»Hier sind so viele Leute,« klagte Swaantje. Er nickte und bog mit ihr in einen schmalen Pfad ein, der tief in das Haidkraut getreten war und nach einem kleinen Wäldchen führte. Ein weißer Bussard, der auf einem Irrsteine gefußt hatte, flog vor ihnen auf, und ein schwarzes Reh, das sich am Zwergginster äste, sprang an ihnen vorüber. Da der Weg nur drei Hände breit war, ging Helmold hinter Swaantje. Sie trug ein Kleid von ähnlichem Schnitt wie an jenem Tage, als er mit ihr nach dem Tödeloh ging, doch war es nicht rosenrot, sondern mattblau, und auch das Band, das den weichen Strohhut umgab, war von derselben kühlen Farbe.
Er nickte. »Ja,« dachte er; »damals erschien sie mir als rosenroter Traum; heute ist sie mir eine mattblaue Erinnerung.«
Er sah sich um; der eiserne Ritter ging nicht hinter ihm. »Meine Liebe habe ich in der Bilderkiste eingesargt«, dachte er, »und mein Verlangen; so blieb mir weiter nichts davon als das Gespenst. Aber ich glaube nun einmal nicht an Gespenster!«
Hinter dem Wäldchen lagen unter einer krausen Eiche zwei gewaltige Findelsteine; auf den einen legte er seinen Mantel und wies ihn Swaantje als Sitz an, auf dem anderen nahm er selber Platz. Vor ihnen kroch der bleigraue Pfad durch die braune Haide und verlor sich zwischen hohen Wacholdern und Ginsterbüschen, die mit ihren gelben Blüten nur so prahlten; davor leuchtete das helle Grün einer quelligen Sinke.
»Wie wunderschön ist das,« seufzte das Mädchen, und ihre Brust hob sich unter dem kühlen Kleide; »zum Weinen schön ist es,« fügte sie nach einem Weilchen hinzu. Ihr Vetter nickte und dachte: »Ganz wie du.« Er sah, daß ihre Hand zuckte, als wolle sie nach der seinen hin; aber da der Raum zwischen den beiden Steinen zu groß war, so glitt ihr Arm an dem Granitblocke herab und nahm eine Eulenfeder auf, die zwischen den grünen Ranken der Krähenbeere am Fuße des Steines lag.
Das Mädchen drehte die bunte Feder zwischen ihren farblosen Fingern, besah sie mit gemachter Aufmerksamkeit und fragte, ohne ihren Vetter anzusehen: »Von welcher Eule ist das?« Er antwortete: »Waldkauz« und flötete halblaut den Balzruf dieses Nachtvogels. Ohne ihn anzusehen, sprach sie: »Ich war neulich wieder einmal im Tödeloh.« Er erwiderte nichts und sah nach dem runden weißen Fleck, der die Spitze des höchsten und schlanksten Wacholders krönte. Er deutete mit dem Finger danach: »Der große Würger,« sagte er.
Das Mädchen nickte, räusperte sich und begann wieder: »Sage mal, Helmold, was hast du dir eigentlich damals gedacht,« sie stockte, scheuchte eine Mücke fort, die auf ihrem Arme saß und sprach dann weiter, »damals, als ich dir in dem Walde sagte, du weißt doch, als uns der Oberbürgermeister begegnete, daß,« sie stockte, »daß das, du weißt ja, vorbei sei?« Er sah nicht auf und erwiderte mit gleichmütigem Tone, über den aber ein tiefer Klang von Verständnis hinwegsah: »Das wußte ich schon vor dem.« Swaantje nickte, strich sich mit der Eulenfeder über die Stirne und fuhr fort: »Das war vorbei, seitdem du mir im Tödeloh das eine Wort sagtest.« Er nickte, sah nach einem blanken Raubkäfer, der eine Raupe umbrachte, und sprach leise: »Das schien mir damals auch schon so.« Der Würger verließ den Wacholderbusch, rüttelte eine Weile über der Sinke und strich mit klirrendem Rufe ab. Helmold sah hinter ihm her.
Die Brust des Mädchens hob sich schwer. »Du verstehst doch, lieber Helmold,« sie sprach es matt, aber er vernahm die tiefe Zärtlichkeit, die dahinter lag, »nicht wahr, daß ich nicht anders handeln konnte?« Er nickte, sah sie aber nicht an. »Denn sieh mal, lieber Helmold, Grete, du weißt, das ging doch nicht.«
Ihm wurde immer trauriger zumute und immer hilfloser, ihretwegen und seinethalben erst recht. Da hielt sie ihm nun ihr Herz auf den Händen hin, dieses arme, ledige, verwaiste Herz, und er konnte es nicht hinnehmen. Er wußte, was sie ihm gerne gesagt hätte, aber nicht sagen konnte, daß Grete ihr nämlich dasselbe gesagt hatte, wie ihm, daß sie an dem ganzen Unglücke schuld sei, das über ihn und das Mädchen und auch über die Frau gekommen war, und daß sie drei zusammengehörten, daß sie drei eins waren und sein sollten. Aber Swaantje wußte es nicht, und er konnte es ihr nicht sagen, daß es dafür zu spät sei.
Er sah, daß die Mücken häufiger flogen, und war ihnen dankbar dafür, denn nun konnte er mit Anstand rauchen. Er scheuchte eine summende Mücke fort, langte sich eine Zigarre heraus und zündete sie an. Swaantjes Lippen versteckten sich. »Sieh mal nach der Uhr,« bat sie; »ich glaube, wir müssen gehen, denn ich möchte nicht zu spät kommen.« Sie fuhr heftig zusammen, denn in dem Gebüsch hinter ihnen schreckte laut ein Reh.