Er war oft sehr weit in seinen Bemerkungen gegangen. Die Frau trug eines Tages seidene Strümpfe mit einem spiralig verlaufenden Muster. Als er mit lustigen Augen darauf hinsah, fragte sie ihn: »Interessieren Sie meine Strümpfe so sehr?« Er lachte: »Ja freilich; das Muster eröffnet dem denkenden Leser die interessantesten Perspektiven?« Sie fuhr auf: »Aber, Herr Hagenrieder?« Er lachte wieder: »Na was denn? Denkt man sich die Spirale fortgesetzt, so landet man schließlich bei,« er sah sie harmlos an, »dem klugen und schönen Gesichtchen!« Sie drohte ihm mit dem Finger.
Drei Tage, bevor sie abreiste, sagte sie ihm: »Sie haben mein Herz wieder lachen gelehrt, Sie ganz frecher Mensch Sie; aber ich glaube, ich habe Ihnen auch etwas geholfen. Es ist übrigens gut, daß jetzt wieder jeder seinen eigenen Weg geht.« Sie sagte das mit lachendem Munde, aber dabei liefen ihr Tränen in die Augen, und sie drehte sich schnell um.
Er hatte sich sehr an sie gewöhnt, und ihm war so, als müßte er ihr in den Laubengang nachgehen und sie in den Arm nehmen; aber er riß sich zurück. Als sie abgereist war, sagte er sich: »Herr Hagenrieder, Sie werden alt, oder vielmehr, Sie sind es schon.«
Er war es; er wurde kühlverbindlich in seinem Benehmen, zurückhaltend im Reden und vorsichtig im Handeln. Er, der früher Gefahren und Verwicklungen suchte, schlug jetzt Richtwege ein, konnte er dadurch eine Unannehmlichkeit vermeiden. »Passé!« dachte die Gräfin Tschelinski, als sie ihn wiedersah, und wich ihm aus, was ihm sehr lieb war, denn ihr übermodernes Wesen hatte ihm schon längst den Appetit verdorben. Noch froher war er, als der Prinz ihm erzählte, daß Frau Pohlmann ihr Anwesen verkauft und sich anderswohin verheiratet habe.
Mit viel mehr Freude konnte er nun zur Pürsch auf den roten Bock fahren. Aber auch mit der Jagd war er auseinandergekommen; er schoß nach dem Bock, wie nach der Scheibe, und während er sich früher gänzlich der Stimmung der Landschaft hingegeben hatte, betrachtete er sie jetzt mit den selben Augen, mit der er seine entthronten Herzensköniginnen ansah. Er bemerkte ihre Schwächen, ohne daß er dadurch abgestoßen wurde; er hing nicht mehr an ihnen, und so beleidigte ihn das Fehlerhafte nicht.
Seine Frau freute sich über ihn; er war jetzt immer gleichen Mutes, hatte nie üble Laune, vergaß kein einziges Mal den Morgen- und Abendkuß, gab sich viel mit den Kindern ab, war der rücksichtsvollste und verbindlichste Kavalier in allen Gesellschaften, zu denen sie mit ihm ging, sah nie mehr mit langenden Augen nach anderen Frauen hin, aß stets mit Appetit, ging rechtzeitig schlafen und teilte sich Arbeit und Erholung gewissenhaft ein.
Ab und zu wurde ihr die Abgeklärtheit und Durchsichtigkeit seines Wesens etwas unheimlich; aber bei ihrer frohherzigen Natur kam sie bald darüber hinweg, und sie sagte sich schließlich auch: »Ach was, es ist auch besser so!«
Ganz das selbe dachte er dann und wann auch. Wenn er beim Malen war, und er alle die Formen und Farben, die sein Herz ihm nicht mehr bot, aus seinem Verstand hervorholte und kühl und überlegen zu kraftvollen Werken zusammenklingen ließ, dachte er: »Ist das langweilig! Ich weiß ja, es gelingt: also lohnt es sich nicht mehr!«
Er wünschte sich in solchen Augenblicken, er wäre tot, und seine Witwe fände einen netten, guten und klugen Mann; denn in Wirklichkeit stand auch sie samt den Kindern fern von ihm.
Mit Hennecke ging es ihm nicht anders; er liebte ihn nur noch in der Erinnerung und hatte ihm das einst gesagt. »Ist mir ganz schnuppe,« hatte Hennig geantwortet, und er setzte hinzu: »es freut mich aber, daß du es mir sagst; das ist eine Liebeserklärung in bester Form. Ich habe dir viel, du mir einiges zu danken; daran wollen wir uns genügen lassen. Schließlich bleibt doch jeder Mensch allein.«