Das Soldatenheim brachte ihm aber so viele Arbeit, daß er keine Zeit behielt, sich zu bedauern. Auch Ärger brachte ihm der Auftrag, denn der kommandierende General, ein straffer, kurz angebundener Herr, machte wiederholt Versuche, ihn in der Wahl der Stoffe zu beeinflussen, bis Hagenrieder die Geduld riß und er sagte: »Nach dem letzten Willen meines Freundes habe ich unbeschränkte Vollmacht! lehne ich den Auftrag ab, so fällt das ganze Unternehmen.« Da ließ ihn der General in Ruhe.

Hagenrieder arbeitete nun darauf los, wie es ihm gefiel. Er hatte in der Garnison einen tüchtigen jungen Baumeister gefunden, dem er trotz aller Quertreibereien der einflußreichen Klüngelkreise den Bau gab. Er hatte ihn gefragt, wie er sich das Haus denke: »Einfach und gemütlich,« hatte Kolden geantwortet, und der Maler erwiderte: »Sie sind mein Mann.«

Als der Bau fertig war, gefiel er ihm so sehr, daß er voller Freude an die Arbeit ging. Er verzichtete vollkommen darauf, die Wände mit Schlachtenbildern zu bedecken; er malte Landschaften mannigfachster Art, in deren Vordergründen der Bauer bei der Arbeit dargestellt war. Nur die Hauptwand des Vortragssaales bekam ein Bild anderer Art, eine weite Herbsthaide, rechts und links von goldenen Birken umschlossen, und über die Haide ritt an der Spitze seiner Reiter, die wie Schatten aus dem Frühnebel auftauchten, der König als oberster Kriegsherr.

»Ich habe immer gedacht, Uniformen könne man nicht malen,« sagte Kolden; »ich habe mich geirrt.« Der Maler lachte: »Ja, ohne die Eselsbrücke mit dem Nebel wäre es auch nicht gegangen.« Aber er freute sich selber, daß das Bild ein Kunstwerk geworden war, und als der kommandierende General ihm die Hand schüttelte und sagte: »Ganz recht von Ihnen gewesen, daß Sie sich mein Dreinreden verbaten; Sie haben alle meine Bedenken schlank übergeritten,« da fühlte er, wie ihm das Gesicht heiß wurde.

Am Tage darauf war er bei dem General zu Tisch geladen. »Sagen Sie mal, was haben Sie eigentlich,« fragte der ihn beim Braten; »machen immer so hinterhältsche Augen. Auf ihr Wohl!« Helmold lachte und sagte: »Schlechte Kinderstube, Exzellenz!« Nach aufgehobener Tafel überreichte er dem Gastgeber ein gestempeltes Schriftstück. Der alte Herr, der drei Feldzüge mitgemacht hatte, zog die Augenbrauen immer höher, je länger er las, und ließ sogar seine Zigarre ausgehen. Dann legte er das Aktenstück auf den Tisch, schlug mit der Hand darauf, sah seine Frau, den Adjutanten, den Baumeister und dann den Maler an, holte tief Luft und stöhnte: »Na, das muß ich aber sagen; besser konnten Sie es mir gar nicht geben. Hört mal, Kinder: unser Freund hier verzichtet auf das ganze Honorar zugunsten des Militärhülfsvereins. Pff! Ich muß einen Kognak trinken. Erst Gänsebraten und dann der Schreck!«

Hagenrieder hatte die Schenkung gemacht, weil eine wahrscheinlich von den Klüngelkreisen beeinflußte recht minderwertige Zeitung eine Andeutung gemacht hatte, als habe er Samlitz bewogen, ihm den Auftrag zuzuwenden, und dann war ihm auch zu Ohren gekommen, daß an einigen Stammtischen gesagt war, mit dem vierten Teile der Summe wäre seine Arbeit reichlich bezahlt. Er lachte aber nur, als er einige Zeit darauf das plumpe Lob las, das ebendieselbe Zeitung vor seiner Hoteltür ablud, und als er mit den Leuten zusammenkam, von denen er wußte, daß sie ihm von hinten gegen den Rock gespuckt hatten, ließ er es sie nicht merken, daß er genau darüber unterrichtet war. Aber als er mit ihnen anstieß und ihnen freundlich zunickte, dachte er: »Ach ja, ich kann mich sogar diesem Gesindel gegenüber beherrschen; was hätte es mir früher für einen Spaß gemacht, ihnen die Reißzähne zu zeigen. Man wird alt.«

Zu der Einweihung des Soldatenheimes erschien der König selbst. Er zeichnete Hagenrieder sehr aus und ließ sich sagen, welche Absicht er gehabt habe, daß er bis auf das eine Bild lediglich bäuerliche Arbeit dargestellt habe. »Ja,« erwiderte der Maler, »Majestät, gedacht? Ich denke beim Malen nicht. Aber ich hatte so das Gefühl: du malst für Soldaten, und mußt ihnen das Komplement zum Soldatenleben geben.« Der König sah ihn ernst an, nickte mehrere Male und sagte: »Ich glaube, Sie haben das Richtige getroffen. Anfangs stutzte ich, als ich unter dem Hauptbilde im Lesezimmer den Spruch des großen Korsikaners las. ›Den Acker bestellen, das ist der wahre Beruf des Menschen,‹ denn er wirkt unwillkürlich wie ein Witz, und ob der Mann das ehrlich gemeint hat, ist noch fraglich, denn seine Sankt Helenaer Aussprüche schmecken zum Teil sehr nach Kaptatio benevolentiae. Aber eine Wahrheit wird darum nicht entwertet, wird sie nicht aus ehrlicher Absicht gesagt.« Er betrachtete dann aufmerksam das Gemälde im Vortragssaale, sprach aber nur von der Landschaft und wandte sich zu dem Baumeister.

Hagenrieder bekam die nächste Klasse des Ordens, den er schon besaß, und beim Geburtstage des Königs wurde ihm der Adel, den seine Vorfahren abgelegt hatten, wieder verliehen. Er holte Hennecke ab: »Komm mit nach Stillenliebe, Hennig,« bat er; »es ist nicht zum Aushalten; jeder Ochse tut so, als wenn ich auf einmal ein anständiger Mensch wäre. Ich komme mir wahrhaftig beinahe selber schon so vor.«

Auf dem Bahnsteige begegnete ihm Kommerzienrat Britting mit seiner Frau Meinholde geborene Marten. Sie war noch schöner geworden und sah den Maler so an, daß Hennecke dachte: ›Dunnerkiel!‹ Er sagte jedoch nichts. Er hatte seinen Freund und sie vor Jahren einmal im Walde getroffen, Helmold aber nie nach ihr gefragt. Der grüßte höflich wieder, ohne den heißen Blick zurückzugeben. Zwischen ihm und ihr hatte sich beinahe eine Liebschaft angeknüpft, und es wäre ihm leicht gewesen, das Mädchen ganz zu gewinnen. Da bemerkte er bei einer Gesellschaft, daß sie mit einem häßlichen Blick nach dem Nacken seiner Frau sah. »Unverschämtheit!« hatte er gedacht, und sie fortan gemieden.

Während der Zug durch das herbstliche Land schnaufte, dachte er an alles das, was ihm im Leben entgangen war, aber mit demselben Gleichmute, wie an das, was es ihm beschert hatte. »Du«, sagte Hennig, und hielt ihm die Zeitung hin, »die Prinzessin hat sich verlobt.« Sein Freund nickte; das rührte ihn nicht mehr als das Adelsprädikat, als Meinholdes einladender Blick, als das ganze Leben mit allem seinem Drum und Dran. Er erschrak sogar recht wenig, als er Annemieken wiedersah; sie hatte eine verdächtige Glut in den Augen, auf jeder Backe einen kreisrunden roten Fleck, und ihr Husten war hart und trocken. Er sagte ihr, sie solle sich einmal gründlich untersuchen lassen, und er wollte sie gern nach dem Süden schicken, aber sie wehrte ab: »Das geht vorüber. Und mich vor dem Doktor nackigt ausziehen, ich müßte mich ja totschämen. Und unter fremde Leute kann ich schon gar nicht gehen.«