Sie gingen einen anderen Weg zurück. Die Frösche prahlten in den Gräben, und eine helle Weihe schwebte über den Wiesen. Swaantje schritt vor ihm her. »Mein Gott, mein Gott,« klagte es in ihm; »wie schön ist sie, wie wunderschön!« Er sah ihre Nackenlocken an und den vornehmen Bogen ihrer Backen und dachte: »Warum lege ich nicht meinen Arm um sie, warum küsse ich sie nicht? Sie will es doch so gern.«
Der Weg zwillte sich. Swaantje ging nach rechts. Er faßte sie unter den Arm und zog sie nach links. Er hatte vorgehabt, sie an sich heranzuziehen und ihren Mund zu küssen; aber als seine Hand wohl die Wärme ihres Armes spürte und sein Herz sich doch nicht regte, ließ er sie los und ging stumm hinter ihr her, bis der Pfad in den Weg einlief und sie nebeneinander gehen konnten.
Da begann Swaantje wieder zu reden: »Du bist mir doch nicht mehr böse, lieber Helmold?« Sie errötete, als sie das sagte, und sah ihn halb von der Seite an und mit einem Blicke, in dem Sehnsucht und Verlegenheit miteinander rangen. Er lächelte sie an und versetzte: »Aber, Swaantje, wie kannst du das denken!« Und dabei keuchte es in ihm: »Ja, aber warum küsse ich sie denn nicht? Deutlicher kann sie es mir doch nicht zeigen, daß sie sich selber zürnt, weil sie mich damals zurückstieß.«
Er kam sich vor wie ein rätselhaftes Tier, das ihm noch niemals über den Weg gelaufen war, ein Geschöpf, ebenso unheimlich, wie lächerlich. In dumpfem Schweigen schritt er neben ihr her und rauchte.
»Und zwischen dir und Grete ist auch alles wie früher?« fragte endlich das Mädchen. Er seufzte und antwortete: »Ja, vollständig.« Nach einer Weile fuhr er fort: »Das heißt, es bleibt doch ein Riß, Swaantje; denn sieh mal, ich bin damals zerbrochen, und wenn der Bruch auch wieder heilte, eine gewisse Schwäche blieb zurück.«
Er räusperte sich, ehe er weiter redete: »Ich habe nämlich, verstehst du? ich bin nämlich, ich werde nie wieder das sein, was ich war. Ich bin alt geworden damals, zum Greis geworden, wenn ich auch nicht so aussehe. Mein Mai ist vorüber, und der Sommer ist hin; ich bin beim Grummet, beim dritten Schnitt; ich bin kein voller Mann mehr.«
Er stockte, warf seine Zigarre in einen Tümpel und sprach leiser: »Swaantje, ich, weißt du? ja, das ist nun so!« Er zeigte neben den Weg: »Ich bin wie die Haide hier, zertreten und kurz, weil lange Zeit Tag für Tag graue Gedanken auf mir herumtraten und mich kurz hielten.« Als er sah, daß das Mädchen ganz blaß war, setzte er hinzu: »Doch du, liebe Swaantje, meine Gefühle dir gegenüber sind die selben geblieben; wenn ich auch ein anderer Mann geworden bin.«
Sie antwortete nicht und hatte einen ganz engen Mund. Er sah nach der Uhr. »Wir haben noch reichlich Zeit, was sollen wir so lange in der muffigen Bude sitzen,« meinte er. »Wollen noch einen Umweg machen.« Er schlug den Weg nach einem Birkenwäldchen ein. Die Augen des Mädchens belebten sich, und ihr Mund blühte wieder auf.
»So,« sagte er sich; »nun, sobald wir im Walde sind, und ich halte Wort, soll sie den Kuß haben, den ich ihr schuldig bin, und mir das geben, was sie mir schuldet.« Warm lief es ihm über die Brust, und mit heißen Blicken streichelte er ihren Nacken.
»Sieh mal, Swaantje,« sprach er mit zärtlichem Klange; »als wir nach dem Tödeloh gingen, nahm ich mir fest vor, dich umzufassen und in mein Herz hineinzuküssen. Ich habe dir das schon einmal gesagt; ganz fest nahm ich mir das vor. Ich glaube, das wäre für uns beide gut gewesen.