Am folgenden Tage wußte er, daß das nicht der Fall war. Zwar war Samlitz unter einer Wildkanzel gefunden worden, aber gerade das machte Hagenrieder stutzig; denn daß der Prinz mit geladener Büchse den Hochsitz erstiegen haben könnte, das war undenkbar. Außerdem saß der Schuß zu gut, Mitte Blatt. Aber den Ausschlag gab der Brief, der auf dem Schreibtische des Prinzen lag, und der an Hagenrieder gerichtet war, einen kleinen Schlüssel und folgende Zeilen enthielt: »Lieber Freund, in dem Geheimfache meines Schreibtisches, das du hinter der linken Schublade findest, liegt etwas für dich. Lies es, und sei gut zu mir, wenn wir uns wiedersehen. Dein Brüne.« In dem Fache lag ein versiegelter Umschlag, der Hagenrieders Namen trug und darin war ein schmales, in schwarzes Leder gebundenes Büchlein, dessen fünfzig Büttenpapierseiten mit der gesucht kräftigen Handschrift des Prinzen bedeckt waren.
Als Helmold das Buch zu Ende gelesen hatte, schüttelte er sich; das Herz fror ihm. Er hatte geglaubt, sein eigenes Schicksal sei schrecklich; das des Freundes war grauenhaft. Nun, da er tot und kalt war, fühlte er, daß er ihn liebte, oder daß er ihn jetzt erst lieben gelernt hatte. »Barmherzigkeit!« dachte er, »wenn ich das geahnt hätte! Wie gern hätte ich ihm, wenn ich ihm auch nicht helfen konnte, die Lippen geöffnet, daß er einmal in seinem Leben einem Menschen sein Elend klagen und einen Teil davon abgeben konnte.« Immer und immer wieder mußte er den Schluß der Niederschrift lesen: »Und weil mir das Schicksal bestimmt hatte: du sollst nicht wissen, was Liebe ist, und weil es mir keine Fähigkeiten gab, durch die ich der Menschheit nützen konnte, und mein Elend dadurch vergessen, so bin ich ohne Liebe und ohne Haß durch das Leben gegangen, ein überflüssiger Mensch, nicht mehr wert, als ein seiner selbst unbewußter Trottel. Ich hoffe, daß mir drüben das gegeben wird, was ich hienieden nicht kennen lernte: eine Liebe und ein Haß.«
Helmold ging an die Kredenz und trank drei Gläser spanischen Wein, so fror es ihn. Und dann fiel ihm Swaantje ein, und er fand, daß ihr Geschick dem des Toten ähnele, und er fühlte etwas wie Genugtuung, daß er ihr wenigstens eine unglückliche Liebe aufgezwungen hatte. »Das ist doch besser als gar keine,« dachte er und staubte den Rest der Vorwürfe, die er sich ab und zu ihretwegen noch machte, von seinem Gewissen herunter.
Er besorgte alles, was der traurige Fall erforderte, und dann ging er zu Annemieken, um an ihrem stillen Wesen Beruhigung zu suchen. Die fand er bei ihr auch, so daß er am folgenden Tage dem Bruder des Toten gefaßt gegenüber treten konnte.
Er fand einen großen, schweren Mann mit gutmütigem Gesichte, dem man es nicht ansah, daß er im französischen Kriege eine Batterie über den Haufen geritten und hundert Buschklepper hatte zusammenschießen lassen. Er hatte so etwas Bestimmtes in seinem Wesen, daß Hagenrieder mit der Wahrheit nicht hinter dem Berge zu bleiben vermochte. Als der Fürst das Buch gelesen hatte, fragte er: »Darf ich es behalten?« Der Maler nickte: »Ich danke Ihnen, mein Freund,« sagte der andere ernst, indem er ihm fest die Hand drückte; dann legte er das Heft in das Kaminfeuer, und Hagenrieder schickte den Brief Brünes hinterher.
»Daß etwas anders als ein Unfall vorliegen könnte,« fing der Fürst nach einer Weile an, »vermutet hier niemand?« Als sein Gegenüber durch eine Kopfbewegung verneinte, murmelte er: »Um so besser!«
Hagenrieder begleitete den Fürsten nach Hohen-Samlitz, wo die Beisetzung stattfand. Die Fürstin, eine sehr große und schöne Frau mit jungen Augen und ganz weißem Haare, empfing ihn, auf einem Ruhebett liegend. Nachdem sie dem vierten Kinde das Leben gegeben hatte, war sie leidend geblieben. »Also Sie waren unseres armen Brüne einziger Freund?« sprach sie leise, ihn voll ansehend; »er hat sehr oft von Ihnen gesprochen und ganz anders als von seinen übrigen Bekannten. Sind Sie sehr vertraut mit ihm gewesen?« Der Maler verneinte. »Also auch Sie nicht, selbst Sie nicht! Er war so unglücklich sein Leben lang, denn ich kannte ihn von klein auf. Die Mutter hat ihm gefehlt; sie starb, bevor er sprechen lernte. Jetzt erst, wo er von uns gegangen ist, weiß ich, wie gern ich ihn hatte; aber er war so unnahbar. Erzählen Sie mir von ihm, wenn Sie mögen.«
Obwohl Hagenrieder gleich nach der Beisetzung fortgefahren war, hatte die Fürstin einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht, daß er während der ganzen langen Fahrt ihr Gesicht vor Augen hatte. »Was ist das bloß wieder mit mir?« dachte er; »ich habe mich glatt in sie verliebt, in ihre Augen, ihr Haar, ihren Mund, ihre Hände und in ihre Stimme.« Es bekümmerte ihn sehr, daß diese schöne, stolze und gute Frau, einst eine der besten Reiterinnen im Lande, in deren Stimme so viel Kraft und Leidenschaft lag, seit langen Jahren mit hilflosem Körper da lag, ein Wrack am Strande.
»Merkwürdig,« so sann er, »und ich liebe sie gerade deswegen. Und darum liebte ich Swaantje auch so sehr, und darum liebe ich nachträglich den armen Brüne, alles gefesselte Seelen, und das war es auch wohl, was mich zu Annemieken zog, das Leid, das hinter ihrem hübschen Kindergesichte lag.« Er hatte sie niemals gefragt, welcher Art das Unwetter gewesen war, das sie erlebt hatte.