Die Panne

In der nächsten Zeit kam er aber nicht dazu, an Swaantje und an seine verstorbene Liebe zu denken und an sich selber, denn das Leben warf so schwere Wellen gegen sein Dasein, daß alle seine leisen Gedanken von dem Rauschen und Brausen überbrüllt wurden.

Zuerst nahm ihn die Arbeit für das Schauspielhaus mit Leib und Seele in Anspruch. Wenn er sich auch manchmal vorgeredet hatte, daß seine Kunst ihn, seitdem er es darin zur Meisterschaft gebracht hatte, langweile, das war doch nicht der Fall, besonders bei diesem Auftrage.

Er hatte völlig freie Hand, sowohl was den Inhalt anbetraf, wie in der Behandlung. Der Direktor Meier setzte ihm gar keine Schranken, und die Bankleitung, die hinter dem Unternehmen stand, erst recht nicht. »Machen Sie, was Sie wollen, Herr Geheimrat,« sagte Herr Meier, ein blonder Jude, einst ein beliebter Tenor, nun infolge einer reichen Heirat Millionär, »Sie werden schon das Richtige treffen.«

Sie saßen hinter einer Flasche Wein, als Meier so sprach. »Sie haben gut reden,« meinte der Maler; »früher glaubte ich, Schrankenlosigkeit sei das beste für mich. Jetzt sehe ich ein, daß ein gewisser Zwang viel bequemer ist.« Der andere nickte: »Glaub' ich; geht mir auch so. Wissen Sie, was habe ich früher oft geflucht, wenn ich gerade das singen mußte, was zu meiner Stimmung so paßte, wie der Igel zum Schnupftuch. Jetzt, wo ich nur ab und zu in Konzerten singe, und singen kann, was ich will, macht mir die Sache eh' keinen Spaß mehr. Das ist genau so, wie mit der Liebe. Solange ich ledig war, konnte ich davon haben, soviel ich wollte, machte mir aber nichts daraus, und ich kann Ihnen sagen, es waren Weiber darunter, erstklassig! Na, und jetzt? Der Mensch ist das meschuggenste Tier. Meinen Sie nicht auch?«

»Stimmt,« sagte Hagenrieder. Er wünschte, daß Meier ihm die Stoffe vorschriebe, meinte er dann. Aber der lachte und sagte: »Zerbrechen Sie sich Ihren Kopf gefälligst darüber, was Sie malen wollen, und nicht meinen; krieg ich das Honorar oder Sie? Malen Sie nur nicht so, daß jeder Esel glaubt, er müsse sich dabei wer weiß was denken. Im Theater soll das Volk nicht denken, sonst wird es gefährlich. Fühlen soll es und das bar bezahlen, im Vorverkauf mit Rabatt. Dann ist das Geschäft richtig.«

Der Maler lächelte, weniger über das, was der andere sagte, als darüber, was diese Worte in ihm locker machten. Er war lange überzeugter Antisemit gewesen, bis er einsah, daß damit die Judenfrage nicht zu lösen wäre, und daß dieses Volk für die Germanen bitter notwendig sei, damit sie sich an dessen Emsigkeit aus ihrer angeborenen Trägheit emporärgerten. »Und außerdem,« fiel ihm nun ein, »sie sind doch gewaltige Umwerter und Anreger trotz oder vielmehr wegen ihrer völligen Unproduktivität. Produktive Nichtproduzenten! Wie Figura zeigt.«

Denn die Worte des Direktors hatten ihn auf den Weg gebracht. Er sah die Wände, die ihm zur Verfügung standen, sich mit Bäumen, Blumen und Gestalten beleben, bei deren Anblicke der Fröhliche noch fröhlicher wurde und der Betrübte seine Traurigkeit vergessen mußte. Eine Welt wollte er malen, die leichte Herzen noch höher hob und schwere von ihrer Unbeholfenheit befreite.