Nach einer gut gelungenen Saujagd saß Helmold mit ihm im Jagdhause vor dem brennenden Kamine. Das Gespräch tropfte langsam. Mehrere Male schien es dem Maler so, als ob der andere etwas auf dem Herzen habe, aber er fragte nicht; niemals waren zwischen ihnen persönliche Dinge zur Sprache gekommen; immer nur hatte sich die Rede um Jagd, Kunst, Literatur, Musik, Philosophie, Religion und Politik gedreht. Der Prinz wußte, daß Annemieken Hagenrieders Geliebte war; er ahnte auch, daß zwischen seinem Freunde und Swaantje ein Gewitter niedergegangen war; doch nie hatte er ein Wort darüber verloren.
Helmold war manches rätselhaft an Samlitz, den er von der Quarta an kannte, aber er hatte niemals darüber nachgedacht. Jetzt, wo er in seinen Augen eine schüchterne Bitte zu sehen meinte, fiel ihm ein, daß er es noch nie bemerkt hatte, daß dieser große, ebenmäßig gewachsene Mann mit dem Apollogesicht einen weiblichen Mund und unmännliche Augen hatte, und es fiel ihm ein, daß Brüne so gut wie nie über Frauen sprach, ihre Gesellschaft möglichst vermied und auch von ihnen wenig beachtet wurde, und daß er ihn sich mit einer Frau im Arme schlechterdings nicht vorstellen könne. Er war aber von dem langen Wege im hohen Schnee so müde, daß der Gedanke, der in ihm aufstieg, verschwunden war, ehe er ihn genau ins Auge gefaßt hatte. Am anderen Morgen fand er die stumme Bitte nicht mehr in den Augen des Prinzen und wunderte sich auch nicht, daß dieser ihm länger und fester, denn je, die Hand drückte und sagte: »Lebe wohl, und auf ein schönes Wiedersehen!«, denn Brüne hatte ihm gesagt, er habe eine längere Reise vor.
Drei Tage später, als er mitten in der Arbeit war, hörte er, wie die vierschrötige Magd in ihrer groben Weise sagte: »Unser Herr ist für niemand nicht zu sprechen«, und als er aus dem Fenster sah, mußte er lachen, denn da stand Klaus Ruter, den Wolkenschieber auf die Nase gezogen, einen grünen Schal um den Hals und in Kniestiefeln, wischte mit einer einzigen Bewegung seiner ungeheuren Hand das Frauenzimmer beiseite und knurrte: »Ich bin auch kein Niemand nicht; ich bin der Vorsteher von Stillenliebe und ein Duzfreund zu deinem Herrn, daß du's weißt,« und damit stieg er breitspurig quer über die verschneiten Beete, und die Magd machte Augen wie eine Kuh, wenn es donnert.
Helmold riß die Tür auf und rief: »Sieh, das ist ja fein, daß du dich wieder mal hergefunden hast, Rutersklawes; nun riecht es hier doch mal wieder nach Stillenlieber Torf!« Der Bauer sah sich um, stellte seinen Eichheister in die Ecke, drehte dann den Schal von dem Halse und sagte: »Du mußt nicht für ungut nehmen, daß ich hier so hereinkomme, wie ich bin; ich hatte ein eiliges Geschäft und konnte mich nicht erst fein machen.« Hagenrieder lachte, drückte ihn in einen Sessel und sagte: »Du bist mir in Joppe und Kniestiebeln lieber als der König von Spanien in Frack und Lackschuhen. Hast du schon gefrühstückt?« Ruter schüttelte den Kopf, und so bestellte der Maler ein handfestes Frühstück.
Der Bauer sprach erst von der Jagd, dann davon, daß das Dorf im nächsten Jahre eine Haltestelle bekommen würde, und daß die Wirtschaft in Ohlenwohle abgebrannt sei, und der alte Hillmers vom Schneekruge hätte tags zuvor das Zeitliche gesegnet, und als er Messer und Gabel hingelegt und seinen Schlußschnaps getrunken hatte und die Zigarre anbrannte, sah er Hagenrieder etwas verlegen an, räusperte sich und sprach: »So, weswegen ich hergekommen bin: es hat sich etwas Unliebsames bei uns begeben, oder vielmehr ein Unglück.« Helmold riß die Augen auf: »Mit Annemieken?« Klaus schüttelte den Kopf. »Nein, der geht es gut, soviel ich weiß. Das heißt, ich habe sie manchen Donnerstag nicht gesehen; denn wann komm' ich mal nach dem Osterhohl!« Er drückte an seiner Zigarre, obschon die sehr gut brannte. »Es handelt sich um den Prinzen.« Hagenrieder wurde es leichter um das Herz; denn wenn Annemieken ihm seit längerer Zeit nur noch eine Freundin war, oder vielmehr eine Zuflucht, war ihm die Stadt zu bunt und ihr Volk zu laut, ihr Schicksal lag ihm doch sehr am Herzen, und er hatte sich etwas erschrocken, als er sie das letztemal blaß und mager vorgefunden hatte. Als Ruter nun ganz trocken fortfuhr: »Das heißt, ich glaube, daß es sich um ein Unglück handelt, und daß er nicht selber Hand an sich gelegt hat«, da wunderte Hagenrieder sich, wie wenig ihn das zuerst berührte.
Als Ruter sich aber verabschiedet hatte, kam es Helmold kalt in seiner Werkstätte vor. Er zog die Schieblade auf, in der er seine Skizzenbücher verwahrte, nahm ein grünes Heft heraus, schlug es auf, besah lange das Blatt, auf dem der Prinz in voller Gestalt zu sehen war, und die, auf denen sein Gesicht abgezeichnet war, setzte sich vor den Kamin, stützte den Kopf in die Hände und sann lange nach, sich dabei bittere Vorwürfe machend.
»Ich hätte ihn doch fragen müssen; seine Augen baten so sehr darum,« dachte er; »vielleicht lebte er dann noch.« Denn er wußte, es war ganz ausgeschlossen, daß ein Unfall vorlag; so sorgsam, wie Samlitz, ging kein Mensch mit Schußwaffen um. Ein einziges Mal hatte er ihn grob werden sehen; das war, als ein Jäger beim Treiben mit dem Gewehr durch die Schützenlinie zog. »Ist Ihre Waffe nicht geladen?« hatte er den Herrn gefragt, und als der ein verwundertes Gesicht machte und sagte: »Natürlich!«, kam die eiskalte Antwort: »Na, dann benehmen Sie sich bitte dementsprechend!«
Es stand für ihn fest, daß Samlitz Selbstmord verübt hatte. Er sann vergeblich darüber nach, was der Beweggrund dafür gewesen wäre. Mangel an Geld oder Schulden kamen nicht in Frage; seit fünf Jahren war der Prinz sehr reich. Irgend eine schlechte Tat konnte auch nicht vorliegen, denn er war ein zu gefestigter Mann, um sich einer Leidenschaft hinzugeben. Helmold hatte ihn oft deshalb bedauert. Niemals hatte er bemerkt, daß Brüne mehr als drei Glas Wein auf einem Sitz trank, und über zwei Zigarren und eine Zigarette brachte er es keinen Tag. Auch konnte kein Weib die Ursache dieses unpathetischen Trauerspiels sein, weder mittelbar noch unmittelbar. »Vielleicht liegt doch ein Unglücksfall vor,« dachte er schließlich.