Harm hatte schon das [Holster] in der Hand. Er setzte sich neben sie, brach ein ganz kleines Stückchen Brot ab, denn er sah, wie ihr das Wasser aus dem Munde lief, als sie das Brot roch, gab es ihr und sagte: »Langsam! Je langsamer, daß du essen tust, desto mehr sollst du haben.« Aber sie konnte es nicht herunterkriegen, so viel sie auch schluckte und würgte, und da goß er aus der Flasche ein bißchen von dem spanischen Wein in seine Hand und gab ihr das ein, und als sie das herunter hatte, da seufzte sie tief auf, lächelte dumm und [gibberte] mit beiden Händen nach dem Brote hin.

Der Bauer nahm sie in den Arm, als wenn sie ein kleines Kind war, und hielt das Brot so, daß sie jedesmal nicht mehr als ein Stück, wie ein Fingernagel groß, abbeißen konnte, und dazwischen gab er ihr ebenso kleine Stücke Salzfleisch und ab und zu von dem Weine. Es wurde ihm ordentlich leicht um das Herz, als sie immer ruhiger aß und trank und nicht mehr so blau unter den Augen anzusehen war und die Hände stillhalten konnte. Dann legte er ihr auf den Holsterdeckel das Brot und das Fleisch hin, stellte die Flasche daneben und sagte: »So, nun bist du so weit, daß du allein fertig werden kannst und dich nicht krank essen tust,« und dabei nahm er seinen Arm von ihren Schultern weg.

Das Mädchen sah ihn so an, daß ihm die Binde um den Hals zu eng wurde und da merkte er, was für ein Bild von Mensch sie war trotz des ungemachten Haares, und obzwar sie im Gesicht schmutzig war und überall geschunden. Und dann merkte er auch, daß sie an sich heruntersah, und heimlich ihr Hemd unter dem Halse zumachen wollte, aber das war kurz und klein gerissen und das Leibchen hing so um sie herum, daß er die drei halb roten, halb schwarzen Schrammen gewahr wurde, die ihr kreuz und quer über die Brust gingen.

»Thedel,« rief er, »geh' mal nach dem [Anberge], wir müssen aufpassen!« Der Knecht tat, wie ihm geheißen war. Wulf band sein Brusttuch ab, legte es dem Mädchen von hinten über die Schultern und zurück, so daß er es ihr im Kreuz zusammenbinden konnte. »Es ist doch noch immer frisch,« meinte er und nickte ihr zu; »du könntest dir was wegholen.« Indem zog er auch schon die Schuhe aus, band sich die Kniebänder los, zog die Strümpfe ab und gab sie ihr mit den Worten: »Reichlich weit sind sie ja wohl, aber wenn einer man 'ne Kuh hat, kann er keine Ziegenmilch verkaufen,« und dabei lachte er.

Aber er bekam einen Kopf, wie ein Legehuhn, und ihm wurde, als wenn er auf einen Ameisenhaufen zu sitzen gekommen war, als sie ihn groß ansah, die Hände faltete, die Augen überlaufen ließ und mit einem Male seine Hand zu fassen kriegte, sich bückte und ihm die Hand küßte, daß sie naß von ihren Tränen wurde. Fast grob stieß er sie zurück und fragte: »Bist du auch satt? Wir haben noch genug und die Katz soll uns den Magen schon nicht hinter die Stachelbeeren schleppen. Aber nun wollen wir zusehen, daß wir irgendwo Wasser zu finden kriegen, denn ein Spiegelglas pflege ich nicht bei mir zu haben, wogegen ich ein Stück Band habe, daß du dir das Haar ein bißchen machen kannst.« Er machte einen langen Hals. »Da unten sind [Ellern], und wo die sind, ist eine [Beeke], und wo eine Beeke ist, pflegt Wasser zu sein. Denn so wollen wir los!«

Er nahm sie auf den Arm und ging mit ihr nach dem Grund. »Wie leicht sie bloß ist!« dachte er und dann wurde ihm sonderbar zu Sinne, denn ihr Atem ging ihm über den Mund und ihr Haar roch, daß ihm die Brust eng wurde, und zudem fühlte er, wie ihr Herz schnell gegen das seine schlug, und das wurde davon angesteckt. So war er heilsfroh, als er sie bei der Beeke absetzen konnte, aber ehe er sie für sich ließ, brach er einen [Ellern]zweig ab, nahm ihr am Fuße Maß und sagte lachend: »Jetzo muß ich mich an das Schustern begeben! Und wenn du wieder in der Reihe bist, dennso kannst du dich ja melden.«

Thedel wußte nicht, was er sagen sollte, als der Bauer ihn anwies: »Zieh die Stiefel aus!« Aber er machte ganz krumme Augen, als Wulf das Messer nahm und die Krempen, Thedels größter Stolz, abschnitt, und erst, als er sie aufschnitt und Löcher hineinstach und eine Strippe durchzog, wußte er, was das zu bedeuten hatte, und da sagte er: »Erst wollte ich meist falsch werden, denn ich dachte, du wolltest mir einen Schabernack vor die Tür stellen.«

Das Mädchen hätte beinahe gelacht, als Wulf ihr die Strippenschuhe gab, aber sie nahm sie gern, denn sie ging in den Strümpfen auf der Haide, wie die Katze über die nasse Dele. »Alles in Ordnung?« fragte der Bauer sie, und als sie nickte, nahm er sie um, hob sie auf den Schecken und setzte sich hinter sie. »Thedel, reite vorweg,« rief er, »denn ich kann so meine Augen nicht recht brauchen!«

Der Himmel hatte sich noch mehr aufgehellt; die [Dullerchen] sangen aus ihm heraus, die [Moormännchen] stiegen auf, zwitscherten und ließen sich nieder, der [Post] war am Aufbrechen, und hier und da steckte sich ein Weidenbusch gelb an. Harm ließ den Schecken Schritt gehen. »Denn,« sagte er, »da wir doch einmal Aufenthalt gehabt haben, soll es uns auf die Zeit nun auch nicht mehr ankommen!«

Ihm war leicht um das Herz. Er dachte, es war, weil er ein armseliges Menschenkind geborgen hatte, aber wenn er ihr Haar roch und ihr Herz schlagen hörte und ihre Backe ansah, so mager, so blaß und doch so schön, und das kleine feine Ohr, das die roten Locken ab und zu freiließen, und den dünnen weißen Hals, der aus dem roten Tuche herauskam, und ihre Hand, die auf seinem Schenkel lag, und wenn er fühlte, wie ihr linker Arm um seinen Leib war, dann wußte er nicht: ist das nun schön oder ist das scheußlich? Aber im allgemeinen gefiel es ihm so, wie es war, doch ganz gut.