Das taten sie denn auch; doch zuvor fuhr Helmold nach Hause, um einige Tage mit den Kindern zu verleben. Als er eines Morgens, während seine Frau ausgegangen war, in der Werkstatt seine Bilder betrachtete, um zu prüfen, ob nicht dort oder da Spuren einer krankhaft verzerrten Anschauung zu finden seien, klopfte es an der Tür und auf seinen Zuruf trat Luise herein. Sie war ganz blaß und hatte die Augen unter sich. Er hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihr allein zu sein, und er war sehr froh darüber gewesen; aber als er sie so dastehen sah mit auf den Estrich gerichteten Augen, wurde sein Herz doch ein wenig warm, denn sie sah so schön und dabei so magdlich demütig aus. »Nun, liebe Luise,« fragte er, und strich ihr mit der Hand über die Backe, »wo fehlt es? Denn du hast etwas auf dem Herzen, das sehe ich dir an.«

Das Mädchen sah auf, schlug aber die Augen sofort wieder nieder, und ihre Brüste gingen auf und ab, als sie endlich herausstotterte: »Herr Hagenrieder, ich, ich, mein Schwager, Sie wissen doch, meine Schwester ist gestorben, und nun sitzt er da mit den beiden kleinen Kindern. Und er ist da und fragt mich, ob ich ihn nicht heiraten will.« Sie strich an ihrer Schürze entlang und schwieg. »Hast du ihn gern?« fragte er. Sie nickte: »Er ist ein guter Mann und fleißig, und er sagt, er hat mich von jeher gut leiden mögen, und denn sind die Kinder da, und die mögen mich gut leiden. Und so wie es ist, kann es doch nicht bleiben.« Sie stockte, fuhr aber gleich fort: »Aber ich meine, solche Eile hat das just nicht, und wenn Sie wollen, Herr Hagenrieder, so bleibe ich noch.«

Eine warme Welle lief ihm über die Brust. Er faßte das Mädchen bei der Hand und sagte: »Nein, das will ich nicht; denn auf die Dauer durften wir nicht so weiter leben. Wenn Sie Ihren Schwager wirklich gern haben, ist es so das Beste.« Sie nickte und sah ihn dankbar an, Tränen in den Augen. Er gab ihr die Hand und sagte: »Ich wünsche dir viel Glück, mein liebes Kind. Und noch eins: jeder Mensch kann einmal Sorgen haben. Vergiß nie, daß ich dir sehr viel Dank schuldig bin.«

Er sah ihr nach, als sie gerade und aufrecht durch den Garten ging, und als sie in der Haustür verschwand, dachte er: »Meine Jugend hat mich verlassen; wohl mir!«

Am anderen Tage fuhr er mit Hennecke fort. Als er nach einem Monde wieder kam, hatte er ein volles, braunes Gesicht, klare Augen, eine feste Stimme und einen straffen Gang. Das Weiche, Zarte war ganz bei ihm verschwunden, doch auch das Harte und Eckige.

Er sah seinen Kleiderschrank durch, tat alles beiseite, was nach gesuchter Eigenart schmeckte, hielt eine fürchterliche Musterung unter seinen Halsbinden und Handschuhen ab und gab dann der neuen Magd den Auftrag, das Moos, das er früher so sehr geliebt hatte, von den Wegen im Garten zu entfernen. Dann stellte er alle Bilder von Swaantje wieder an ihre Plätze und desgleichen die Geschenke, die er und seine Frau von ihr erhalten hatten, und schließlich schrieb er ihr einen netten Vetternbrief, in dem er ihr in leichter Weise erzählte, wie sein äußeres Leben in der letzten Zeit gewesen war. »Denn,« sagte er sich, »sie ist nun doch einmal unser Bäschen.«

Als Grete ihm erzählte, daß Swaantje Krankenschwester werden wolle, erwiderte er: »Na, dann wird sie hoffentlich über kurz oder lang Frau Doktor Soundso heißen. Das wäre auch das beste für sie.« Seine Frau stand auf, legte ihren Kopf an seine Schulter und flüsterte: »Ist das dein voller Ernst, lieber Helmold?« Er sah sie mit aufrichtigen Augen an, nickte und antwortete: »Jawohl, das ist es; ich werde nicht wieder rückfällig.« Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er fort: »Sie war mir ein leiser Oktavton; er ist in mir aufgegangen und klingt nicht mehr. Ich war C, sie eine Oktav tiefer. Es gab keine Dissonanz, aber auch keinen Akkord, denn sie war ein zu unselbständiger Ton neben mir. Ich liebte sie aus Angst vor dem Altwerden; jetzt habe ich vor dieser Angst keine Bange mehr.«

Er sprach die Wahrheit; er wußte, daß er bereits alt war. In dem Luftkurorte, in den er sich mit Hennecke geflüchtet hatte, war er bald der Mittelpunkt der Geselligkeit gewesen, und wenn er gewollt hätte, so konnte er viel süße Küsse pflücken. Er hatte aber nur mit Worten getändelt und zumeist harmlos, bis sich aus dem Wortgetändel zwischen ihm und einer hübschen, sehr schlagfertigen Frau, die unter den Folgen eines Scheidungsprozesses litt, etwas entwickelte, das wie Liebe aussah, aber im Grunde nur der Niederschlag der gepfefferten Wortgefechte war, die ihm neue Spannkraft gaben und ihr das zerdrückte Herz aufrichteten.