Er ließ einen Dienstmann rufen, schickte die Kiste fort und vergaß Swaantje, bis ein Brief von ihr kam, oder vielmehr ein Kasten, in dem drei rote Rosen lagen, und eine Karte, auf der weiter nichts stand als die drei Worte: »Lieber guter Helmold!«

Sie klangen ihm wie ein Schrei. Dabei freuten sie ihn wenig und schmerzten ihn kein bißchen, trotzdem er wußte, was sie bedeuten sollten, eine demütige Abbitte und eine Hingabe auf Gnade und Ungnade. Übrigens mangelte ihm auch die Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen; ein ganz großer Auftrag nahm ihn vollkommen in Anspruch, ein Auftrag, der sich nach jeder Seite hin lohnte: ihm war der gesamte Wandschmuck und die Innenausstattung für das neue Schauspielhaus übertragen worden, ohne daß er sich darum beworben hätte.

Früher hätte er die Kasatschka getanzt, wäre ihm eine solche Arbeit angeboten worden; jetzt verzog er keine Miene und sagte beim Mittagessen so nebenbei: »Ich habe die Inneneinrichtung und alle Wände für das Schauspielhaus bekommen, Grete, will aber Kersten, Ludemann und natürlich für die Bildhauerarbeit Voß und Meinecke heranziehen. Mir bleibt ja so noch genug übrig.« Seine Frau sah ihn groß an: »Wann hast du den Auftrag bekommen?« und als er sagte: »Gestern abend,« wurde sie ganz blaß.

Denn war das noch ihr Mann, dessen fernster Traum es einst war, einen solchen Auftrag zu bekommen? Und mit diesem Auftrag hatte er gut geschlafen und den halben Tag gearbeitet, und er sprach davon, als wenn er eine Kiste Zigarren geschenkt bekommen hätte.

Angst und Trauer befielen sie, und nach dem Essen schrieb sie an Swaantje, die bei Thorbergs in Weddingen war, daß Helmold den Auftrag bekommen habe und für die nächste Woche in Stillenliebe zur Jagd sei. Warum sie ihr das schrieb, wußte sie nicht; sie fühlte nur, daß sie schreiben mußte. »Besucht ihn da doch einmal,« schrieb sie.

Es war einige Tage später, da kam Helmold gegen Mittag von der Pürsch zurück. »Es ist auch ein Brief für Sie da, Herr Hagenrieder,« sagte der Wirt. Der Maler nickte und setzte sich, trank sein Bier und spielte mit den Kindern. Als er nach dem Essen auf sein Zimmer ging, um zu schlafen, sah er, daß der Brief, der auf dem Tische lag, von Swaantje war. Sie schrieb aus Weddingen: »Tjark und Ilsabe und ich kommen heute nach Ohlenwohle mit dem Mittagszuge; hole uns mit Gespann ab. Wir wollen gern einmal Stillenliebe sehen. Deine Swaantje.«

Ein Gefühl peinlichen Unbehagens, durchduftet von etwas Genugtuung, überkam ihn. Aber als er über sich selber den Kopf schüttelte, fand er, daß es weniger Genugtuung war als Freude, und auch weniger Freude als Zärtlichkeit, und schließlich auch das nicht, sondern ein Gefühl, in dem allerlei sich mischte, und das er nicht genau betrachten konnte, weil etwas wie eine beschlagene Fensterscheibe davor war. Jedenfalls, das fühlte er, jauchzte sein Herz nicht, und seine Seele schrie weder Hurra noch Holdrio. Aber er war betrübt, daß er nicht gleich auf sein Zimmer gegangen war und den Brief aufgemacht hatte. »Nun sitzt das arme Mädchen in Ohlenwohle in der Kneipe und langweilt sich nach der Schwierigkeit« dachte er. Daß Tjark und Ilsabe bei ihr sein mußten, daran dachte er nicht.

Er zog sich einen besseren Anzug an und war schon auf der Treppe, als Reimers vom Treppenfuße aus ihm zurief: »Sie werden von Ohlenwohle am Fernsprecher verlangt, Herr Hagenrieder, von einem Fräulein. Den Namen konnte ich nicht verstehen.« Ganz ruhig ging Helmold in die beste Stube und wunderte sich dabei, daß er so gelassen blieb. Aber sein Herz machte doch einen kleinen Sprung, als er anfragte: »Bist du das, Swaantje?« und er ihre Stimme und damit das ganze Mädchen dicht bei sich hatte. »Tjark konnte nicht, er hatte wieder einen Gichtanfall, und Ilsabe konnte deshalb auch nicht mit, und so bin ich allein gekommen,« antwortete sie. »Kannst du hier über Nacht bleiben oder nicht, und wann mußt du wieder zurück?« fragte er weiter. »Ich habe gesagt, ich führe mit dem letzten Zuge, und der geht um sieben Uhr,« kam es zurück. »Dann lohnt es sich nicht, daß du erst hierherkommst,« meinte er; »dann komme ich mit dem Rade dorthin,« setzte er hinzu. Eine Weile war es still. »Bist du noch da?« fragte er. »Ja,« rief sie; »dann komm, lieber Helmold; das wird das beste sein.« Es kam ihm vor, als wenn ihre Stimme mit einem Male ganz anders geklungen hätte.

Er holte das Rad aus dem Schuppen und fuhr los. Er wunderte sich, daß er so unsicher war; sonst fuhr er den schmalen Fußweg neben der Haidstraße, ohne vor sich hinzusehen; nun mußte er die Lenkstange festhalten und bewußt aufpassen, und wo bei einem Querwege eine sandige Stelle den Pfad unterbrach, da wurde es ihm sauer, durch den Sand zu kommen. Er schrieb das erst der Hitze zu, bis ihm einfiel, daß er um drei Uhr aufgestanden war und seitdem keine Stunde gesessen hatte.

Mit vor Schläfrigkeit gleichgültigen Augen sah er die herrlichen Wacholdergruppen und den über und über mit goldenen Blumen behängten Ginster an, der die Böschungen des Weges verbarg, und das Gezwitscher der Hänflinge und das Geschmetter des Baumpiepers kam ihm unbekannt vor, ja, er lachte nicht einmal, als ein Rehbock, der im Graben gestanden hatte, so dicht vor ihm absprang, daß er ihn beinahe umgefahren hätte. Erst als er im Lohkruge einen Schnaps und ein Glas Wasser getrunken hatte, wurde er einigermaßen munter und konnte wieder denken.