Der Ansicht war der Bauer auch, und mehr als einmal hatte er sich einen Stoß gegeben, um dahin zu kommen, wohin er wollte; aber immer war es ihm, als wenn ein Graben zwischen ihnen war. Denn was war er? Nicht daß er sich minder vorkam, weil sie mehr gelernt hatte, aber er traute sich nicht an sie heran, und das um so weniger, je mehr er mit ihr zusammen war. Früher war er mit Leib und Seele dabei gewesen, wenn es galt, der Haide die Flöhe aus dem Pelze zu klopfen; wenn er jetzt aber im Moore lauerte oder im Busche lag, dachte er immer an ein Gesicht, um das das Haar so rot war wie die Abendsonne auf den Fuhrenstämmen, und an zwei runde Arme, die aus weißen Ärmeln herauskamen. Denn mit Freuden sah er, daß Johanna Fleisch und Farbe bekommen hatte; das Leibchen saß ihr prall und der rote Rock hing ihr nicht mehr so lose um die Lenden.
Am Johannistage war Ulenvater mit Thedel nach Obbershagen gefahren, wo sein Vetter einen Hof hatte. Harm und Johanna waren allein, denn Mieken war auf einige Tage zu Hause, weil Krackenmutter nicht ganz munter war. Es war den ganzen Tag glühheiß gewesen und gegen Abend kühlte es sich keineswegs ab, so daß der Bauer, der mit Johanna im Garten auf der Bank saß, meinte: »Wir werden wohl ein Wetter kriegen,« denn über dem Halloberge standen dicke Wettertürme. Es wetterleuchtete dann auch immer mehr, und Wulf sah, daß jedesmal, wenn die Wolke auseinanderriß, das Mädchen mit der Hand nach dem Mieder faßte.
»Hast du Bange?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf: »Nein, es steckt mir bloß so in den Gliedern; ich bin ganz alle.« Sie sah auch blasser als sonst aus und hatte wieder einen Blick in den Augen wie damals, als Grieptoo sie aufgespürt hatte. Harm kam es in den Sinn, wie er sie damals im Arme gehalten und wie ein Kind gefüttert hatte, und wie nachher, als sie vor ihm auf dem Schecken saß, ihr Haar so gerochen hatte, daß ihm ganz sonderbar wurde. Er sah ihre Hände an, die auf ihrer Schürze lagen. Sie waren braun geworden und die Arme gleichfalls, aber fein und vornehm waren sie deshalb doch geblieben, obzwar sie vor keiner Arbeit zurückgingen. »Sie ist und bleibt ein feines Fräulein,« dachte er und seufzte so tief auf, daß sie ihn anlachte.
»Das hört sich ja ganz gefährlich an!« meinte sie; »hast du was auf dem Herzen, was dich drückt?« Wie sie ihn so lustig von der Seite ansah, da dachte er: »Jetzt oder nie!« Aber es blieb beim Denken, denn er wußte nicht: »Geht das wohl, daß du sie einfach um den Leib fassen tust, oder ist es wohlanständiger, daß du ihr sagst, wie dir zumute ist?«
Da kam ein Kind angelaufen, daß sich einen Splitter eingerissen hatte, und nun hatte er es wieder verpaßt. Er aß abends wenig, wußte meist nicht, wo er mit seinen Augen bleiben sollte, kam sich überhaupt ganz unglücklich in seiner Haut vor und war froh, als es Zeit zum Schlafen war, denn das Wetter war zurückgegangen.
Er konnte lange Zeit nicht einschlafen. Er ärgerte sich über sich selber, wußte aber keinen Weg, der ihn zum Busche herausbrachte. Zudem hatte er Angst, er könnte es mit dem Mädchen verderben, und so lief er mit seinen Gedanken immer in die Runde. Zuletzt mußte er doch wohl eingeschlafen sein, denn mit einem Male sah er einen blauen Schein und hörte einen harten Schlag; das Wetter war wieder zurückgekommen.
Die Pferde schlugen gegen die Wand, die Kühe rissen an den Ketten. Er stand auf, hing sich den Mantel um und ging auf die [Deele]. Da lief er Johanna in die Möte, die ebenfalls im Mantel aus ihrer [Dönze] kam. Der Blitz zeigte ihm, daß sie kreideweiß war. »Ist dir schlecht?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Es ist bloß das Wetter; im Bett war es mir zu stickig.« Aber als der nächste Blitz und hinterher ein gewaltiger Donnerschlag da war, schrie sie auf, faßte sich nach der Brust und fiel gegen die Wand. Er sprang schnell zu, faßte sie um und führte sie in die große [Dönze], ließ sie sich auf die Ofenbank setzen und rückte an sie heran.
Blitz und Donner kamen auf einen Schlag. Das Mädchen wollte sich zusammennehmen, aber ihr Mund behielt den Schrei nicht, und da nahm er sie in die Arme, legte ihren Kopf an seine Brust und deckte ihr seinen Mantelkragen über das Gesicht; so hielt er sie, ihr ab und zu, wenn es wieder blitzte und krachte, die Schultern klopfend und ihr zuredend wie einem jungen Pferde, das vor einem [Machangel] scheuen will. Sie lag ganz still und zitterte keinmal mehr, und bloß, wenn das Wetter es gar zu gut meinte, fühlte er, daß ihre Hände flogen.
Nach einer kleinen halben Stunde hörte das Blitzen und Donnern auf. Es goß wie mit Mollen und es wurde kühl in der [Dönze]. Er nahm ihr den Mantel von dem Gesicht und da merkte er, wie sie ihn fest in den Arm nahm, und er fühlte, daß zwischen ihnen beiden kein Wall und kein Graben mehr war, daß sie zusammengehörten in Freud und Leid, und er nahm sich, was ihm zukam.
»Das war eine schlimme Nacht!« rief Ulenvater, als er am anderen Mittag in die große [Dönze] trat. Er war das letzte Ende zu Fuß gegangen, denn Thedel wollte noch etwas Tannhecke zum Streuen holen, und weil der Alte einen leisen Schritt hatte, so konnte Johanna nicht so schnell von Harms Schoß herunter, wie sie wohl wollte. So stand sie da, hatte die Augen auf dem Estrich und Backen wie Pfingstrosen so rot, strich an ihrer Schürze herum und platzte schließlich heraus: »Bloß anfangs«. Dann schlug sie aber die Hände vor das Gesicht und lachte und auch Harm lachte und Ul erst recht, denn er merkte bald, wo es eingeschlagen hatte.