»Was mag sie haben, daß sie mit dieser elenden Klingelbahn bei dieser üblen Hitze drei Stunden gefahren ist?« dachte er und stellte sich vor, wie sie angekommen war und allen Glanz aus den Augen verloren hatte, als sie ihn auf der Haltestelle nicht vorfand. Und nun saß sie in dem Kruge und wartete auf ihn. Aber warum hatte sie ihm auch keine Drahtnachricht geschickt, sondern erst am Abend vor der Abreise den Brief, der mit der üblichen Verspätung ankam? Und nun: was sollte es zwischen ihnen geben?
Als er den Morgen vor dem Moore stand und sich über eine Fuchsbetze freute, die mit vier Junghasen im Fange auf zwanzig Gänge bei ihm vorüberschnürte, hatte sein Gewissen ihm ganz gehörig die Leviten gelesen. Er hatte an alle seine Liebschaften gedacht und sich gesagt, daß er sich keine Vorwürfe darüber zu machen brauchte. »Banausen, Philister, Fünfgroschenmenschen scheuen sich durchaus nicht, ihrer Leidenschaft zu folgen; also warum soll ich, ein wertvoller Mensch, mich zum Verzichten nötigen?«
Aber da hatte eine fremde Stimme gelacht und gesprochen: »Du kamst dir doch immer als Übermensch vor, mein Herze, nicht wahr, und billigst dir dabei die Untermoral des waschlappigen Gesindels zu? Glaubst du vielleicht, die Borgias und ähnliche Kerle waren Helden? Jämmerlinge waren es, die sich kratzten, sobald es sie juckte. Rede dir nicht selber etwas vor! Seinen Instinkten zu folgen, ist keine Stärke; Schlappheit ist es, urmenschenhafte Schwäche oder Neurasthenie. Außerdem warest du doch stets stolz darauf, ein Mann von Wort zu sein; war dein Treueschwur vor dem Altar nicht ehrlich gemeint? Du kannst dich vor dir entschuldigen, das kannst du, mit Schwäche, mit Gedankenlosigkeit, mit was du willst; aber wenn du versuchst, dich zu rechtfertigen, dann machst du dich einfach lächerlich. Du bist polygam veranlagt, sagst du. Schön, aber dann hättest du Junggeselle bleiben sollen. Du warst ja mehr als mündig, als du vor dem Priester dein Ehrenwort gabest. Also rede nicht!«
So kam er mit einem Herzen voller verschiedenartiger Empfindungen vor dem Ohlenwohler Kruge an, grau und kühl wie der Himmel an einem toten Tage. Der Wirt stand vor der Tür, als er vom Rade sprang. »Das Fräulein ist rechts in der Stube,« sagte er. Swaantje saß auf dem unbequemsten Stuhle, als er eintrat. Sie sah blaß und müde aus und hatte Schatten unter den Augen; aber noch niemals war sie ihm so schön und hilfsbedürftig vorgekommen. Sie errötete über das ganze Gesicht, als er ihr beide Hände gab, und ihm war, als verlangten ihre Augen, daß er sie in den Arm nehmen sollte, und daß er sie küssen möchte; aber er hatte die Tür nicht hinter sich zugemacht, und auf dem Gange standen Leute und vor dem Fenster auch, und da die Sonne darauf lag, hätten sie sehen können, was in der Stube vorging. So drückte er ihr die Hand, zwang sie in das Sofa und fragte: »Hast du schon etwas gegessen?« Sie schüttelte den Kopf, und er ging hinaus und bestellte Kaffee und Zukost. Dann setzte er sich vor den Tisch auf den Stuhl.
Es wurde ihm schwer, etwas Vernünftiges zu sprechen. Der pilzige Geruch des schlecht gelüfteten Raumes erstickte den Rest von Frische, der noch in ihm war, und ein Mitleid, stark mit Verlegenheit durchsetzt, machte ihn unsicher. Und Swaantje saß da, sagte nichts und sah ihn an, mit einem rührenden Lächeln um den blassen Mund, und ihre Augen schimmerten feucht.
Endlich sprach sie mit einer weichen, farblosen Stimme, daß sie sich so sehr auf Stillenliebe gefreut habe, und daß sie vor Enttäuschung nicht habe schlafen können, als Tjark am Abend vorher seinen Anfall bekommen hatte. Und daß sie ihm für das Bild doch endlich ihren Dank sagen müsse. »Denn schreiben, lieber Helmold,« sagte sie und lächelte ihn an, als wäre sie eben mit ihm getraut, »das konnte ich doch nicht, wie sehr ich mich darüber gefreut habe.« Sie nahm seine Hand und drückte sie: »Bist du mir immer noch böse, lieber Helmold?«
Er wußte nicht, was er sagen sollte, und war froh, als die Wirtin mit dem Kaffee hereinkam. Absichtlich bestellte er noch Brot und Butter und dann eine Postkarte, denn er wußte wirklich nicht, wie er sich verhalten sollte. Das weiße lose Kleid hatte sie nicht an, wie damals im Garten, als er hinterher den Bajonettangriff auf sie machte; aber sie war ihm nachgereist, die weiße Fahne in der Hand.
Doch er traute ihr nicht und sich noch viel weniger. Ihr nicht, weil sie ihm heute mehr denn je als reine Seele, als Nonne, als unsinnliches Wesen erschien, und sich nicht, weil er sich nur als Bruder oder Vater ihr gegenüber vorkam, und so gar kein bißchen als begehrender Mann. Dabei war sie ihm noch nie so schön vorgekommen wie an diesem Tage. »Zum Erbarmen schön,« dachte er. Gar zu gerne hätte er sie in den Arm genommen, ihre Backen gestreichelt und ihre Stirn geküßt; aber er hatte Angst, daß sie seine Liebkosungen mißdeuten oder Erwartungen daran knüpfen könnte, die er nicht erfüllen konnte. So schleppte sich die Unterhaltung lendenlahm und langsam hin.
Endlich hielt er es nicht mehr aus. »Komm, Swaantje,« sagte er; »wenn es dir recht ist, bummeln wir durch die Haide. In dieser Luft schrumpelt einem ja das Gemüt ein.« Sie nickte ihn lächelnd an und erhob sich, wobei sie ihm ganz nahe kam. Wieder wurde es ihm so zu Sinne, als sei es seine Pflicht, sie zu liebkosen, und ihre Augen sahen so aus, als sehne sie sich danach; doch abermals streckte der Gedanke, daß nur ihre einsame, verwaiste Seele geküßt und umarmt sein wolle und nicht ihr Leib, die Hand gegen ihn aus und hielt ihn zurück. Als sie vor dem Spiegel ihren Hut aufsetzte, sah ihr Spiegelbild ihn mit vieler Zärtlichkeit an, und er gab sich einen Ruck, um sie zu umfassen; doch da polterte eins von den Kindern in das Zimmer, blieb mit offenem Mund stehen, starrte das Mädchen an, wie einen Geist und stürzte wieder hinaus; er aber atmete erleichtert auf, als sei er einer Gefahr entgangen.
Sie schlenderten durch die Felder und unterhielten sich mit Mühe. Erst als sie in die Haide kamen, frischte ihr Gespräch etwas auf, flaute aber immer wieder ab. Swaantje fragte, welcher Art die Bilder wären, die er für das Schauspielhaus male; dadurch kam etwas Zug in ihre Unterhaltung, so daß er schließlich, zumal er über die Schlafsucht hinaus war, ganz lustig wurde, und es zu einem ganz fröhlichen Geplauder kam, das aber rein äußerlicher Art blieb und sie im Grunde mehr auseinanderhielt, als zusammenführte. Es war ihnen beiden zumute, als schritte irgend ein langweiliger Mensch zwischen ihnen, den sie nicht abschütteln konnten. Dazu begegneten ihnen fortwährend Leute, die vom Heuen kamen, darunter Marien. Seitdem sie verheiratet war, hatte Helmold sie nur einmal flüchtig gesprochen und sich darüber gefreut, daß sie tat, als kenne sie ihn nur ganz oberflächlich. Auch jetzt bot sie ihm mit unbewegtem Gesichte die Tageszeit wie einem fremden Menschen.