Er sah sie im Garten neben Grete stehen. Er zog sie mit den Augen aus, betrachtete ihren Akt, gab ihr alle Stellungen und setzte sie jeglicher Beleuchtung aus, schüttelte den Kopf und dachte: »Es war einmal! Ein Segen, daß sie nicht meine Frau geworden ist.« Und mit einem Male mußte er auflachen. Er hatte Professor Groenewald kennen gelernt, einen Mann, der nach Eitelkeit und Kölnischem Wasser roch, Weiberhände hatte und einen Brillantring trug. »Schmalzlerche!« hatte Helmold gedacht, als er ihn sah. Nun aber dachte er: »Solche Männer, die keine sind, gefallen so'nen Weibern, die keine sind.«
Bei der Tafel hatte er Swaantje halb rechts gegenüber sitzen; ein großer Strauß trennte zumeist ihre Blicke, so daß er sich völlig seiner Tischdame widmen konnte, eben jenem schönen Mädchen, das ihm einst in der Eisenbahn ihr Herz umsonst hingehalten hatte, und das den rosenroten Namen Meinholde Marten trug. Sie war glücklich, neben ihm sitzen zu können; ihre Augen funkelten noch mehr als die Demanten in ihrem goldenen Haar und auf ihrem herrlichen Halse. Seine Blicke streichelten ihre Schultern und stahlen sich dahin, wo ihre Brüste im Schatten der Spitzen auf und abhüpften, ab und zu freudig errötend, wenn eine zarte Schmeichelei oder ein kecker Vergleich sie in Erregung versetzte.
Niemals war Helmold bezaubernder gewesen, als an diesem Abend: er focht Dessin mit seinen Worten, schlug ganz leichte Terzen an, gebrauchte listige Finten und setzte dann eine Tiefquart dahinter, daß Lappen und Knochensplitter flogen und die Abfuhr völlig war. Aber das war nichts als Schlägermensur; mit dem krummen Säbel trat er erst an, als er sich zum Trinkspruche erhob, denn da sah man den Renommierfechter. »Ich habe den peinlichen Auftrag erhalten, den Trinkspruch auf die Damen auszubringen,« begann er und sah kalt von rechts nach links in die vierhundert verblüfften Augen. »Ich denke gar nicht daran, den Auftrag zu erfüllen; denn,« er sprach es mit einem bösen Blicke, »den Frauen und Jungfrauen will ich ein Lobredner sein, so gut ich es kann.« Alle Augen wurden hell. »Dame, was ist das?« fuhr er fort; »ein wälsch Wort, ein farblos Wort, ein Unwort. In der galanten Zeit kam es auf, und bedeutete nichts Sauberes, schmeckte nach Liebelei, aber nicht nach treuer Liebe, sagt doch der alte gute Friedrich von Logau: ›Was Dame sei und dann, was Dama wird verspürt, daß jene Hörner macht und dieses Hörner führt.‹«
Er lachte lustig und rief: »Fort mit dem dämlichen Wort!« Und dann wand er den Frauen und Jungfrauen einen Kranz aus roten und weißen Blüten; er huldigte ihnen als Mann, nicht als Knecht; er gab ihnen die Hand, küßte ihre aber nicht, die Kniee beugend; vergaß keine, weder die vornehme Frau noch die einfache Magd, und dann schwenkte er ab, näherte sich gefährlichen Punkten, daß die Männer unruhige Augen bekamen und den Frauen das Herz stille stand, weil sie ihn schon abstürzen sahen; doch mit einem harmlosen Lächeln gab er seinen Worten eine Wendung, die ihn rettete. So führte er seine Zuhörer ein dutzend Male an gefährlichen Abgründen vorbei, um sie schließlich zu einem Gipfel zu leiten, von dem aus sich ihnen eine Aussicht bot auf lauter Sonne und Wonne.
Alle Augen an der Tafel waren erfüllt von dem Abglanze seiner Worte, als er endete und hinter einem Gitter weißer Arme verschwand, die ihm die Sektkelche entgegenstreckten, deren helles Klirren sich von dem neidischen Beifallsgemurmel der Männer abhob, wie weiße Blumen von abendlich dunklem Gebüsche. Doch am meisten leuchteten die Augen seiner Tischnachbarin; als er mit ihr anstieß, hauchte sie: »Du!«
Swaantjes Augen aber standen schwarz in ihrem weißen Gesichte; ihr Mund war wie ein Strich, und ihre Hand lag geballt auf dem Tische. Sie hatte das selbe Gesicht, wie an jenem Tage, als er in der Werkstatt um einen Kuß flehend vor ihr stand, Tränen in den Augen. Nun stieß er, sie unbefangen anblickend, mit ihr an und setzte sich nieder, seiner Tischnachbarin ein Wort zuflüsternd, das Abendröte auf ihrem Gesichte hervorrief.
Keinen Augenblick ließ Swaantje das Paar mit den Blicken los, solange die Tafel währte. Ihr Vetter merkte es wohl; als er sah, wie blaß sie war, stieg ein unbehagliches Gefühl in ihm auf. Aber da er rundumher nur zärtliche Augen erblickte, und der Sekt sein Blut erhitzte, und das Mädchen, das neben ihm saß, ihn ganz in Anspruch nahm, und zudem der Fliederstrauß Swaantje halb verbarg, so vergaß sein Herz sie.
Und dann kam der Fackelreigen durch den dunkelen Wald, an dessen Rändern die Nachtigallen schlugen, und er hatte das wunderschöne Mädchen erst am Arm, und bald darauf, als der Zug sich auflöste, im Arm, und der Kauz rief und der Waldmeister und das junge Buchenlaub dufteten, und Helmold küßte Meinholde und sie küßte ihn wieder, bis sie aufseufzte und flüsterte: »Nun geh! sonst reden sie über uns.«
Dann aber fand er sich mitten im Trubel, stand vor Swaantje und bat sie um den Walzer. Sie tanzte schlechter als sonst, und sah so bleich aus, daß er sie zu einer Bank führte, sich zu ihr setzte und einen leichten Ton anschlug. Sie antwortete matt und lächelte kaum, wenn er etwas Lustiges sagte, und mit einem Male sah sie starr nach seiner Hemdenbrust, stand jäh auf und sagte: »Ich muß einen Augenblick allein sein; mir ist so sonderbar.«
Als sie ihn verlassen hatte, nahm er das goldblonde lange Haar fort, das an der Perle hing, die sein Hemd zusammenhielt, und er wußte nicht, sollte er die Stirn runzeln oder lächeln. Aber dann erinnerte er sich an das, was er sich an dem Tage vorgenommen hatte, als er den Mordhirsch im Schandenholze geschossen hatte. »Blut um Blut!« dachte er.