»Was ist es,« dachte er, »das diese Menschen zu mir hinscheucht und mich zu ihnen, mich, dem alles Halbe, Unfertige, Dilettantische gleichgültig ist? dem das Problematische kein Problem ist, und dem das Rätselhafte nicht wert dünkt, es zu raten?« Er sah zwei Gärten vor sich, von Mauern umschlossen, alte stille Gärten, deren Blumen nur verstohlen dufteten, und in denen die Vögel ganz anders sangen als sonstwo, ohne Wunsch und Wille. Er sah Brüne in weißer Kutte und Swaantje in der steifen, kühlen Tracht der Bräute Christi, und beide blickten ihn an mit wunschleeren Augen, in denen ein hoffnungsloses Bitten lag.
Er pfiff das freche Lied von der Lüneburger Haide, steckte sich eine Zigarre an und dachte an die vielen, vielen schönen Frauen und hübschen Mädchen, die in seinen Armen zerschmolzen waren. »Restlos zerschmolzen,« dachte er und lächelte spöttisch; »Weh und Wonne hinterlassen gleicherweise keine sichtbaren Spuren in der Erinnerung; wenigstens nicht auf die Dauer.«
Früher hatte er sich in lauen Stunden gern der roten Küsse erinnert, die rechts und links in reicher Fülle neben seinem Wege blühten. Sie waren verwelkt; dürre Stengel waren alles, was von ihnen übrig geblieben war. »Das Leben lohnt sich wirklich nicht,« dachte er und folgte einem Winke des Standspiegels.
Er besah sich von oben bis unten, kehrte sich um und um, zerpflückte sich und betrachtete die einzelnen Stücke. Seine Augen sprachen die Worte Antars, des Dichters: »Wir gehören zu einem Geschlechte, das nicht in seinen Betten stirbt,« tuschelten sie ihm zu. »Irrtum, Herrschaften,« sagte er, »zu dem Geschlechte derer, die nur dann glücklich werden, wenn sie nicht in ihren Betten sterben.« Er langte die Chronik derer von Hagenrieder heraus, ein Werk Henneckes, blätterte darin und sah, daß die Hagenrieder nur dann Glück fanden, wenn sie den Pflug oder das Schwert geführt hatten.
Sein Vater fiel ihm ein, der strenge, gemessene, kühle Kaufmann, der daran gestorben war, daß er so oft verbindlich hatte lächeln müssen, wenn er lieber gebrüllt und dreingeschlagen hätte, und daß er selber, des früh Verstorbenen Sohn, niemals stolzer und froher gewesen war, als wenn er die Faust hatte gebrauchen können, als Werkzeug, wenn er den Garten grub oder Pürschsteige schlug, oder als Waffe.
»So ist es,« sprach er vor sich hin, als er die Bilderkiste zunagelte; »Kunst ist ungelebtes Leben, ist ein Notbehelf dafür, ein ganz elender Ersatz!«
Als er die Aufschrift auf die Kiste malte, mußte er lächeln; ihm war zu Sinne, als schicke er seine Liebe nach Swaanhof, damit sie dort an die Wand gehängt werde. »O, ich entbehre sie ja auch nicht mehr,« dachte er. »Einst, als ich jung und heiß war, suchte ich in Swaantje den Frieden des Schattens, seine kühle Ruhe, seine sanfte Stille; was soll ich jetzt mit ihr, jetzt, da ich alt und kalt bin? Glut brauche ich heute, sehr viel Glut und Licht und Farbe für mein kaltes Herz. Mein ganzer Leib ist mit Küssen bedeckt, wenigstens bedeckt gewesen, aber mein Herz hat keine davon abbekommen, mindestens lange nicht genug. Aber Tränen sind reichlich darauf gefallen, doch die wärmen nur einen Augenblick; sobald sie verdunsten, erzeugen sie Kälte. Das weiß ich noch aus der Physikstunde.«
Er schrieb den Frachtschein und freute sich, daß seine Handschrift noch genau dieselbe war wie vor dreißig Jahren, anspruchslos, ohne Schnörkel und übersichtlich. »Im Grunde bin ich ein ganz einfacher Mensch,« überlegte er, »so gar kein bißchen kompliziert. Wenn ich mir und anderen manchmal so vorkam, so lag es daran, daß dies Leben, dies zivilisierte Leben von heute in diesem Koofmichzeitalter, in dieser Ära des geistigen Mittelstandes, in dieser Periode des bekömmlichen Durchschnittes, so kompliziert ist. Ach ja, die goldene Mittelmäßigkeitsstraße! Freiheit für alle Unfreien, Gleichheit zwischen Groß und Klein, Brüderlichkeit zwischen dem, was sich haßt; schöner Blödsinn, an dem wir vor die Hunde gehen werden.«
Die Sonne fiel plötzlich so in die Werkstatt, daß die Büchse an der Wand grell funkelte. Er nahm sie herunter, spannte sie, stach den Hahn ein, suchte ein Ziel, drückte ab, repetierte, stach wieder, drückte wieder ab, schüttelte den Kopf und hängte sie an das Geweih. Sein Gesicht war ganz ernst geworden. Er dachte daran, daß er lange Zeit den heißen Wunsch gehabt hatte, eine Schlacht mitzumachen, aber vorne, in den ersten Reihen. Er lächelte und sagte sich: »Na die, in der ich mir damals den schweren Blattschuß, zwölf Ringe, faustgroßer Ausschuß, geholt habe, die war schon blutig genug; vollkommen invalide, knapp landsturmfähig kam ich nach Hause, und ohne Orden und Kriegsauszeichnungen.«
Er lachte, zog ein Buch aus dem Schranke, schlug eine Stelle auf und nickte: »Hast recht, Tscheng ki tong, wenn du schreibst: ›Übrigens kann so etwas nie genug kosten, denn nur die Vergnügen, die uns ruinieren, haben wirklichen Reiz.‹« Er lächelte, als er das Buch wieder in die Reihe schob: »Stimmt, alter Chinese, und mit den Schmerzen ist es ebenso. Der Unterschied ist nur der, daß überstandenes Weh salzig schmeckt, verlorene Wonne aber bitter. Man kann jedes Leid wieder erleben, aber keine Lust.«