchen Glück. Aber das wäre unmoralisch. Früher lebte ich unmoralisch, und hielt darum von der Moral sehr viel. Jetzt werde ich wohl moralisch leben, denn ich weiß, daß die Moral Schwindel ist, besonders die Geschlechtsmoral; ihre Wurzel ist der Neid, und weiter nichts. Wenn ich mit den Augen winkte, flöge mir dieses Bild von Mädchen an die Brust, und gäbe mir alles, was sie zu verschenken hat. Und nähme ich es, so gäbe das ein schönes Geschrei; denn alle Männer sehen ihr mit den selben hungrigen Augen nach, wie ich, und wie du, lieber Hennig. Infolgedessen, darum und so weiter!«
Er sah den Rauchringeln nach, blickte mit leeren Augen über das lachende Land und auf die kleinen Mädchen, die in der Wiese Blumen pflückten, und sprach vor sich hin: »Ich will hier fort. Mir ist es peinlich, die Anteilnahme in Frau Pohlmanns Augen zu sehen. Und dann ist Annemieken da. Allen bin ich Dank schuldig; aber wie kann ein toter Mann Dank abstatten? Höchstens durch kalte Worte. Laß uns irgendwohin fahren, wo kein Mensch mich kennt, und wo kein Mensch ist, den ich lieben muß.«