Er sah von einem zum anderen und schließlich sagte er: »Na, dennso wünsche ich euch alles Gute, meine Kinder! denn das seid ihr mir beide geworden.« Aber dann schlug er auf den Tisch: »Das ist mir ja ein [dröges] [Löft]! Nicht einmal ein Glas Wein und ein Stück Kuchen kriegt man vorgesetzt? I, daß ist doch sonst keine Weise hierzulande!«
Die junge Frau lief, was sie konnte, und bald stand eine irdene Flasche mit Wein auf dem Tisch, über den sie ein reines Tuch gelegt hatte, und ein bunter Teller mit Kuchen und ein noch bunterer Krug mit einem noch viel bunteren Blumenstrauß, und drei hohe Gläser von der feinsten Art, aus denen die spanischen Offiziere von den Kaiserlichen eigentlich trinken wollten, kamen auf den Tisch, und der Wein, der auch für andere Leute bestimmt gewesen war, schmeckte denen, die ihn tranken, darum doch nicht schlechter, wenn auch Johanna bloß ein halbes Glas trank und dann schon sagte, daß die [Dönze] mit ihr in die Runde ginge.
»Harm,« sagte der Alte, als Johanna aufwusch, »eins will ich dir aber sagen: der erste Paster, den ich auftreibe, muß her und die Sache richtig machen. Es sind jetzt wilde Zeiten und der Teufel kann sein Spiel haben. Deine Frau steht ganz allein da; gibt es ein Unglück, dann kann sie am weißen Stocke über Land gehen, denn es wird manche da sein, die ihr den Platz hier nicht gönnt und ihr allerhand anhängen wird. Es sind jetzt die Zeiten nicht, daß wir eine regelrechte Hochzeit abhalten, denn der Himmel bezieht sich immer mehr. Der Tilly, der papistische Hund, jagt die Dänemärkschen hin und her, und die Pestilenz ist auch wieder da. Laßt euch einsegnen und damit holla! Die Hauptsache ist die, daß du dich des Nachts nun nicht mehr so zu graulen brauchst!«
So wurde es denn auch gemacht, und es war auch gut, daß der Bauer sich mit der Trauung beeilt hatte, denn so konnte er mit mehr Ruhe an Peerhobstel zurückdenken, wenn er wieder den Wolf auf der Haide spielen mußte.
Das war jetzt nicht ganz selten der Fall. Tilly und die Dänen zogen sich um die festen Plätze wie die Hunde um die Knochen, und wo man hinhörte, gab es Not und Tod und Menschenschinderei. Wo die Kriegsvölker geerntet hatten, da zogen die Marodebrüder mit der Hungerharke hinterher und man vernahm alle Tage gräßliche Geschichten von totgequälten und hingemetzelten Frauen, denn was den Unmenschen in die Hände fiel, ob ein siecher Greis oder ein Brustkind, es mußte des Todes sein.
Die Wehrwölfe hatten darum alle Hände voll zu tun. Es waren jetzt ihrer hundertelf Nachtboten geworden, wozu noch an die zweihundert Tagboten kamen. So ging die Arbeit flott vonstatten, und manche Bäume an den Straßen trugen Früchte, die selbst der happigste Junge liebendgern hängen ließ. Dabei sahen sich aber die Wehrwölfe ihre Leute genau an und behandelten jedermann, wie es seine Stellung mit sich brachte; was eine Feldbinde am Arm hatte, bekam die Kugel und kam unter die Erde, das andere Pack aber wurde mit der [Wiede] geehrt und die Krähen und Wölfe mußten das Weitere besorgen.
Es war ein grauer Märzentag, da hatte der Wulfsbauer auf dem Amte zu tun. Irgendeine Spürnase hatte es herausgebracht, daß die Ödringer jetzt Peerhobstler hießen und noch nicht so verhungert waren, als daß man ihnen nicht die Schatzung zumuten könnte. Das stand ihnen aber gar nicht an und Harm Wulf als Vorsteher wollte ihnen das vom Halse schaffen. Als er den Herren vom Amte sagte: »Solange ihr uns nicht schützt, wird von uns nicht geschatzt,« wurde er ein ausverschämter Kerl geheißen; aber er hielt die Nase hoch und sagte: »Ich will doch mal sehen, ob unser Herr Herzog Christian nicht eine andere Meinung von der Sache hat; ansonsten stecken wir lieber unsere Häuser an und leben vom Betteln und Stehlen, bis man uns ein Amt gibt, damit wir auch Leute schinden können, die sich in Bruch und Busch bergen müssen.«
Als er aus der Tür ging, stand Thedel da; er war ganz weiß um die Nase, hatte Augen wie ein [Buschkater] im Dunkeln und sagte: »Der Säugling und das Heilige Kreuz sitzen halb besoffen im Kruge und Viekenludolf macht sie noch besoffener.« Der Bauer riß die Augen auf: »Wahr und gewiß?« Der Knecht nickte: »Ich stand hinter dem rotbärtigen Hund und hatte schon die Hand am [Metz]; aber da dachte ich noch zum Glücke daran, daß das nicht in deinem Sinne ist. Heute kommen sie uns nicht mehr aus dem Sack, Bauer, wie seinerzeit in Ahlden. Ich bin schon in Heeßel gewesen und in Schillerslage, und von da ist an alle gerechten Leute Meldung gemacht; dennso sollen sie diesmal wohl daran glauben müssen!«
Indem Wulf mit Thedel nach dem Kruge ging, bedünkte es ihn, als wenn ihm gar nicht so froh zu Sinne war, wie es eigentlich sein mußte. Er dachte mehr an Peerhobstel und an seine Frau, als an die Galgenklöppel, aber darum ging er zuerst doch schnell, bis er sich selber »Prr!« zurief und so langweilig die Straße hinaufging, als hätte er so viel Zeit wie ein Knecht, der den Stall ausmisten soll. Er fragte auch noch die Krügerin, die vor der Türe stand, nach ihren Kindern, aber mit eins konnte er nicht mehr zuhören, denn er hatte eine Stimme gehört, eine Mannsstimme, aber so hell, als ob ein Hengstfohlen loslegt, eine Stimme, die er noch keinmal gehört hatte und die er doch kannte; denn wenn er allein im Busche lauerte oder über die Haide ritt, hatte er sie oft vernommen. Er dachte an den Nachmittag auf dem Hingstberge und daran, wie er mit Henneckenklaus durch das Torfmoor geritten war und Brandluft in die Nase bekommen hatte, und an all das andere. Seine Rose stand vor ihm, Hermke an der Schürze und auf dem Arme die kleine Maria, und er biß die Zähne aufeinander, daß es krachte, so daß die Krügerin sich ordentlich [verjagte].
Aber dann ging er in die Bauernstube, ohne hinzusehen, wer dasaß, stellte sich an die [Tonbank] und ließ sich Bier einschenken, hörte, was der Krüger ihm vorschnackte, mit einem Ohre an, stellte dann seinen Krug auf den Tisch, der neben der Türe stand, holte sein Brot und seinen Speck aus der Tasche, zog sein Messer und aß so langsam und bedachtsam wie allezeit, bis Viekenludolf aufsah, seine rechte Hand auf den Tisch legte, erst den Daumen, dann den Zeigefinger und dann den Mittelfinger aus der Faust springen ließ, gleich als wollte er die Zeche nachrechnen, und dann das Heilige Kreuz anschrie: »Noch so ein Stück, du altes Saufloch! dann gebe ich noch einen aus; denn lachen tu ich vor mein Leben gern.«