Er nahm das für kein schlechtes Zeichen. Eine Weile noch würde die Wolfsangel in Kraft bleiben müssen und die Wehrwölfe hatten das Bruch zu hüten, aber dann würde es sich aufklären, Friede würde es sein auf Erden und statt Heulens und Zähneklapperns würde Jubel und Frohlocken auf den Gefilden sein. So dachte er, als er im Einschlafen war.

Vorläufig aber wurde es damit noch nichts. Oft genug noch heulte der Wolf in der Haide, mehr als einmal jagten die Tagboten hin und her und die Dreiunddreißig hatten mehr Arbeit, als ihnen recht war, und die Hundertelfe kamen nicht viel zur Ruhe. Sie waren es alle reichlich leid, das Landhüten und das Schandwehren; manch einer von ihnen kam nicht mehr recht zum Lachen, außer Viekenludolf, aber bei dem kam es auch nicht so recht aus dem Herzen, denn den einen Abend hatte er noch ein hübsches Mädchen im Arm gehabt und am anderen mußte er dabeistehen und zusehen, wie sie begraben wurde, und es war ihm man ein schlechter Trost, daß anderthalb Dutzend Dänen, die den Hof überfallen hatten, steif und kalt unter der Erde lagen.

Es wurde schlimmer als je vordem. Als es sich herumsprach, daß der Tilly den Dänenkönig bei Lutter geschlagen hatte und hinter ihm her war, war die Angst vor ihm groß im Lande, aber die Dänen trieben es eher ärger als die Kaiserlichen; wo sie hinliefen, hinterließen sie Asche, Schutt und Not, und waren sie vorbei, dann kamen die Waldsteinschen und wüteten wie die Besessenen. Zwar hieß es mit einem Male, daß es Frieden geben sollte, denn Tilly war in Celle und verhandelte mit dem Herzoge, aber es kam nur noch schlimmer; so schlimm wurde es, daß Viekenludolf ein ganz anderes Lachen bekam.

»Drewes,« sagte er und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß der Hund an zu bellen fing; »bislang war das ja mehr ein Spaß, wenn es auch manch einem nicht so vorkam, dem wir das Luftholen abgewöhnten; jetzt aber hört sich die Gemütlichkeit auf! Wehrwölfe waren wir; jetzt müssen wir Beißwölfe werden. Der Wulfsbauer denkt genau so, Drewes! Wer heute nicht zubeißt, der wird gebissen. Man kommt ja nicht mehr zu seiner Ruhe, und es ist wahrhaftig bald eine Woche her, daß ich in einem ordentlichen Bette war. Und wie sieht es im Lande aus! Hunger und Pest und Pest und Hunger, wohin man sehen tut. Wer nicht umgebracht wird, der hängt sich auf oder springt in das Wasser. Ein Donnerwetter soll da reinschlagen!«

Er sorgte dafür, daß es oft genug einschlug, denn seitdem der Wulfsbauer [befreit] war, hatte er das Leit in die Hand nehmen müssen, und das hatte er gern getan, denn das Ackern hatte doch keinen Zweck mehr. Kaum war der Hafer unter Dach und Fach, so fraßen ihn fremde Pferde, und wer Brot backte, der tat es für andere Leute. So lag denn Viekenludolf mit seinen Leuten meist in Busch und Haide herum und die anderen Obmänner auch, und wenn sie zusammenkamen, dann hieß es: »Na, wer hat nun die meisten Läuse geknickt?« Und der bester Mann war, der mußte einen ausgeben.

Wie die Wölfe, so wurden sie alle miteinander, die Männer. Wehe dem, den sie fingen. Hatten sie Zeit genug, dann war ihnen das Blei zu schade und die [Wiede] zu milde, und gräßliche Dinge trugen sich in [Wohld] und Haide zu. Als Wulf an einem mächtig kalten Wintertage mit Schewenkasper, seinem neuen Knechte, durch die Haide ritt, sahen sie über einem Fuhrenhorst etliche Raben umschichtig auf und nieder gehen, und als sie hinkamen, fanden sie vier splitterfasernackte Männer, die zwischen die Bäume gebunden waren. Drei davon waren schon totgefroren, der eine jappte noch.

Schewenkasper war Knecht auf dem Tornhope gewesen, der von den dänischen Mordhunden niedergebrannt war, und Steers Wieschen, die da als Magd gedient hatte und ihr Leben lassen mußte, weil sie dem Schandvolke gerade in den Weg gelaufen war, das war sein Schatz gewesen. Kasper hatte früher schon nicht viel gesagt und bloß gelacht, wenn es gar nicht anders gehen wollte, aber jetzt sprach er kaum mehr und das Lachen hatte er ganz verlernt, außer wenn er den Hoferben oder das kleine Mädchen wartete, das Rose hieß.

»Du hättest man auch gleich ein Frauensmensch werden sollen,« pflegte Mieken zu sagen, wenn er sich mit den Kindern abgab; »was ist das für ein Werk? Schleppst dich da in einem fort mit den Kröten ab und andere Leute hüten das Land!« Kasper aber sagte nichts und ließ vor Bartolds und Roses Nasen einen Hampelmann tanzen, daß es klingelte und klapperte, denn er hatte ihn von oben bis unten mit Perlen und bunten Steinen behängt, die er bei einem Waldsteiner Hauptmann im Hosensack gefunden hatte.

»Dumme Trine!« dachte er, als er Miekens roten Rock nicht mehr sah, »dumme Trine!« Und während er den Hampelmann tanzen ließ, dachte er an den Abend, als er mit Gödeckengustel und Scheelenludjen und Bollesbernd an der Heerstraße auf Anstand gewesen war. »Alle Tage ist Jagdtag, aber nicht alle Tage ist Fangtag,« hatte [Ludjen] gesagt, als es schon an zu [schummern] fing. Aber dann hatte er das Ohr auf die Erde gelegt. »Die Hirsche ziehen!« flüsterte er und machte sich fertig. Vier Reiter kamen in hellem Galopp an.

Da riß Bernd an einer Schnur, die auf der Straße lag, ein weißer Lappen flog vor den Pferden auf, daß sie scheuten, und dann knallte es dreimal und dann noch einmal, und Kasper machte ein ganz dummes Gesicht, als auf sein Teil fünf blanke Dukaten, ein Paar neue Stiefel und noch allerlei Kram kam, so die bunte Kette, die der Hauptmann in der Tasche hatte.