»Siehst du die beiden [Hainottern]?« fragte er sie und zeigte mit dem Kopfe an ihrem Gesichte vorbei dahin, wo zwei Waldstörche über einer [Wohld] in die Runde flogen, daß es nur so blitzte und blinkerte. Das Mädchen nickte. »Da wollen wir hin. Da sollst du dich erst einmal nach Lusten ausschlafen und hinterher wollen wir dafür sorgen, daß du sonst in die Reihe kommst. Und damit du es weißt: ich heiße Harm und war auf dem Wulfshofe zu Ödringen Bauer, bis eines Tages der Teufel seine Knechte auf uns losließ. Und nun leben wir denn jetzt, wie der Wolf auf der Haide und der Adler über dem Bruche, bloß daß wir keine Hasen fangen tun, denn so sind wir nicht, nämlich wir jagen man bloß auf Füchse und allerhand anderes Beisterzeug. Und das da ist Niehusthedel, dem geht es just so, man er hat mit der Zeit irgendwo sein Herz bei einem Mädchen in der Schürze vergessen, und so hat er es ganz gut, denn wer was will, der hat schon was.«

Er hörte auf, denn er wunderte sich, wie er dazu kam, diesem Mädchen, das er gar nicht kannte, und von dem er nicht wußte, woher sie war, und was mit ihr los war, seine halben Trümpfe zu weisen. Aber dann merkte er, daß seine Zunge von selber Galopp ritt. »Wie heißt du denn?« fragte er, und als sie sagte: »Johanna«, meinte er: »Und was willst du jetzt anfangen?« Sie drehte ihm das Gesicht zu und sah ihn an: »Behalte mich bei dir; ich kann allerlei und will gern alle Arbeit tun, die es gibt. Was soll ich bloß anfangen, wenn ich nicht bei dir bleiben darf? Bitte, bitte, behalte mich bei dir! Deine Frau braucht vielleicht eine Magd.«

»Hör' zu,« sagte er, und seine Stimme hörte sich mit einem Male an, als wenn Asche darauf war, »ich habe keine Frau. Ich bin ein Mann, der wie der Mausaar da in der Luft ist. Aber ich sehe es dir an, daß kein Falsch in dir ist, und wenn es dir bei uns gefallen tut, dennso sollst du gern bei uns bleiben. Also sorgen brauchst du dich nicht. Die nächste Zeit kommen wir freilich nicht nach Hause, weil ich ein Geschäft hier herum habe. Und das ist derart, daß es besser ist, du gehst vorläufig als Mannsbild durch. Auf einem Pferderücken kannst du dich halten, das sehe ich. Weiter brauchst du nichts.«

»Ich will alles tun, was du willst,« antwortete sie, und er mußte wegsehen, denn er hielt die Augen, die sie ihm machte, nicht aus. »Und nun, damit du es weißt, wer ich bin,« sagte sie, »mein Vater war Prediger im Bayrischen. Wir lebten in Frieden, bis der Krieg kam. Da ging das halbe Dorf in Flammen auf und die meisten Leute kamen um. Da suchte Vater sich eine andere Stelle, und so kamen wir bis in diese Gegend, wo die Leute sehr gut zu uns waren, besser, als anderswo. Vater wollte nach Hannover, denn er dachte, daß er vielleicht da wohl ein kleines Amt bekommen könnte, denn er hatte Briefe an Ratsherren und andere Herren von Ansehen mit. Da holten uns die Tillyschen ein, denn ein Taternmädchen, dem ich ein böses Geschwür aufgemacht hatte, sagte ihnen, welche Art Leute wir waren, und da waren sie wie die leibhaftigen Teufel. Ich will dir das ein anderes Mal erzählen; ich darf jetzt daran nicht denken. Ich habe zusehen müssen, wie sie meinen Vater so schlugen, daß ihm das Blut aus dem Munde kam, und als meine Mutter ihnen fluchte, haben sie sie vor meinen leiblichen Augen im Brunnentrog ersäuft. Ich weiß heute noch nicht, wie ich fortgekommen bin. Ich weiß nur, daß sie alle betrunken waren, und dann bin ich immerzu gelaufen und erst wieder zu mir gekommen, als ich im Busche hinfiel. Und dann bin ich wieder gelaufen, was ich konnte und bin wieder hingefallen und habe dagelegen, bis ich wieder bei mir war, und habe Gras gegessen und Wurzeln, und bin allem aus dem Wege gegangen, das Menschenangesicht hatte. Und dann hast du mich aufgefunden.«

Sie warf ihm den anderen Arm um den Hals und legte ihren Kopf an seine Brust: »Du willst mich behalten, sagst du? Du bist gut, du bist so gut!« Sie weinte, daß die Tränen ihm durch die Hose schlugen, und er ließ sie weinen, was sie wollte, denn er merkte, daß ihr das gut tat. Erst, als sie dicht vor Jeversen waren, sagte er: »So, jetzt müssen wir absteigen. Thedel, sieh zu, wie die [Immen] fliegen, und ob wir unter oder über dem Winde sind. Wir bleiben derweilen im Busche. Und sieh zu, daß du Mannszeug bekommst und alles, was dazu gehört, das der Jungfer paßt, aber rede nicht weiter darüber, was bloß die Haide wissen braucht.«

Er legte dem Mädchen seinen Mantel hin, drehte seine Jacke zusammen, machte ihr ein Kopfkissen daraus und sagte: »Leg' dich hin und schlaf! Ich will mich ein bißchen waschen. Grieptoo, dahin! Der Hund wird dafür sorgen, daß du geruhig schlafen kannst. Ich bleibe ganz in der Nähe.« Er wickelte sie in den Mantel und bettete sie zurecht. Sie lächelte ihm zu, wie ein kleines Kind, das zu Bett gebracht wird, seufzte auf und machte die Augen zu. Der Hund setzte sich neben sie, beroch sie, und dann legte er sich auch hin, behielt den Kopf aber hoch.

Harm hatte schon die zweite Pfeife aus, da kam Thedel erst zurück. Er brachte das Zeug mit, und was dazu gehörte, und flüsterte: »[Der Wind küselt]. Im Kruge sitzen vier Leute, die da nicht hingehören und haben das große Wort. Der Krüger hat ein Gesicht, wie eine [Kattule], so haben sie ihn geschlagen, und nun sind sie besoffen und schinden die Frauensleute. Kein einer traut sich an sie ran, denn sie haben damit geprahlt, daß noch mehr von ihren Leuten nachkommen tun.«

Wulf klopfte seine Pfeife aus. »Hm,« meinte er, »hm, weiß Warnekenswibert schon Bescheid und Hilmersheine? Das ist gut; dennso wollen wir uns nicht länger aufhalten und mal sehen, was das für Gäste sind.« Er nahm das Zeug und ging nach dem Busche. Grieptoo wedelte ihn an, daß sein Schwanz laut auf die Erde schlug, und davon wachte das Mädchen auf. »Hier!« sagte der Wulfsbauer, »bis eben warst du eine Johanna, jetzt mußt du einen Hans aus dir machen. Ich gehe jetzt solange beizu, bis du dich umgezogen hast; ich und Thedel, wir haben im Dorfe zu tun. Willst du lieber mit dem Hunde bei den Pferden bleiben, oder willst du mit uns? Aber ich sage dir, es gibt tote Männer zu sehen! Also du willst mit? Schön! Ein Mann muß Wehr und Waffen haben, hier ist ein Messer und da nimm die Pistole! Sie ist fertig. Und nun komm! Grieptoo, daß du mir keinen an die Pferde läßt!«

Der Hund ließ die Ohren hängen und sah ihnen so lange nach, bis sie um die Ecke waren. »Also, hör zu, Hans!« sagte Harm; »es ist wieder Gesindel im Kruge, das die Leute schindet. Das können wir nicht leiden, und darum wollen wir mit dem groben Besen ausfegen. Du hältst dich immer hinter mir, verstehst du, und erst, wenn der Ast an zu knastern fängt, kannst du mir die Hand hinhalten.« Er sah nach dem Machangelhagen und winkte: »Na, wir haben euch wohl beim Vespern aufgestört?« meinte er zu den beiden jungen Leuten, die da standen und das Mädchen ansahen. »Das ist ein guter Freund. Und nun wollen wir los! Wer Raben fangen will, darf nicht warten, bis sie flügge sind.«

Sie gingen durch einen Eichbusch, stiegen über ein [Stegel], gingen quer durch eine [Deele], und dann sagte Wulf: »Ihr beide geht nun ein jeder für sich hin und seht zu, daß ihr bei der Halbetür bleiben könnt, und wenn einer aus der großen Türe Wasser gießt, so ist das das Zeichen, daß wir kommen sollen. Die Bleiknüppel habt ihr ja wohl? In einer ordentlichen Wirtschaft muß man saubere Arbeit machen!«