Der Zug lief ein. »Schade, daß du nicht mitkannst, lieber Helmold,« sagte Swaantje und umklammerte seine Hand; »in Bockshorn habe ich fast eine Stunde Aufenthalt.« Helmold fühlte, daß ihm das Blut in das Gesicht schoß. »Einsteigen!« rief der Schaffner. Helmold half dem Mädchen in das Abteil und stieg auf den Tritt. »Lebe wohl, lieber, guter Helmold,« flüsterte sie und beugte sich zu ihm herunter, als wollte sie ihn küssen. Aber da schrillte die Pfeife, und eine harte Stimme schnarrte: »Abfahren!« Er hatte eben noch Zeit, ihre Hand zu küssen, und er küßte sie, daß sie seine Zähne fühlte, dann schlug der Schaffner die Tür zu, und der Zug ruckte an.

Swaantje stand an dem offenen Fenster, stützte den Ellenbogen auf die Fensterleiste und hielt den Rücken ihrer rechten Hand, den Helmold geküßt hatte, an die Lippen. Ihr Gesicht war ganz weiß, ihre Augen sahen schwarz aus, und sie lächelte, daß Helmold elend zumute wurde. Der Zug fuhr ab; das Mädchen nickte ihm zu, küßte ihren Handrücken und gab ihm so seinen Kuß zurück, und nickte und winkte, solange ihr Vetter in Sicht blieb, und ehe der Zug hinter den Bäumen verschwand, grüßte sie ihn noch einmal mit ihrem Tuche.

Das Schlußlicht des Zuges war schon lange unsichtbar, da stand er noch auf der selben Stelle und starrte nach dem Walde hin. Er ballte die Faust, denn er hätte sich am liebsten in das Gesicht geschlagen. Er warf sich rohe Schimpfworte zu. »Du Idiot,« schrie es in ihm; »du dreimal vernagelter Idiot; wie eine Dirne hast du sie behandelt! Warum fuhrest du nicht mit nach Bockshorn? Weil du kein Nachthemd und keine Zahnbürste bei dir hattest? Jahrelang wimmertest du hinter ihr her, und nun, wo sie daherkommt im Brautkleide, den Myrtenkranz im Haare, dachtest du daran, daß der Wagen sie in Weddingen erwarte, und daß du dich für morgen mit dem Prinzen verabredet hast, und dabei hatte sie gesagt: ›Ich möchte nicht gern zu spät kommen.‹ Bist doch sonst so neunmalweise, und merktest nicht, daß das hieß: ›Vorausgesetzt, daß du mich daran nicht hinderst, Geliebter!‹ Kauf' dir einen Strick, und hänge dich an den ersten besten krummen Birkenbaum am Wege; mehr bist du wahrhaftig nicht wert.«

Der ganze Bahnhof drehte sich mit ihm herum, so daß er erst, als er schon aus dem Dorfe heraus war, daran dachte, daß er sein Rad im Kruge hatte. Er ging zurück, suchte es im Hausflur und im Stalle, bis ihm einfiel, daß es im Schuppen stand. Endlich hatte er es. Ein quälender Durst trocknete ihm den Hals aus; er wollte schon in die Gaststube treten, ließ es aber und fuhr zum Dorfe hinaus. Ganz sicher fuhr er, ohne auf die Sandstellen und Löcher im Wege zu achten, und so rasend, daß die Leute, die ihm entgegenkamen, ihm verwundert nachsahen. Aber in der Haide mußte er stoppen; sein Herz schlug ihm zu grob gegen die Brust.

Er sah über das dämmernde Land, an dessen Rande ein Ferngewitter seine blutigen Witze riß. In einem schwarzen Wacholderbusche war ein weißer Fleck; wie ein menschliches Gesicht sah es aus. »Das ist meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje,« obgleich er ganz genau sah, daß es der Stamm einer Birke war. Einzelne warme Regentropfen fielen. »Jetzt weint meine Swaantje,« dachte er, »meine geliebte Swaantje.« Ein Windstoß bewegte die weißen Zweige der Birken. »Meine Swaantje ringt ihre Hände,« dachte er, »meine liebe, geliebte Swaantje.« Einmal huschte so etwas wie Genugtuung über sein Herz, und es war ihm, als wenn er dachte: »Nun habe ich die Rache für meine Tränen«; aber dieser Gedanke wurde sofort vom Winde fortgewirbelt.

Es begann stärker zu regnen; die Birkenbäume stellten sich wie wahnsinnig an, und die Wachholder taten so, als wenn sie weglaufen wollten; in der Ferne murmelte das Gewitter unverständliche Drohworte. Die Regentropfen klatschten Helmold auf Gesicht und Hände und schlugen ihm durch die Hose. Siedehitze kribbelte ihm unter dem Hute, und über seinen Rücken lief ein eisiger Schauer.

Vor sich sah er den Schneekrug; er blickte ihn mit zwei leuchtenden Augen so einladend an, daß er absprang und sein Rad hinter die Krippe stellte. Er besann sich einen Augenblick, ob er eintreten oder ob er weiter fahren sollte, aber der Regen stürzte nur so aus dem Himmel, und das Gewitter begann sich deutlicher auszudrücken. So schwenkte er seinen Hut aus und trat ein.

Er hatte noch niemals im Schneekruge vorgesprochen, aber er war dort sofort zu Hause; es war eine Wirtschaft noch ganz von der alten Art, mit brauner Balkendecke, Kugelfußtisch und den bunten Bildern an den verräucherten Wänden, die des Jägers Hochzeit, Taufe, Grab und Auferstehung darstellten, und die noch nicht von Plakaten verscheußlicht und von einer Musikmaschine veralbert war.

»'n Abend zusammen!« rief er, »binnen is 't besser als buten,« und nahm an dem Tische unter der Hängelampe, an dem schon drei Bauernsöhne saßen, Platz. »Mehrste Heu rein?« fragte er, als er seinen Kümmel und sein Bier getrunken hatte. Die Bauern nickten, und bald war er mit ihnen im besten Erzählen.