Thedel ritt vor ihm und hatte die Sonne im Gesichte, und seine Ohren sahen mit einem Male aus als wie zwei [Klapprosen]. Er sagte nichts, gab aber einen Seufzer von sich, der so lang und so dick wie ein Pferdeschwanz war, so daß Harm herzlich lachen mußte.
»Na,« sagte er, denn er sah, daß der Knecht ein Gesicht machte, wie der Zaunigel, wenn ihn der Hund anbellt, »was nicht ist, kann noch werden. Vorläufig haben wir ja noch andere Arbeit vor, und erst die Arbeit, dann das Vergnügen, sagt Viekenludolf, da schlug er Kassenkrischan drei Zähne in den Hals und ging mit seinem [Danzeschatz] in den Grasgarten. Aber wenn zwei gewisse Leute das Fliegen gelernt haben, ohne daß sie gerade heilige Engel geworden sind, dann, Niehusthedel, sollst du ein Haus zu eigen haben mit einem großmächtigen Bett und einer [glatten] Frau drin, wenn du willst, und es soll mich nicht wundern, wenn sie vorne Hille und hinten Ehlers heißt, Arme, wie ein paar Fuhrenbäume und Haare, wie das Gras da hat, wo die Sonne so aufliegt.«
Er hielt den Schecken an, der mit der Zeit vergessen hatte, daß er ein Rappe sein sollte: »Was hat denn der Hund da? Der steht ja, als wenn da ein Mensch ist, denn für umsonst hält er den Kopf nicht so dumm und stellt sich auf drei Beine! Wollen doch mal zusehen!« Er ritt langsam hin und sagte dann: »Stimmt! Ganz, wie ich es sagte: ein Mensch! Ein Frauenzimmer anscheinend, das barfuß geht, aber kein Taternweibsstück, denn die großen Zehen stehen einwärts. Aber jung ist sie und groß ist sie, und mager, und Angst hat sie gehabt. Sie kann dazu auch krank sein, denn sie hat von dem Birkenbaum bis hierher zweimal umgeknickt, und hier hat sie einmal niedergesessen. Wollen doch mal zusehen, wo sie ist. Weit kann sie nicht sein, denn die Spur steht nagelfrisch im Sande, und kein Tau ist auch nicht drin. Grieptoo, daher! So, Thedel, nimm du den Hund an und gib mir Wittkopp, aber halte die Hand am Hahn; der Deubel kann sein Spiel haben!«
Er nahm den Zügel des Blässen in die linke Hand und machte die Pistolen locker, und dieweil Thedel mit dem Hunde am Riemen die Spur hielt, folgte er ihm auf den Hacken nach, scharf Umschau haltend, ob nicht irgendwo ein Dorn im Grase war. Sie waren so bis vor ein altes Steingrab gekommen, das ganz von [Machangeln] und [Hülsen] bewachsen war, als der Hund stand. Thedel faßte ihn mit der linken Hand unter die [Halsung], hielt in der rechten die Pistole und ging sachte Schritt um Schritt vor, und hinter ihm hielt der Wulfsbauer und hatte scharf gemacht.
»Ein Zaunigel oder ein [Ilk] oder eine [Adder] ist es nicht,« dachte der Bauer, denn Grieptoo wedelte. Aber dann fuhr er zurück, denn so wie Thedel die Büsche beiseite bog, schrie ein Frauenzimmer auf, und so schrecklich schrie sie, daß es Harm durch Mark und Knochen ging. Als er näher ritt, sah er halb unter den Steinen ein Mädchen auf den Knien liegen, das hatte die Hände unter dem Mund gefaltet, machte Augen, als wenn ihr ein Messer am Halse saß, zitterte am ganzen Leibe und schrie: »Ach Gott, ach Gott, ach Gott, tut mir doch nichts, tut mir doch nichts! Meinen lieben Vater haben sie totgemacht, meine gute Mutter haben sie umgebracht, um unseres heiligsten Herrn Jesu Leiden und Sterben willen, tut mir nichts und laßt mich hier sterben!«
Der Knecht riß den Hund zurück und machte ein ganz unglückliches Gesicht, und der Bauer sah hin und her, als ob es ihm selber an das Leben gehen sollte. Dann steckte er die Pistole fort, hob die Schwurhand in die Höhe und rief über den Hals des Schecken dem Mädchen zu: »Wir tun keinem was, so er nicht ein Erzhalunke ist. Wir sind ehrliche und rechtliche Bauern und haben selber genug ausgestanden. Habe man keine Bange!« Er zeigte auf den Hund. »Kiek, wie Grieptoo mit dem [Steert] wackelt! Bei wem er das tut, der braucht vor uns keine Angsten zu haben. Siehst du, Mädchen, der Hund will dich lecken. So recht, mein Hund, so brav, Grieptoo! Die arme Deern braucht nicht zu schreien. Thedel, laß ihn man los!«
Der Hund ging schweifwedelnd und mit kleinen Ohren auf das Mädchen zu, leckte ihm die Füße und dann das Gesicht und knurrte und [fiepte], und mit einem Male nahm ihn das Mädchen in den Arm, drückte ihn an sich, küßte ihn, weinte erbärmlich los und rief, indem sie die beiden Männer ansah: »O Gott Lob und Dank! Ja, ich sehe es euch an den Augen an, ihr seid rechtliche Leute und werdet mir nichts tun.«
Dann fiel sie auf ihr Gesicht und blieb so liegen, und ihr Haar, das so rot war, wie ein trockener [Machangel]busch in der Sonne, fiel lang vor sie hin.
Wulf stieg ab und gab Thedel die Pferde zu halten. Er nahm das Mädchen auf und brachte es dahin, wo die Sonne das Haidmoos abgetrocknet hatte, zog seine Jacke aus, drehte sie zusammen und legte sie ihr unter den Hals. Dann bog er einen breiten [Machangel]busch nieder, schnitt ihn ab und steckte ihn so ein, daß er seinen Schatten auf das Gesicht der Jungfer warf. Einen Augenblick sah er sie genau an, indem er bei ihr kniete; sie hatte schwarze Höfe unter den Augen, ihre Backen waren eingefallen, am Halse sah man alle Sehnen und Adern, und ihre Lippen waren kreideweiß.
Er schüttelte den Kopf und stand auf. »Sie ist vor Hunger halb tot und halb vor Angst.« Er machte das Sattelholster auf, holte die Flasche heraus, goß etwas Wein in seine Hand, kniete nieder und, nachdem er dem Mädchen ein bißchen davon auf die Lippen hatte laufen lassen, rieb er ihr mit dem Rest die Nase und die Schläfen. Sie schlug die Augen auf, machte wieder das Gesicht, als wie da, wo sie die Männer zu allererst sah, versuchte dann sich aufzurichten, fiel aber wieder auf die Jacke zurück und sagte: »Mich hungert so; o, wie mich hungert!«