Doch so ging es ihm oft mit ihr; sie hatte tausend Schubladen und Geheimfächer in ihrer Seele, und manche davon waren so versteckt angebracht, daß sie sie nur ganz zufällig fand und selber erstaunt war über die alten Erbstücke, die darin herumlagen, einige noch gut erhaltene, andere vergilbt und stockfleckig, mottenfräßig oder schimmelig.
Das Spinnrad schnurrte, der Tranküsel flackerte, rote Funken sprangen hin und her, und die gewaltigen Pferdeköpfe des Herdrahmens warfen unheimliche Schatten auf die Wände des Fletts. Mieken rührte die Arme fleißig, und Helmold betrachtete mit zufriedenen Augen ihr reiches blondes Haar, ihr frisches Gesicht, das bei jedem Lächeln drei Grübchen vorwies, die vollen Brüste, die sich ungesucht unter dem weißen Hemde und dem roten Leibchen abzeichneten, und die prallen Lenden, die der blaue Rock umspannte, während die weiße Schürze sich im Schoße verführerisch knickte, und er ließ sich von der alten Weise streicheln, die der Kessel brummte und Annemieken summte, bis sie, mit verträumten Augen vor sich hinstarrend, zu erzählen begann und ihn in die Zeiten führte, da noch die Bäume rote Herzen hatten und jedes Tier eine Sprache besaß, die von Menschenohren verstanden wurde.
Sein Volk, das einzige, das er auf der Welt noch liebte, saß vor ihm in Weibesgestalt, durchsichtig, wie ein tiefes Wasser, und ebenso unergründlich, schön anzusehen und doch schrecklicher Geheimnisse voll, und es blickte ihn mit hellen warmen Augen an, die einen Pulsschlag später kalt und dunkel aussehen konnten.
Er zerfaserte sein Verhältnis zu dem jungen Weibe, das vor ihm saß und in völliger Selbstvergessenheit spann. Zu Bildern waren ihm die Frauen im allgemeinen nun geworden; er konnte sie nur noch flächig sehen. Bei Annemieken war das anders, die lebte um ihn; weniger sie selber, als das, dessen Sinnbild sie war, als sein Volk, mit dem er sich eins fühlte.
Er dachte an die Stadt und lächelte in sich; Plunder, Volants, außen und innen, ein Staffeleileben, zwecklose Ornamentik, Künstelei, das Ganze ohne viel Sinn und Zweck.
Er sah sich im Flett um; da war nur Zweck und gar kein Ornament. Selbst die Mährenhäupter des Rahmens waren nur Zweck, eine Verbeugung vor Wode, dem entthronten Gotte. Aber wie schön war nicht der Kesselhaken in seiner ganz auf den Zweck gearbeiteten Form, wie schön jedes Stück Geschirr an der Feuerwand, wie sinngemäß die kunstvolle Pflasterung des Estrichs mit den geschwungenen Schmuckstreifen aus weißen Kieseln. Das war Kunst, Kunst im Leben, nicht neben dem Leben, keine Staffelei- und Atelierkunst.
Überall lachte sie ihn an, die Seele seines Volkes, die ein Kunstwerk aus jedem Geräte gemacht hatte, und nur deshalb, weil sie an Kunst nicht dachte. Ob es nun der Kugelfußtisch war oder der Stuhl mit dem Sitze aus Schilf, die Tranlampe oder der Tellerkranz, jedes Stück erzählte oder sang in seiner leisen Art; desgleichen der Rosmarinstock vor dem Fenster der Dönze und der grüne Topf, in dem das Allwundheil wuchs. Das war die Welt, in die er hineinpaßte, in der er hätte leben müssen, wenn auch nur als kleiner Handwerker.
Hier tönte ihm noch ein Echo des wirklichen Lebens. Es war ihm ein Bedürfnis, Annemieken die schweren Arbeiten abzunehmen; er fühlte sich ganz hineingestimmt in diese Welt, er, der Mann, der dem übrigen Leben gegenüber sich zum Außerhalbsbewußtsein hingefunden oder verirrt hatte. Da war Ruhe und Frieden und langsames, bedächtiges Schaffen; da war nicht jeder Augenaufschlag mit einem Lächeln gewürzt, wurden Zärtlichkeiten nicht feilgeboten. Alles mußte erarbeitet oder erobert werden.
Unglaublich tief war das Verständnis dieses einfachen Weibes für seine Art; denn es beruhte auf der uralten Überlieferung, auf nach Jahrtausenden zählenden Gewohnheiten, auf einer unermeßlichen Erfahrung.
›Hier ich, da du!‹ das war die Losung, und das Feldgeschrei hieß: ›Jedem das Seine!‹ Da gab es keine Seelenvermanschung, Persönlichkeitsverquirlung, nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl, wie zwischen dem Birnbaum im Grasgarten und dem Efeu, der ihn umwuchs. Vor allem! man sprach nicht über Dinge, die mit Worten nicht zu ändern sind, wie man seit Jahrzehntausenden wußte; man war zu klug und zu gebildet und zu keusch. Man zog sich nie nackt vor einander aus, und man quälte sich nicht mit Unmöglichkeiten. Man gab sich keine Mühe, den anderen zu durchdringen; man wußte, jeder blieb doch für sich. So gab es keine Enttäuschung und kein Entfremden, keinen kalten Blick nach dem Nacken des anderen.