Im Verlaufe des Abends fragte der Hausherr: »Sagen Sie mal, Ihre Familie war doch einst von Adel?« Der Maler nickte: »Jawohl, von altem Bauernadel. Wir verarmten in Kriegszeiten völlig und legten die Standesbezeichnung ab, denn sie war zum störenden Ornament geworden, womit man überall anhakte. Ich besitze übrigens alle Papiere über mein Geschlecht; der Stammbaum weist keine Lücke auf über sechshundert Jahre.« »Ei, ei,« meinte der Gastgeber und sprach von etwas anderem.

Einige Zeit darauf wurde Hagenrieder zum geheimen Hofrate ernannt. Um den Glückwünschen aus dem Wege zu gehen, und um sich von den gesellschaftlichen Anstrengungen zu erholen, fuhr er nach Stillenliebe. Er hatte sich in Annemiekens Hause eine Dönze eingerichtet und wohnte nicht mehr in der Wirtschaft. Die Bauern vermieden jede Anspielung auf seine Stellung zu dem Mädchen; er gehörte so sehr zu ihnen, daß sie sein Eigenleben ebenso achteten, wie sie ihr eigenes schützten.

Alle, die ihn näher kannten, fühlten heraus, daß er nicht mehr der lustige Mann war, als den sie ihn kennen lernten; aber da jeder von ihnen selber einen Packen auf dem Nacken hatte, erbot sich keiner, ihm den seinen tragen zu helfen, selbst der Vorsteher Klaus Ruter nicht, sein bester Freund im Dorfe. Als der Pfarrer vom Kirchdorfe einmal bei Ruter vorsprach, angeblich kirchlicher Angelegenheiten halber, und anscheinend beiläufig auf das Verhältnis Hagenrieders zu Annemieken zu sprechen kam, fragte ihn der Vorsteher: »Was trinken Sie lieber, Herr Pastor, Bier oder Wein?« Da sprach der Geistliche schnell von etwas anderem.

So hatte Helmold Hagenrieder zwei Gesichter, das des Jägers und Bauern, und das des Stadtmenschen und Künstlers. Er konnte die halbe Nacht mit den Bauern trinken und Karten spielen, und er brachte es fertig, vier Stunden lang im Frack der Glanzpunkt einer Tischgesellschaft zu sein. Die Bauern ahnten nicht, daß der Mann, der mit jedem von ihnen auf du und du stand, der bedeutendste bildende Künstler seiner Zeit war. Als ein Reisender eine Zeitschrift im Kruge liegen ließ, in dem der Geheime Hofrat Professor Hagenrieder beschrieben und abgebildet war, machten sie zwar den verlegenen Versuch, ihm seine Titel zu geben, aber da lachte er und sagte zu dem Wiebkenbauern: »Alter Döllmer! Soll ich zu dir vielleicht Herr Vollmeier oder Herr Jagdvorsteher oder Herr Gemeinderatsmitglied sagen? Professor und Geheimrat und das andere bin ich, wenn ich die Kellneruniform anhabe; hier heiße ich Hagenrieder und damit basta. Prost, Korl! auf daß deine Kinder einen klugen Vater kriegen!« In der Stadt hinwiederum hatte man keine Ahnung davon, daß der Herr Geheimrat, der fesselnde Plauderer, da hinten in der Haide wie ein Halbindianer lebte und mit einem Mädchen, das mir und mich verwechselte, selbst wintertags keine Hosen trug und mit dem Messer aß, auf du und du und so weiter stand und ihr beim Holzhacken und Stallausmisten half. Die einzigen Stadtleute, die darum wußten, Hennig Hennecke und der Prinz, sprachen darüber nicht.

Mehr als einmal hatte Helmold es vorgehabt, sich seiner Frau zu entdecken; doch stand er davon ab, indem er sich sagte: »Wozu soll ich sie ärgern?« Und dann wußte er auch, daß er ihr eigentlich gar nichts verheimlichte, denn was war ihm Annemieken schließlich mehr als ein Teil des Dorfes, ein Stück der Landschaft? Die Zeit der Liebe war vorbei für ihn, also auch die Zeit der heimlichen Sünde.

Er hatte sich jetzt völlig in der Hand; sein Herz lief Schritt und Trab, wie er es haben wollte. Nur ein einziges Mal schlug es noch etwas über die Stränge. Das war auf dem großen Maienfeste, das die Künstlerschaft im Hirschgarten veranstaltete. Es fiel gerade in die Zeit, in der sich Swaantje bei Benjamin einer Behandlung unterzog. Sie wohnte bei Hagenrieders. »Ist es dir auch nicht unangenehm?« hatte Grete gefragt. »Durchaus nicht,« antwortete ihr Mann.

Mit einer gewissen Feindseligkeit im Herzen trat er ihr anfangs gegenüber, doch fand er bald, daß er sich unnütz in Paukwichs geworfen hatte. Ihre Stimme klang nicht mehr bis zu seiner Seele, und seine Augen streichelten sie weder, noch drohten sie ihr. Er vermied aus Nützlichkeitsgründen das Alleinsein mit ihr; ließ es sich aber nicht umgehen, so zwang er sich zu einem leichten freundlichen Plaudertone. Sobald sie aber eine ernste Frage anbrach oder an sein Innenleben heranging, machte er kehrt.

Ganz kalt beobachtete er sie. Sie war noch ebenso schön, wie einst; aber er hatte zu lange hinter ihr hergeweint, als daß seine Augen für sie nicht erblindet wären. Er liebte sie nicht mehr, und fühlte auch keinen Haß gegen sie; sie war ihm nichts, als das Bild eines Menschen, den er einst heiß geliebt hatte.

»Schade,« dachte er, »daß es so ist; aber nichts ist überzeugender, als die Wucht der Tatsache!«