Vielleicht war es aber damals noch zu früh, weil du glaubtest, du liebtest den andern noch, obgleich ich damals schon wußte, oder vielmehr ahnte, daß es nicht so war.« Sie antwortete ganz leise: »Aber ich habe dir doch niemals etwas gesagt, lieber Helmold.« Er schüttelte den Kopf: »Nein, so schwer dir das auch wurde.« Sie seufzte und er fuhr fort: »Das war stark von dir, und ich achtete dich darum hoch; aber klug war es nicht. Es hat uns beide zerbrochen.«

Sie sah ihn demütig an: »Aber ich konnte doch nicht anders, Helmold!« Er lächelte sie zärtlich an, so daß sie rot werden mußte. »Nein, Geliebte, du hast keine Schuld, und ich auch nicht. Sieh mal, ich kann dich nicht so behandeln wie andere Frauen; du bist so ganz anders, und ich empfinde dir gegenüber auch ganz anders! Im Tödeloh solltest du mein sein, ganz mein sein, das hatte ich mir auf Ehrenwort versprochen, und ich mußte es brechen, denn mein inneres Wollen stieß meinen äußeren Willen beiseite.« Das Mädchen atmete schwer und drängte sich dichter an ihn, denn der Weg war nur eben breit genug für sie beide.

Da, wo der Weg sich teilte, kam ihnen ein stattlicher, sehr anständig gekleideter Zigeuner zwischen zwei jungen, grell aufgeputzten Weibern, die beide guter Hoffnung waren, entgegen. Helmold kannte den Mann; er blieb stehen und rief: »Na, Jorgas Michali, wohin und woher?« Der Zigeuner lachte und sagte: »Von der Windwiege nach dem Windgrabe, Herr Maler.« Die Weiber sahen Swaantje an, wie ein Heiligenbild. »Na, welche von beiden ist denn deine Frau?« fragte Helmold. Der Zigeuner grinste: »Beide, Herr Maler!« Hagenrieder lachte: »Vertragen sie sich denn?« Jorgas' Raubtiergebiß blitzte aus dem schwarzen Krausbarte heraus: »Wollt' sie kuranzen, wenn nicht,« sagte er und machte eine Bewegung mit der Hand, als wenn er eine Peitsche darin hielte, und die Frauen lachten. Der Maler gab ihm eine Zigarre und jeder der Frauen ein blitzblankes Markstück. Sie küßten ihm die Hände. »Viel Glück, Herr,« riefen sie, verbeugten sich vor Swaantje und setzten hinzu: »und deiner scheenen Frau ville Kinder!«

Als die Zigeuner hinter den Büschen verschwunden waren, fragte Swaantje leise: »Sind das wirklich beides seine Frauen?« Ihr Vetter nickte. »Natürlich; er hat vielleicht noch ein paar. Jorgas Michali ist einer der reichsten Häuptlinge; er hat drei große Häuser bei Berlin und Geld auf der Bank. Und er hat eine schwere Hand. Horch, wie schön der Kuckuck ruft! immer dreimal.« Er deutete nach dem Birkenwäldchen, in dem der Kuckuck läutete und die Zippe schlug.

Vor seinen Augen tanzten goldene Flammen, sein Herz schlug fieberhaft, und der Atem pfiff ihm im Kehlkopfe. »Drei Schritte noch,« dachte er, »drei Schritte noch, und ich küsse sie, und nehme sie mir.« Gerade wollte er den Mund öffnen, um »Swaantje, meine Swaantje!« zu sagen, da stand ein alter Bauer vor ihnen, der ihnen freundlich die Tageszeit bot und sagte: »Na, dennso kriege ich noch feine Begleitung auf den Weg.« Helmold wußte nicht, ob er dem Manne danken oder fluchen sollte; er hörte nur mit einem Ohre auf das, was er erzählte, und wußte nicht, ob er sich bedauern oder beglückwünschen sollte. Mit Gedanken, so umrißlos wie Wacholderbüsche im Herbstnebel, kam er im Kruge an.

Das Abendessen verlief anfangs recht still, obgleich Helmold sich alle Mühe gab, das Mädchen aufzumuntern; doch da er, wie er wußte, um das, was Swaantje am meisten am Herzen lag, herumgehen mußte, kam ihm jedes Wort, das er sprach, unehrlich und verlogen vor. So war er froh, als die Kastenuhr dreiviertel auf sieben meldete. »Noch zwanzig Minuten,« sagte das Mädchen, und er fügte hinzu: »Ja, es ist schade, daß wir nur die paar Stunden für uns hatten; wir haben uns so lange nicht gesehen.« Sie sah ihn an und ihre Augen fieberten. »Ja, wenn sie mir den Wagen nicht zur Bahn schickten,« sagte sie, schwieg einige Zeit und fuhr fort: »Ich hätte so gern einmal Stillenliebe gesehen und länger mit dir geplaudert. Wer weiß, wann wir uns nun wiedersehen. Muhme Gese will nach Karlsbad, und ich muß wohl mit.« Mit einer hastigen Bewegung, die so gar nicht ihrem wirklichen Wesen entsprach, haschte sie nach seiner Hand, die auf dem Tische lag, führte aber ihre Absicht nicht aus, da er vor sich hinbrütete, sondern drehte die alte Tasse um, als wollte sie sich die Aufschrift ansehen.

»Wollen gehen,« sprach sie dann matt und sah nach der Uhr. Er half ihr in den Mantel hinein und klingelte dem Wirte. Der ließ die Türen hinter sich offen, und während Helmold bezahlte, klang aus der Gaststube lauter Gesang herüber. Swaantje wurde kreidebleich, als sie das Lied erkannte; es war das, was Helmold ihr gesungen hatte, als er mit ihr zum Tödeloh ging, das kecke Lied von dem Jäger und der Jungfrau im schlohweißen Kleid. Ihre Augen wurden starr, und ihre Lippen verkrochen sich, als es hinter ihnen herklang: »Denn deine Unschuld und die mußt du lassen bei dem Jäger auf der Lüneburger Haid, eins zwei.«

Der Zug hatte Verspätung. Sie lehnten an dem Geländer. Swaantje sah nach der alten Kiefer hin, die ihr düsteres Haupt hinter einem moosigen Giebel erhob, und ihr Vetter betrachtete ihr Gesicht und wunderte sich über sich selber. Plötzlich kehrte sie sich zu ihm: »Nun habe ich die Hauptsache beinahe vergessen, lieber Helmold!« Sie drückte ihm die Hand. »Ich danke dir viele Male für das Bild, viele Male!« Ihre Augen wurden dunkel. »Du glaubst gar nicht, wie ich mich darüber gefreut habe!« Wieder drückte sie seine Hand. »Ich dachte, du wärest mir böse gewesen. Bist du das auch ganz gewiß nicht mehr?«

Er wußte nicht, was er sagen sollte, und lächelte sie an, als er den Kopf schüttelte, und er wußte, sein Lächeln mußte gefälscht aussehen. »Ich bin dir nie böse gewesen, und wenn ich es einmal war, so redete ich mir das ein, weil ich dir einen Begriff unterlegte, der nicht auf dich paßte, dich als Weib schlechthin und nicht als das sehen wollte, was du bist!« Etwas heiser klang seine Stimme, als er das sprach.