»Recht hat er getan!« dachte der Bauer; »Schimpf um Schimpf, Schlag um Schlag, Blut um Blut, sagt Drewes.« Er sah in das Feuer und sah darin einen langen Kerl mit einem kleinen Kopf und einer dünnen Stimme, und einen anderen, kurz und dick wie ein Faß und mit zwei Narben im Gesicht, die über Kreuz standen. Er sah sie vor sich liegen mit gebundenen Händen, alte Lappen in den Mäulern und Angstschweiß auf der Stirn, und er stand davor, trat sie mit Füßen und hielt ihnen sein Messer vor die Augen.

Lange saß er so da und dachte an weiter nichts. Aber mit einem Male wurden ihm die Augen naß. In einer von den Plaggenhütten weinte ein Kind und eine Frau sang:

Eia wiwi,
keen slöppt denn nu bi mi?
Wi willt dat nu ganz anners maaken,
Heini schall in de Eia slaapen,
eia wiwi.

Die Bruchbauern

Es war hellichter Tag, als Harm Wulf aufwachte. Er war im Sitzen eingeschlafen, und so fest hatte er geschlafen, daß er sich erst gar nicht vermuntern konnte und sich ganz wild umsah, weil er nicht wußte, wo er war.

Aber dann stand er auf, so schwer und so langsam, als wenn er nicht vierundzwanzig, sondern achtundvierzig Jahre hinter sich hatte. Hingstmann, der gerade vorbeikam, [verjagte sich], als er ihn sah, denn der Wulfsbauer hatte ein ganz altes Gesicht und Augen, in denen kein Leben war, und an den Seiten war sein Haar grau geworden.

»Wenn er man bloß weinen könnte, Ulenvater!« sagte die Reinkenbäuerin; »das ist ja schrecklich, wie der Mann das in sich hineinfrißt!« Aber Harm weinte nicht. Er aß, wie immer, sprach aber nicht mehr, als Ja und Nein, half die Schanzen höher machen und Schuppen bauen und was sonst für Arbeit nötig war. Um Uhre zehne ging er mit Thedel fort und als sie wiederkamen, hatten beide ganz blanke Augen und der Junge [griente] in einem fort, so daß es scheußlich anzusehen war.

»Was willst du jetzt anfangen, Harm?« fragte ihn abends, als sie beim Feuer saßen, sein Schwiegervater; »willst du den Hof wieder aufbauen?« Sein Eidam schüttelte den Kopf. »Ich habe eine andere Arbeit vor. Es kann sein, daß ich lange fortbleibe, vielleicht bin ich aber auch bald wieder da. Damit du es weißt: das Geld haben die Raubvögel nicht gefunden. Ich würde es ihnen gern gegönnt haben, wenn sonst alles so geblieben wäre, wie es war. Solltest du also in Bedrängnis kommen, so weißt du es zu finden; so ganz wenig ist es nicht. Und an dem andern Platz, du weißt ja Bescheid, ist Saatkorn genug, und von Wurst und Schinken ist da auch eine ganze Masse, und von Käse und Honigbier auch. Und da liegen auch noch die Pistolen und das eine Gewehr. Hast du etwas Tabak über?«

Er stopfte sich die Pfeife, hielt einen Fuhrenzweig in das Feuer, bis er Flammen fing, und brannte damit seinen Tabak an. »Weißt du was?« fuhr er dann fort, »mit mir ist das so: große Lusten zum Leben habe ich nicht mehr. Laß mich ausreden! Vielleicht, daß ich sie wiederkriege, wenn ich mit den beiden Hauptmordbrennern abgerechnet habe. Denn das habe ich fest vor. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden! Thedel will auch mit; sie stehen bei ihm gleichfalls in der Kreide, Alheids halber. Grieptoo kann bei dir bleiben; der Hund könnte mir im Wege sein!«

Ein Haufen von Vögeln kam angeflogen, ließ sich in den hohen Tannen nieder und lärmte gewaltig. Harm sah in die Höhe: »Da ist ja das Unzeug wieder, von denen Hingstmanns Vater sagte, sie zeigen Krieg und Pestilenz an. Vielleicht hat er auch recht, denn meinen Tag habe ich solche Vögel noch nicht gesehen. Einen fand ich tot in der Haide liegen; er war rot wie Blut und sein Schnabel ging über Kreuz. Aber was wollt ihr nun anfangen? In Ödringen seid ihr keinen Tag eures Lebens sicher, denn was gestern war, kann morgen wieder sein. Ich glaube, das beste wird sein, ihr baut euch hier im Bruche auf dem Peerhopsberge an; da finden sie euch so leicht nicht und Frucht wächst da zur Not schon. Und die Burg hier, die müßt ihr noch fester machen; der Graben muß tiefer und jedesmal da, wo der Zugang einen Knick macht, da muß eine Wolfskuhle hin.«