Er legte den Stein wieder in den Sand. »Quatsch! Ich will lieber vespern; ich merke, mir wird flau. Vielleicht philosophiere ich dann etwas positiver.«
Hennecke lächelte, als er sah, wie tapfer sein Freund aß und welchen gefährlichen Zug Portwein er hinterher nahm. »Das Essen schmeckt dir ja noch anscheinend und der Wein auch,« meinte er, »und ich glaube, ein junges Mädchen im Alltagskleide ist dir immer noch lieber, als ein alter Pastor im Sonntagsstaat. Hm?« Der Maler verlor mit einem Male jede Spur von Humor aus den Augen, lachte dann aber laut auf und sagte: »In der Theorie, ja! Sonst aber, weißt du, Hennig, die Frauen sind mir in der Hauptsache nur noch hübsche Bilder, und du weißt, ich mag in meinen Räumen keine Bilder leiden.«
Er sah dahin, wo ein Turmfalkenpaar über einem Birkenwäldchen schwebte und laut kicherte, und er dachte an die junge frische Witwe, die ihn, den halbreifen Knaben, die Liebe gelehrt hatte, oder vielmehr die Lust. Früher hatte er immer gedacht, daß das ein Glück für ihn war; nun erkannte er, daß es sein Verderben gewesen war, denn seitdem hatte er kein hübsches Weib ansehen können, ohne es zu begehren. Nur in der Zeit, da er lichterloh für Grete brannte, hatte es für ihn keine Frauen gegeben; aber dieser Zustand der Reinheit hatte auch nicht lange gedauert.
»Das kommt vom späten Heiraten«, dachte er; »stückweise habe ich mein Herz verschleudert und es unkräftig für eine große Liebe gemacht.« Einst hatte es seiner Eitelkeit geschmeichelt, daß so viele Frauen und Mädchen seine Augen suchten; nun sah er den Grund dafür ein. »Sie sahen in mir den liebeshungrigen, ungesättigten Mann, den unglücklichen Mann, hatten Mitleid mit mir, und Mitleid und Zuneigung sind Zwillingsgeschwister.« Er schämte sich. »Pfui, Mitleid! Das empfindet man mit Krüppeln.«
Ihm fiel der seltsame Blick ein, mit dem Prinzessin Almut ihn bei der Beisetzung angesehen hatte. Das hatte seiner Eitelkeit geschmeichelt, aber weiter keine Wirkung auf ihn gehabt, obgleich das junge Mädchen eine Schönheit war und Augen hatte, wie ihre Mutter. Der Blick, mit dem sie ihn ansah, hätte ihn früher in Brand gesteckt; jetzt wurde er kaum warm davon.
Daß es so war, merkte er, während er eine Woche darauf auf Hohen-Samlitz zu Gaste war. Als er mit dem Fürsten und der Fürstin über Brünes letzten Willen sprach und meinte, daß das Honorar das übliche Maß weit übersteige, erwiderte der Fürst: »Ihre Kunst ist überhaupt nicht mit Geld zu bezahlen: bitte fassen Sie die Summe nur als Sinnbild der Wertschätzung auf, die mein Bruder Ihnen entgegenbrachte.« Da schwieg der Maler. Als der Fürst ging, fragte die Fürstin, ob Hagenrieder nicht Lust habe, sie alle zu malen, und da versetzte er: »Durchlaucht verzeihen, aber ich glaube, das ist nicht gut«, und als sie ihn verwundert ansah, sagte er leise und er wurde ganz rot dabei: »Ich bin nicht eitel, Euer Durchlaucht, aber ich habe ein sehr bitteres Erlebnis gehabt, und seitdem habe ich das Unglück, auf Frauen von Herz sonderbar zu wirken, und noch mehr auf ganz junge Mädchen, die Mitgefühl und Liebe verwechseln.«
Die Fürstin sagte nichts, hielt aber bei der Tafel die Augen offen, und so entgingen ihr die Blicke nicht, die ihre jüngste Tochter dem Maler schenkte. Geflissentlich fragte sie ihn nach seiner Frau und seinen Kindern, und von da ab sah Almut auf ihren Teller. Nach dem Essen bat die Fürstin ihn, ihr das Bild seiner Frau zu zeigen. Er holte es, und sie ließ es rund gehen. Die Prinzessin war ganz blaß, als sie es ansah, so daß ihre Mutter sie zu Bett schickte.
Hatte auf der ersten Rückfahrt von Hohen-Samlitz die Fürstin Helmolds Gedanken beschäftigt, so sah er während dieser Reise das Gesicht ihrer Tochter vor sich und späterhin noch oft genug. Er stellte es sich vor, welch ein Glück es sein müßte, sie im Arme zu halten und küssen zu dürfen, aber es schien ihm doch, als wenn er sie nur wie ein Vater würde küssen können, und daß das zärtliche Verlangen, das ihn in der letzten Zeit ganz jungen Mädchen gegenüber beschlich, wohl darauf beruhte, daß es ihm an einer Tochter fehlte, die in ihm aufging; denn Swenechien entfernte sich immer mehr von ihm. »Ich habe zu spät geheiratet,« dachte er; »die Kinder haben keine Schuld, daß sie fern von mir stehen; ich bin zu alt für sie, zu alt und zu kalt. Und darum ist eine Kluft zwischen ihnen und mir.«
Seine Augen verhärteten sich; denn sein Verstand raunte ihm zu: »Sie reden Unsinn, Herr Hagenrieder; jeder Mensch bleibt für sich allein; versuchen Sie logisch zu denken, und Sie werden einsehen, daß Sie vom Wege abgekommen sind und sich verbiestert haben. Solange man verliebt ist, ist es anders; aber das hält nicht vor, ist also ein plumper Schwindel von der Natur, die euch damit ihren Zwecken dienstbar macht. Und ist die heiße Liebe abgeblüht, dann gibt es einen Kompromiß mit den notwendigen Kompromißverständnissen. Kein Mensch kann aus seiner Haut heraus, keiner sein Ich dem andern geben, Mann und Frau sich nicht, Eltern und Kinder sich nicht.«
Sein Herz wehrte sich gegen diese Worte, aber es konnte nichts Triftiges darauf erwidern, und ihm wurde kalt vor Einsamkeit. »Leben wir denn bloß, um uns fortzupflanzen?« fragte er.