Und das gelang ihm auf das beste. Als Meier die Entwürfe sah, bekam er einen ganz roten Kopf und sagte: »Hab' ich es Ihnen nicht gesagt, daß Sie was können? Wissen Sie was? Ihre Bilder sind allein das Entree wert! Wahrhaftig, wenn ich nicht solch Theaternarr wär', möcht' ich das Geld meiner Frau in Ihnen anlegen. Ob ich 'n Geschäft mach'?«
Mit ganzem Herzen ging Hagenrieder an die Ausführung und hatte eine Freude wie ein Kind, als seine Vorstellungen Form und Farbe annahmen. Am meisten freute er sich darüber, daß er nur Schaffenslust, aber kein Arbeitsfieber beim Malen hatte; er aß und schlief wie ein Junge, war ein netter Gatte und Vater und dachte an seinen Auftrag bloß, wenn er auf dem Gerüste stand. Alles, was er liebte und geliebt hatte auf der Welt, brachte er auf die Wände, und so bedeckten sie sich mit viel Licht und Sonne, und wer sie ansah, dem hob sich das Herz. »Herr Geheimrat,« sagte ihm eines Morgens einer der Tischler, »gestern hatte ich einen schweren Ärger gehabt und wollte mir eigentlich einen andudeln; aber da sah ich mir ihre Bilder an und mir wurde gleich besser, und so bin ich denn vernünftig gewesen.« Die Tage, Wochen und Monde flogen dahin, wie die Schwalben, und kaum einmal kam Hagenrieder dazu, auf sich und sein Leben hinabzusehen. Einmal war Swaantje auf einen Tag gekommen; Karlsbad hatte auch ihr gut getan, und sie sah frisch und blühend aus. Deswegen und weil er ganz in seiner Arbeit war, zerwehte der Besuch ihm die Stimmung nicht, zumal er keinen Augenblick mit ihr allein blieb. Als das Mädchen schrieb, sie käme, hatte er zu seiner Frau gesagt: »Tu mir den Gefallen, Grete, und laß mich mit ihr nicht allein,« und als seine Frau nickte, fuhr er fort: »Das arme Mädchen! So ganz allein zu sein, das ist eigentlich das Schrecklichste, was es gibt.«
Einige Tage darauf hatte Direktor Meier ihn und seine Frau eingeladen. Als Helmold gerade den Frack anziehen wollte, kam Grete hereingestürzt, ganz unglückliche Augen in dem kreideweißen Gesicht, die linke Hand auf dem Herzen und ein großes Schriftstück in der anderen. »Nanu?« rief er, »was ist denn los?« Sie hielt ihm das Papier hin, setzte sich auf das Bett und fing hellauf zu weinen an. »Lieber Helmcke,« schluchzte sie, »um Gotteswillen, da, lies, ich habe, denke dir, wir haben, von Ohm Mette haben wir fünfhunderttausend Mark haben wir geerbt.« Kaum hatte sie das gesagt, so fiel sie in Ohnmacht.
»Verdammter Blödsinn,« knurrte ihr Mann; »mußte der Esel von Anwalt das auch jetzt gerade schicken!« Er klingelte nach dem Mädchen und brachte mit ihr zusammen seine Frau zu Bett. Sie erwachte bald wieder, sagte aber, ihr sei so schlecht, daß sie ihn nicht begleiten könne. Er fühlte, daß ihr Herz zu eifrig arbeitete und ließ Benjamin rufen. Der kam sofort, untersuchte den Herzschlag und verordnete ein leichtes Schlafmittel, machte einen Umschlag und sagte lächelnd: »Na ja, liebe Frau Hagenrieder, wer kann für Malhör! Morgen werden Sie den Schlag verwunden haben.« Als er aber mit ihrem Manne allein war, sprach er: »Hagenrieder, sie hat kein gesundes Herz von Hause aus. Wer hätte das gedacht; solche blühende Frau! Also immer nett und freundlich zu ihr sein, und sie mit Ihren Privatsorgen verschonen! Sie hat reichlich viel Aufregungen und Kummer gehabt in den letzten Jahren.« Am anderen Tage war sie aber schon wieder ganz vergnügt und freute sich in ihrer kindlichen Weise über das viele Geld, und ihr Mann tat so, als ob ihm auch so viel daran gelegen wäre, obgleich das durchaus nicht der Fall war. Es war ihm natürlich angenehm, daß die Zukunft seiner Frau und Kinder gesichert war, aber die Menge von Schererei, die die Erbschaft mit sich brachte, weil ein Teil davon in Häusern und Grundstücken bestand, war ihm sehr lästig, und es war ihm äußerst unbequem, daß er deswegen mehrere Reisen machen mußte.
Er hatte seine Frau gebeten, den Kindern nichts von der Erbschaft zu sagen, aber sie hatten es in der Schule gehört, und Swaan sowohl wie Swenechien trugen die Nasen nun noch einmal so hoch. Das verdroß ihren Vater über die Maßen, und als der Junge eines Tages fragte: »Kaufen wir uns nun ein feineres Haus?«, da fuhr er ihn recht grob an und fauchte: »Wir? welcher Wir? Glaubst du, das Geld gehöre dir mit? In diesem Hause ist deine Mutter zur Welt gekommen, und es entspricht der Stellung deines Vaters vollkommen. Glaubst du, wir sollen uns mit solcher Protzscheune lächerlich machen wie Noltens, als sie das große Loos gewannen und sich gleich einen Nagel in den Kopf traten?«
Swaan bekam einen feuerroten Kopf und würgte an seinem Bissen herum; dann aber sah er Swenechien an und lächelte heimlich. Hagenrieder hatte es schon öfter bemerkt, daß die Kinder über ihn lachten, wenn er ein derbes Wort oder einen klobigen Vergleich gebrauchte, und anfangs hatte er sich darüber gegrämt. Seitdem sein Herz aber kälter geworden war, war es ihm gleichgültig, wie seine Kinder sich zu ihm stellten; er wußte es, daß es sein Schicksal war, allein zu bleiben.
In der ersten Zeit nach der Auszahlung der Erbschaft hatte Grete einen Anfall von Einkaufsfieber gehabt; das hatte sich jedoch sehr bald gelegt. Sie quälte ihn eine Zeitlang mit der Bitte, sich etwas zu wünschen, bis er schließlich sagte: »Eine gute Doppelbüchse mit Sicherheitsverschluß für rauchloses Pulver und Mantelgeschoß, elf Millimeter, Nickelmantel und Stahlkern, die hätte ich schon lange gern gehabt; war mir bloß immer zu teuer.« Er bekam sie zum Geburtstage, und er überlegte lange, was er seiner Frau schenken solle, bis er hörte, daß das Nachbargrundstück verkauft würde. Da erwarb er den größten Teil des Gartens von dem Gelde, das er für die Ausmalung des Schauspielhauses bekommen hatte, schickte seine Frau und die Kinder auf acht Tage nach Swaanhof, ließ den Zaun abreißen und die Neuerwerbung in den alten Garten hineinziehen. Grete bekam nasse Augen, als sie am Morgen ihres Geburtstages von ihm in den Garten geführt wurde, denn ihr Vater hatte einst, als er Verluste gehabt hatte, die Hälfte seines Grundstückes an den Nachbar abgetreten, und jedesmal, wenn sie über den Zaun sah, tat ihr das Herz weh, denn gerade das Stück jenseits des Gatters war früher ihre liebste Spielecke gewesen. »Du einziger Mann,« rief sie, und küßte ihn wie in der Flitterwochenzeit. »Aber nun darf ich dir auch etwas recht Schönes schenken, nicht wahr?« jubelte sie; »einen kapitalen Elch und einen Hauptbären? Bitte, bitte!«
Er nahm lachend an; er wollte ihr die Freude nicht verderben. Vor fünf Jahren hätte er ein Indianergeheul ausgestoßen, hätte er auf Elch oder Bär jagen dürfen; nun waidwerkte er nur noch aus Gewohnheit, und um mit Anstand den Asphalt hinter sich liegen lassen zu können. Wenn er mit seiner Frau durch den Stadtwald ging, und die Ulenflucht kam heran, dann sagte er wohl aufseufzend: »H' ach, ich muß doch einmal wieder hinaus!« War er dann im Wald und auf der Haide, dann gab er sich wenig Mühe um Bock und Hirsch, und wenn er den Finger krumm machte, dachte er: »Hoffentlich hört es den Knall nicht mehr, daß ich es nicht abzufangen brauche!« Mußte er es dennoch tun, so ekelte ihn das auch nicht weiter; nur der Gedanke daran war ihm unbequem.
Er fuhr schließlich mit dem Prinzen nach Rußland, legte auch einen sehr starken Elchhirsch auf der Pürsche aus freier Hand auf die Decke, schoß einen fast ebenso guten vor den Hunden, regte sich aber so wenig dabei auf und schoß so kalt wie auf eine Geltricke, so daß er sich sagte: »Den Bären will ich nun nicht mehr; erstens mache ich mir aus dem Totschießen gar nichts mehr, und zweitens hat mir der Bär zu viel Gemüt.« Der Prinz lächelte und sagte: »Du auch? Mir geht es ebenso.«