Am Morgen sah er so elend aus, daß Grete Beni Benjamin herbeirief. Der untersuchte ihn, runzelte die Stirn und sprach nachher zu Frau Hagenrieder: »Es steht recht schlimm; doppelseitige Lungenentzündung. Bereiten Sie sich auf alles vor, liebe Freundin. Und lassen Sie Hennig rufen.«
Am Nachmittage des dritten Tages, nach dem Helmold sich niedergelegt hatte, gab der Arzt keine Hoffnung mehr. »Trösten Sie sich, Frau Hagenrieder,« sagte er: »er hat alles erreicht, was einem Menschen beschieden sein kann, und mehr gelebt, als wenn er hundert Jahre alt geworden wäre.« Der Frau liefen stumme Tränen über das Gesicht. »Nein,« erwiderte sie und schüttelte den Kopf, »nein, das hat er nicht.«
Sie seufzte auf und begann wieder: »Lieber Hennig, und bester Herr Doktor, was meinen Sie, soll ich nicht Swaantje telegraphieren? Vielleicht ist es ihm eine Freude, sie noch einmal zu sehen.« Der Arzt sah Hennecke an und dieser ihn. »Er hat von ihr kaum mehr gesprochen,« antwortete Hennig, und Benjamin setzte hinzu: »Auch in seinen Fieberdelirien nicht. Ich glaube, er denkt nicht mehr an sie. So ist es wohl besser, wir stören ihn nicht beim Einschlafen.« Hennecke aber fragte: »Wann kann sie spätestens hier sein?« »Morgen mittag,« antwortete sie. »Dann hat es keinen Zweck mehr;« dachte der Arzt, »denn er überlebt die Nacht nicht mehr.« Dann schwiegen die drei Menschen und sahen mit leeren Augen aneinander vorbei.
»Grete,« flüsterte es im Nebenzimmer. »Helmold?« rief die Frau, nötigte ein Lächeln auf ihr Gesicht und ging zu ihrem Gatten. Seine Augen waren ganz klar. Er griff schwach nach ihrer Hand; sie gab sie ihm, und er drückte sie. »Es ist alles in Ordnung,« murmelte er, »das Testament, und das andere. Weißt du mit den Kindern,« er schloß die Augen, »nicht Bescheid, Hennig hilft dir, und Beni auch.« Sie flüsterte ihm zu: »Sollen die Kinder kommen?« Er winkte mit den Augen ab und hauchte: »Schlafen lassen!« Er fing an zu keuchen und wand sich hin und her. »Kommen Sie,« sagte der Arzt und führte die Frau hinaus, denn er sah, daß es zu Ende ging.
Der Kranke keuchte immer schwerer und murmelte bald laut, bald leise. »Alles in Ordnung, alles, alles,« flüsterte er; »mündelsicher angelegt.« Seine Stimme starb, und sein Atem schlief ein. Noch einmal stieß sein Leben den Tod zurück: »Bravo, Prinz!« murmelte er; »er hat die Kugel zwölf Ring, der Hirsch. Frau Pohlmann, einen können wir noch!« Er hielt an und flüsterte: »Klaus, wollen eins singen!« Wie aus weiter Ferne klang es: »Ein Jägermädchen, das trägt ein grünes, grünes Kleid.« Sein Kopf fiel herum; der Arzt sah, daß die Augen gebrochen waren. »Annemieken!« flüsterte der Sterbende, und die Steppdecke zitterte.
Der Arzt horchte eine Weile, murmelte etwas, drückte dem Toten die Augen zu, zog die Bettdecke zurecht und ging hinaus.
Es war ein Uhr in der Nacht, als er das Haus verließ; Hennig blieb zurück, damit die Frau nicht allein mit dem Toten wäre. Als der Arzt am anderen Vormittage zurückkehrte, fand er Swaantje Swantenius bei Frau Hagenrieder. Er begrüßte sie kühl, und Hennecke, der bald darauf auch kam, benahm sich noch kälter gegen sie.
Zwei Tage später wurde Helmold Hagenrieder begraben. Wagen auf Wagen folgte dem Sarge, und hunderte von Männern zu Fuß gingen hinter ihm her. Als der Geistliche die Leichenrede hielt, wurde er fast verwirrt, denn noch niemals hatte er ein so verschiedenartiges Gefolge gesehen. Die höchsten Staatsbeamten, das ganze Stadtverordnetenkollegium samt dem Magistrate waren zugegen, viele Offiziere, Förster und Jagdaufseher und eine lange Reihe von Bauern und Landarbeitern mit ihren harten Gesichtern und unmodischen Hüten.
Der Himmel war von einem abgeschmackten Grau, ein langweiliger Wind ging, und mit blassem Gesichte stand der Mond am Himmel und sah mit gleichgültigen Augen auf die Menschen, die das Grab umgaben, und als sie sich verkrümelten, lächelte er ein bißchen spöttisch über den Wall von kostbaren Kränzen, der die Stätte bedeckte, wo Helmold Hagenrieders leerer Leib lag; denn dessen Seele war gänzlich verschwunden, weil sie schon vor dem Tode ihren Inhalt verloren hatte. »Ein schöner Blödsinn«, dachte der Mond, schüttelte den Kopf und verzog sich bis auf weiteres.