Er trank den Rest Warmbier aus der zinnernen Kanne, die er neben dem Feuer stehen hatte, klopfte seine Pfeife aus, hängte sie an den Nagel, sah das Mädchen an und sprach: »Annemie!« Sie lächelte und ihre Augen leuchteten, denn wenn er sie so anredete, das wußte sie, mußte sie ihm irgendwie helfen. Sie sah ihn fragend an. Er fing an: »Annemieken, du hast sie doch gesehen, damals, als ich so krank war?« Sie nickte. »Wie gefiel sie dir?« Sie wiegte den Kopf hin und her: »Ich weiß nicht; das war nicht Fisch noch Fleisch!«

Er sah Swaantje vor sich. Ihre Augen hatten keine goldenen Blumen mehr, sondern gelbe Flecke; ihre Stimme war nicht mehr weich, sondern schwach; ihr Gesicht war zu sehr nach Mannesart geschnitten, und ihr Haar roch nicht wie Mädchenhaar; was sollte er also mit ihr?

Aber er hatte ein Anrecht auf sie, er wollte seine Satisfaktion von ihr haben; wollte damit alles das, was er durch sie eingebüßt hatte, wieder in sich hineinzwingen. »Aber das wird doch nicht gehen,« überlegte er, nahm Annemieken in den Arm und küßte in ihr sein Volk, ließ sein Bewußtsein in ihr untergehen, wärmte sein altes Herz an dessen ewig jungem Leben.

Als dann der Schlummer sein Denken schon zudecken wollte, war es ihm, als ob seine Ehefrau neben ihm atmete, und sehnsüchtig gedachte er ihrer. Er sah sie als Bäuerin im Hause walten, ruhig und bedächtig, nur ihm und den Kindern lebend, unbekümmert um das, was außerhalb ihres Hofes in der Welt vor sich ging, ganz und gar weiter nichts als Frau Hagenrieder, von seiner selbstverständlichen Achtung umgeben, und seiner vollen Liebe um so sicherer, als davon niemals die Rede war.

Als er nach drei Tagen in der zweiten Wagenklasse heimfuhr, hatte er ein Mädchen aus der ersten Gesellschaft zur Fahrtgenossin. Sie war einst seine Tischnachbarin gewesen, hatte ihm in allen möglichen Dingen widersprochen, bis ihm die Geduld riß und er freundlich antwortete: »Ja, über bildende Kunst kann ich nicht urteilen, gnädiges Fräulein; ich bin man bloß Maler.« Sie hatte erst einen roten Kopf bekommen und glühende Augen, war aber dann ganz weich geworden und hatte ihn in aller Form um Entschuldigung gebeten.

Nun war sie wie Knetwachs in seinen Händen. Sie war sehr schön und von reizendem Wesen, und er wußte es: »Ein Wort, ein Griff und du hast sie.« Aber er hatte eingesehen, warum er noch vor kurzem jedes Frauenherz annahm, das ihm hingehalten wurde; Seelen hatte er sich vermählen wollen. Nun er einsah, daß das eine Unmöglichkeit war, riß er sich zurück, unterhielt das hübsche Mädchen auf das beste, vermied jene innere Annäherung und schied von ihr mit einem höflichen Lächeln.

Am nächsten Tage mußte er abermals ein Herzchen dankend ablehnen. Er war allein im Hause und Minna, das Kindermädchen, das mit einem Male einen prallen Schürzenlatz und verlangende Augen bekommen hatte, umgab ihn, als er zu Abend aß, mit so durchsichtiger Hingebung, daß die Absicht mit Händen zu greifen war. Als er dann allein in der Werkstatt war, erschien sie zweimal dort, reizend anzusehen in dem Waschkleide, dem weißen Tändelschürzchen und dem Spitzenhäubchen in dem welligen hellen Haar.

Sie tat ihm leid, denn allzu deutlich bot sie sich ihm an, von der Natur getrieben und aus dem Gefühle der Dankbarkeit heraus gegen den allzeit gütigen Herrn; auch war er sich ganz klar darüber, daß er sie begehrte, einfach deshalb, weil die Natur den reifen Mann zu dem eben aufblühenden Weibe hinzwingt; aber er nickte ihr nur freundlich zu und sagte: »Danke, liebes Kind, nun habe ich alles; wenn du noch etwas ausgehen willst, so ist mir das recht. Es ist ein so schöner Abend.«

Rüstig arbeitete er an seinem Bilde weiter, denkend: »Ich bin nicht mehr jung genug für solche Dinge und habe also das Recht darauf eingebüßt. Und sie ist zu schade dafür, mir weiter nichts zu sein, als ein Spielzeug. Und sie wird nicht mehr an mich denken, sobald sie einen findet, der ihrer Art ist.«

Die nächste Zeit hatte er sehr viel zu tun, einmal mit seinen großen Aufträgen und dann mit dem Doppelbildnis des Oberpräsidenten und seiner Frau. Als es fertig war, schickte er es ihnen hin, und als er am folgenden Tage dort eingeladen war und die Oberpräsidentin ihm sagte: »Sie haben uns hoch erfreut, lieber Freund; wie sollen wir das gut machen?« lachte er und sagte: »Dadurch, daß Eure Exzellenz mir gestatten, noch oft kommen zu dürfen.«