Gleichmütig rauchte er seine Pfeife. »Herr Geheimer Hofrat Senator Professor Helmold von Hagenrieder, erster Vorsitzender des Kunstvereins, Ehrenmitglied der Kunstgenossenschaft, Inhaber von einem halben Dutzend goldener Ehrenmünzen und Staatspreisen, Ritter hoher Orden, wissen Sie, was Sie sind, Verehrtester?« sagte er zu sich und sah sich spöttisch an: »erinnern Sie sich noch jenes Ligusterschwärmerweibchens, das Sie als zwölfjähriger Bengel fingen, mit Schwefeläther töteten, nadelten und aufspannten? Als Sie nach vier Tagen das Spannbrett vom Schranke nahmen, bewegte der Schmetterling ruhig und besonnen den Hinterleib hin und her und entledigte sich seiner Eier, obgleich sein Vorderleib gänzlich abgestorben war. In demselben Zustande, mein Lieber, befinden Sie sich; ruhig und besonnen schaffen Sie ein Kunstwerk nach dem anderen, aber nur mit Kopf und Hand, denn Ihr Herz ist längst tot.«
Das sah die Brennhexe auch ein. Sie war ganz dicht hinter ihm gewesen, aber als sie sein Gesicht sah, machte sie eine verächtliche Bewegung mit der Hand und blickte sich nach einem anderen Tanzeschatz um, dessen Augen nicht so kalt aussahen, wie Moorwasser im März. Da sie aber immer noch so hübsche Beine hatte, wie damals, als sie den selben Mann quer durch das Moor gehetzt hatte, so war der Torf wieder lichterloh verliebt geworden, und Helmold Hagenrieder mußte machen, daß er weiterkam, denn das Feuer rückte ihm von drei Seiten auf den Leib. Dieweil er aber den Springstock nicht bei sich hatte, so wurde es ihm schwer, die Moorgräben zu nehmen, so daß er schließlich in einen Abstich springen und bis an den Hals untertauchen mußte.
Ziemlich lange mußte er im Wasser bleiben, obgleich ein Schauer nach dem andern ihn schüttelte, denn er war unfrisch und müde. Er war, nachdem er Annemieken die letzte Ehre erwiesen hatte, die ganze Nacht aufgeblieben und hatte sich mit dem Monde unterhalten; er hatte in dem Backenstuhle neben der Feuerstelle gesessen, und der Mond hatte sich in dem Spinnstuhle niedergelassen.
Es war kalt gewesen in der Nacht; denn das Feuer war ausgegangen, und das Spinnrad stand still; es sah wie ein Gespenst aus, und der Kesselhaken hatte ein trauriges Gesicht.
»Ja, ja, Kerl,« hatte der Mond gesagt, »es nimmt eben alles einmal ein Ende; auch ich war einst jung, hatte ein rotes Herz und Gedanken, so grün wie Maibaumlaub zur Pfingstzeit. Das ist schon manchen Donnerstag her, und mir ist so, als wäre das alles nicht wahr, die vulkanischen Träume meiner Jugend und meines Mannesalters Ebbe und Flut. Aber so stehe ich mich schließlich doch besser; man hat keine Hoffnungen mehr, aber auch keine Enttäuschungen. Sei froh, Kerl, daß es dir ebenso geht!«
Sein Freund hatte sich eine neue Pfeife gestopft und nichts gesagt, so daß der Mond geärgert aufstand und fortging. Helmold hatte gegen Morgen ein Glas kalte Milch getrunken, ein Stück Brot gegessen und war auf die Frühpürsch gegangen; doch machte ihm das Waidwerken gar keine Freude. »Lebendiges Leben ist so schön«, sagte er sich, als er den Hauptbock in der Wiese stehen sah, wie eine Flamme in der ersten Sonne leuchtend; »lebe und liebe, du adelig Getier, bis deine Zeit um ist. Ich weiß, was es heißt, zu sterben vor der Zeit, die einem bestimmt ist!« Er hatte sich umgedreht und war weiter geschlichen.
»Es ist immer das selbe«, dachte er; »der Himmel ist blau und die Sonne gelb. Man müßte eigentlich einmal in ein Land gehen, wo der Himmel weiß und die Sonne schwarz ist, oder dahin, wo eine weiße Sonne in einem schwarzen Himmel steht. Ein wie das andere Jahr blüht das Moor im Spätsommer rosenrot; hinterher werden die Birken gelb; dann kommt der Schnee, und so geht es in der selben langweiligen Weise weiter. Das kenne ich nun ein halbes Jahrhundert lang und bin seiner satt. Und mit Liebe und Haß ist es ebenso: erst rot, dann gelb, dann braun und zuletzt weiß, immer in der selben eintönigen Art; ich mache mir nichts mehr daraus.«
Er fuhr nach Hause. »Du siehst nicht gut aus, Liebster,« sagte seine Frau. »Bißchen erkältet,« antwortete er und ging an seine Arbeit. Er lebte in stiller Tätigkeit drei Tage hin, bis ein heftiges Kopfweh, Schüttelfrost und Fieber ihn zu Bette brachten. In der Nacht wachte er auf und sah den grauen Engel vor seinem Bette sitzen. »Meinetwegen!« sagte er zu ihm. Eine alberne Angst kniete ihm auf dem Herzen, würgte ihm am Halse und schlug ihn, daß ihm der Kopf zu zerspringen drohte; er weckte seine Frau aber nicht, um sie nicht zu ängstigen.