Zwischen ihr und Helmold war aus der Liebschaft ein Verhältnis geworden, wie zwischen Bruder und Schwester. Er schlief jetzt immer im Kruge, denn das Mädchen sagte einmal: »Es könnte darüber doch einmal so laut geredet werden, daß es in der Stadt zu hören ist; na, und das willst du doch auch nicht gern!« Aber wenn er in Stillenliebe war, kehrte er zum Vesper immer bei ihr ein und blieb bei ihr, bis es Schlafenszeit war. Er saß dann im Backenstuhl am Feuer, rauchte, sah ihr beim Spinnen zu, dachte an das, was ihm das Leben an Licht und Schatten gebracht hatte und fand, daß er damit eigentlich zufrieden sein könne.
Ab und zu sah er in dem wirbelnden Herdrauche Swaantjes Gesicht. Ohne Eigenleid dachte er an sie; denn er war sich ganz klar darüber, daß er ihr mehr gewesen war als sie ihm. Er hätte ihr Leben ausfüllen können; sie wäre ihm nur eine Ergänzung gewesen.
Überhaupt sah er jetzt ganz klar. Eines Tages fuhr er im Kraftwagen nach Stillenliebe, um den Pachtvertrag auf seine Person umschreiben zu lassen. Hennig begleitete ihn, wie jetzt öfters, wenn er auch kein Gewehr anrührte. Helmold hatte am Tage vorher einen langen Brief vom Fürsten bekommen, der den letzten Willen Brünes betraf, und wonach Hagenrieder mit der Bauleitung und Ausschmückung für ein Soldatenheim betraut wurde, das der Verstorbene seiner ehemaligen Garnison stiftete. Das Honorar war so hoch bemessen, daß der Maler dem Fürsten schrieb, er wolle erst persönlich mit ihm Rücksprache nehmen.
Gerade setzte er Hennig die näheren Umstände auseinander, da gab es einen Stoß, und das Auto wollte nicht vom Flecke; die Vorderachse war gebrochen. Da Hennecke sich den linken Schenkel etwas verstaucht hatte, verbot es sich, daß er die zwei vollen Stunden nach Stillenliebe zu Fuß abmachte; darum schickte Hagenrieder den Wagenlenker nach einem Fuhrwerke.
»Ein Segen, daß es sich aufgeklärt hat,« meinte Hennig und räkelte sich im Haidkraute; »wenn es jetzt regnete, fände ich den Fall tragisch.« Sein Freund lachte: »Optimist, der du bist!« Der andere zuckte die Achseln: »Na, und du bist es ja auch.« Der Maler steckte sich eine Zigarre an und sah gegen den Himmel, unter dem ein Gabelweih kreiste. »Hm,« meinte er dann, »anders bleibt einem ja schließlich auch nichts übrig, wenn man kein oberflächlicher Kopf ist. Sieht der Milan da nicht herrlich aus, und wie schön die Haidlerche singt!«
Er streichelte ein goldrot blühendes Moospolster. »Du hast einmal gesagt, Hennig, man ist, wie man ist. Das stimmt. Was habe ich früher an mir herumgebogen; Zweck hat es nicht gehabt. Ich habe immer gedacht, als Bauer oder Trapper wäre ich glücklicher geworden; das war natürlich Unsinn. Ich habe auch geglaubt, ich sei ein Ausnahmemensch, eine untypische Erscheinung. Jetzt sehe ich ein, daß ich ein Typus bin und dessen Gesetzen unterliege, mir selber keine schaffen kann. Weil ich aber ein Künstler bin, bin ich stets unzufrieden gewesen. Zufriedene Maler und Bildhauer und Dichter und Musiker, die gibt es wohl, aber dann sind es eben Handwerker. Die Unzufriedenheit ist die Grundlage der Kunst und alles andern Schaffens.«
Er sah Hennecke an, lachte süßsauer und fuhr fort: »Früher, hurra, was fühlte ich mich! Aber meine Kunst, die war doch eine künstliche Maschine, wie diese rote Karre da, die jetzt mit gebrochenem Schlüsselbein auf der Nase liegt. Vorzüglich in diesem Koofmichzeitalter ist die Kunst kein solides Lebensfahrzeug. Das Kunstwerk ist Ware geworden. Ich male ein Bild mit Hirn und Herzblut, und dann kommt irgend ein weltfremder Kerl und kauft es, und ich und mein Volk haben das Hinterhersehen. Ach ja, man sieht mächtig klar, liegt man einmal neben der Karre im Straßengraben!«
Er pfiff leise vor sich hin und fragte dann: »Stimmt das?« Sein Freund nickte. »Ja, und dann,« spann er weiter an seinen Gedanken, »in dieser barbarischen kulturlosen Zeit, in diesem exakten Präzisionszeitalter, wo alles Wertlose seinen festen Barwert hat, führt die Kunst nicht mehr, sie rennt hinterher und nebenher; sie schenkt nicht mehr, sondern sie schachert; sie ist nicht mehr Königin, sondern Konfektionöse; dient nicht dem Volke, sondern dem Kapital. Das habe ich wohl immer gefühlt, aber nun erkenne ich es. Verfluchte Zucht!« Er warf seine Zigarre gegen den Erdboden, daß es sprühte.
Sein Gesicht sah ganz gleichmütig aus, als er weiter sprach: »Irgend ein zielbewußter Idiot hat gesagt, der Künstler müsse sich selbst genügen; das ist hervorragender Blödsinn! Der Künstler will wirken! Wenn ich ein Mädchen in den Arm nehme, was suche ich dann: Vergnügen oder Fortpflanzung? Ich meine das letzte! Aber uns bildenden Künstlern von heute fehlt jede Fernwirkung; ein kleiner Zeitungsschreiber wirkt weiter als der größte Maler. Alles verhunzt uns dieses Jahrhundert der Schachermachai, Kunst, Liebe und Leben. Man existiert, aber man lebt nicht, und macht man mal den Versuch, schwupp, beißt einen das sogenannte Gewissen. Der Held dieses Jahrhunderts ist der Philister; sogar ein Bismarck strich sich demgemäß an, um sich in dieser halbseidenen Zeit durchsetzen zu können. Wir müßten einmal wieder einen Krieg bekommen und gründliche Keile, das ist das einzige, was uns helfen kann, damit wieder Männer oder besser, Kerle an die Spitze kommen, statt dieser Knechte, die sich Herren schimpfen.«
Er nahm einen roten Feuersteinsplitter auf, besah ihn lange und murmelte: »Was hat uns bloß so minderwertig gemacht? Die Technik oder das Christentum? oder der Protestantismus? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: ich möchte Seeräuber gewesen sein oder Beduinenscheik und jetzt«, er lachte Hennig an, »Mönch, aber nicht in einem Kloster, in dem Schuhe und Stiefel unter demselben Bette stehen. Aber ich würde es doch wohl nicht länger als acht Tage aushalten!«