Auch er war ein kalter Mann geworden, seitdem ihm seine Line drei Tage, bevor er sich mit ihr trauen lassen wollte, von einem Kraftwagen totgefahren war. Nicht viel anders ging es Beni Benjamin. Er hatte die Stelle als Nervenspezialist am städtischen Krankenhause angenommen, den Professortitel bekommen, spielte eine Rolle in der Gesellschaft, und noch mehr seine schöne, lebhafte Frau, und er hatte auch die leise Frau, die er sich geträumt hatte, in einer Patientin gefunden, die er von jahrelangem Leiden gerettet hatte. Da starb ihm sein Sohn, und nach einem Vierteljahr war er ein stiller Mann mit toten Augen und lippenlosem Munde.
»Tja«, scherzte Helmold Hagenrieder, als er mit ihm und Hennecke hinter einer guten Flasche saß, »hier sitzen wir drei Weisen aus dem Morgen- und Abendlande, hocherhaben über der blöden Menge und können singen: ›Guter Mond, du gehst so stille!‹ Ja, lieber Hennig, du hattest recht, als du mit zwanzig Jahren dichtetest: ›Nichts hoffen, aber auch nichts fürchten, nie traurig, doch auch niemals froh; Ich möchte sein, was ich gewesen; ach was, es ist auch besser so!‹ Stoßt an, Brüder von der kalten Lamain; das Leben ist einer Hühnerleiter nicht unähnlich: ziemlich dreckig, oder noch mehr einem Kinderhemde: kurz und bescheiden. Na, wir haben es bald zur Strecke gebracht. Ha la lit!«
Das meinte er aber durchaus nicht im trübseligen Sinne, und gleich darauf erzählte er die tollsten Schnurren, ließ sich den Wein und die Zigarre schmecken und ging um halb elf Uhr heim; denn der Alkohol war ihm jetzt nur noch ein guter Freund, von dem er sagte: »Man darf die Freundschaft nicht zum Verkehr ausarten lassen.« Einmal in der Woche traf er sich mit Hennig und Beni beim Wein und einen anderen Abend ging er in den Künstlerverein, um Billard zu spielen und zwei Gläser Bier dabei zu trinken.
Nur wenn Vollmond war, kam ab und zu die alte Unruhe über ihn; aber dann sah er sich vor und fuhr nach Stillenliebe, tobte sich mit Klaus Ruter, der inzwischen den väterlichen Hof übernommen hatte, hinter den Karten aus und ließ sich von Annemieken die Brummfliegen wegjagen.
Bei diesem Mädchen, das gar keine Bildung, aber ein Herz und einen scharfen, wenn auch nicht weiten Verstand und viel Takt hatte, wich alle seine Unruhe sehr bald. Zudem fesselte sie ihn, wenn auch wenig mehr als Weib und auch kaum als Einzelmensch, sondern als Typus; das Erdgebürtige, das Urwüchsige, Unverbildete ihrer Erscheinung und ihres Wesens sagte seinem Urmenschenempfinden zu, und mit stets neuem Erstaunen lauschte er den unwillkürlichen Offenbarungen, die ihrem Unterbewußtsein entsprangen.
Sie konnte eben noch lustig lachen, aber dann begannen ihre Augen zu verschwimmen, und wenn sie sprach, hörte er nicht ein hübsches Landmädchen reden, sondern sein Volk sprach zu ihm. Stundenlang konnte er, die Pfeife im Munde, im Backenstuhle sitzen und in das offene Feuer sehen, während Gift und Galle sich zu seinen Füßen räkelten und die Katze auf seinem Schoße saß und schnurrte; ihm gegenüber saß dann Annemieken, spann und sang mit nur halb entfalteter Stimme ein altes Lied.
»So kann man tausend Jahre sitzen,« sagte er, den Funken zusehend, die um den Dreifuß sprangen. »Ja, Feuer ist Gesellschaft,« antwortete das Mädchen und ließ das Rad weiter schnurren.
Er sah sie groß an; dieses eine Wort, das einzig mögliche, um die Bedeutung des offenen Feuers für das Seelenleben eines ganzen Volkes wiederzugeben, eröffnete ihm einen Ausblick auf die Entstehung der gesamten Volksdichtung.
»Weißt du, Mieken, daß du eine Dichterin bist?« fragte er sie. Sie nickte gleichmütig: »Ja, ich habe erst heute noch das Fenster im Ziegenstall gedichtet«, und dann lachte sie, weil er ein ganz verblüfftes Gesicht machte, denn das war der erste Kalauer, den er von ihr hörte.