Am folgenden Tage fuhr er zur Jagd; absichtlich fuhr er in aller Frühe fort, ohne Abschied zu nehmen. Als er nach einer halben Woche wieder kam, nach jungem Birkenlaube und Post duftend, drei Birkhähne in der Hand, traf er Swaantje ganz allein zu Hause, denn seine Frau hatte einen Besuch zu machen und die Mädchen waren mit den Kindern aus.

»Du siehst nicht besonders aus, Kleine,« sagte er und tätschelte ihr die Backen wie einem Kinde. Sie bediente ihn beim Kaffee; er freute sich der kraftlosen Anmut ihrer Bewegungen und nahm den Klang ihrer weichen Stimme dankbar hin, suchte aber vergebens nach den goldenen Blumen in ihren Augen und lauschte umsonst auf den Widerhall seiner Liebe in seiner Brust.

Wenn er sie ansah, war ihm zu Mute, als käme er in eine Stadt, in der er einst viele liebe Freunde hatte, und nun waren sie alle tot.

Doch als er dann in der Werkstätte war, dachte er: »Ich will sie an ihre Schuld mahnen, jetzt gleich. Donnerwetter, sie ist und bleibt doch immer eine Lücke in meinem Leben, über die ich in Gedanken alle naselang noch stolpere!« Er gedachte der Nacht, in der sie in dem Büchersaale von Swaanhof vor ihm stand in dem weißen Nachtkleide, den hellen Schein der Kerze über ihrer Brust, auf die der Schatten des Palmenwedels mit kecken Fingern deutete, und des Maientages, an dem sie mit dem Rade fiel und ihre Röcke so schüttelte, daß ihre Hosen bis über die Hüfte sichtbar wurden, und er sagte sich: »Ich will mir holen, was mir zukommt; denn ich habe es mit meinem Leben erkauft. Also!«

In diesem Augenblicke kam Swaantje aus dem Wohnhause und ging in den Garten, ein Buch in der Hand. »Aha!« sagte er sich; »läuft der Hase so?« Denn sie hatte ein weißes loses Kleid an, fast ganz so wie jenes, das einst seine Hände hungrig gemacht hatte.

Er ging ihr entgegen: »Du hast mein neuestes Bild noch nicht gesehen, Swaantien,« sagte er. Sie wurde rot und folgte ihm. »Ach, wie schön,« flüsterte sie und sah ihn mit hingebungsvollen Augen an.

»Bleibe ein bißchen hier und erzähle mir was, Maus,« bat er und deutete auf das Ruhebett. Sie gehorchte und sah ihm zu, wie er an dem Bilde einige Stellen vollendete.

»Ach was, malen!« rief er und stellte den Pinsel in das Glas; »ich habe keine rechte Lust dazu!« Er schob einen Sessel heran und setzte sich zu ihr. »Hast du nichts Neues geschrieben?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf: »Ich habe es aufgesteckt; ich habe gar kein Talent.« Er lächelte in sich. »Ist auch besser so. Talentvolle Frauen sind keine.« Und dann fragte er weiter: »Hat dir Benjamin geholfen?« Sie nickte: »Etwas!« antwortete sie. Er strich über ihre Schläfe. »Immer noch die alte Stelle?« Sie nickte und sah ihn dankbar an, denn seine Hand war ihr eine Erquickung. Er legte den Arm um ihren Nacken, küßte sie auf den Mund und flüsterte: »Meine Swaantje!« Ihre Arme erhoben sich, als wenn sie seinen Hals umfassen wollten, aber dann stieß sie ihn zurück und rief: »Aber Helmold, schäme dich!« Er ließ sofort von ihr ab und lächelte: »Entschuldige, liebe Swaantje; das verflixte Kleid!«

Als er zu Bette ging, fragte ihn seine Frau: »Hast du Swaantje etwas Böses gesagt? Sie war so sonderbar und will morgen abreisen.« Er errötete etwas, erwiderte jedoch ganz ruhig: »Ich! wie sollte ich dazu kommen?« Doch ehe er einschlief, schämte er sich, einmal, weil er seine Hände nach einem Weibe ausgestreckt hatte, an dem ihm nichts gelegen war, und dann, weil er fühlte, daß er sie doch noch liebte, wenn auch nicht als Weib. »Ich habe in ihrer Seele, die ich immer und ewig liebe und begehre, mein Bild zerschnitten,« dachte er und nahm sich vor, sie um Verzeihung zu bitten.