»Ja, jetzt, wo es zu spät ist, Wieschen,« dachte er, »da haben wir das Geld! Was soll ich jetzt mit dem Schiet?« Er gab es dem Bauern zum Aufheben, denn er brauchte nichts als Essen und Kleider, und die waren billig, denn es wuchs davon genug in der Haide, wenn man sich darauf verstand. Und Schewenkasper verstand sich darauf. Es war ihm wahrhaftig nicht um die Beute zu tun, aber wenn er mit den anderen mal wieder ein paar Dänen oder Kaiserliche, oder was es sonst war, beiseite gebracht hatte, dann dachte er: »So, ihr bringt anderer Leute Mädchen nicht mehr um!« Wenn er dann mit den Kindern Huckepack und Hopphoppreiter spielte, dann sah er aus, als hätte er nie einen Finger krumm gemacht.

Viel machte er sich auch nicht daraus, »aber Arbeit ist Arbeit,« dachte er, wenn er wieder einmal heranmußte. Viel lieber war es ihm schon, wenn er rechtschaffen arbeiten konnte oder Wolfsfallen bauen mußte, denn die Wölfe nahmen ganz gefährlich zu und auch die Luchse spürten sich wieder mehr, weil keiner ihnen wehrte, da schlimmere Biester, die wie Menschen aussahen, aber die reinen Teufel waren, sich mehr als nötig blicken ließen. Schneller als sonst bekamen die Bauern Falten um den Mund, und mancher Sohn war schon mit vierzig Jahren so grau, wie sein Vater es kaum mit sechzig war.

Harm Wulf war noch immer ein junger Kerl, aber als sein Hof abgebrannt war, war ihm Asche auf den Kopf geflogen und Ruß in die Augen gekommen und Rauch in den Mund. Wenn er seine schöne Frau und seinen beiden gesunden Kinder ansah, wurden seine Augen wieder hell und seine Lippen gingen auseinander; sein Haar aber war und blieb an den Seiten grau, und nicht oft mehr flötete er das [Brummelbeerlied].

An einem Juliabend aber hörte die Bäuerin, wie er flötete, als er dem Knechte den Fuchs gab. Er ging auf sie zu, faßte sie um und sagte: »Freue dich, Johanna, es wird Frieden! die Dänen ziehen ab. Ich habe es in Burgdorf als fest und sicher vernommen.« Die Frau machte ihr glücklichstes Gesicht, aber dann faßte sie sich mit der Hand nach der Brust und verlor alles Blut aus den Backen; gleich darauf aber lachte sie wieder und sagte: »Es war die große Freude, Harm. Frieden! Ja, den wünscht sich wohl ein jeder. Gott sei Lob und Dank!«

Es war ein schöner Abend. Der Himmel über dem Haidberge war rot, die Rosen rochen stark und in dem [Risch] an der [Beeke] sang ein Vogel ganz wunderschön. Der Bauer und die Bäuerin saßen auf der Gartenbank und sahen in den Abend. Ab und zu rief eine Eule in der [Wohld], oder eine Ente schnatterte an der [Beeke] und unter dem Dache piepten die jungen Schwalben. Die Bäuerin hatte ihren Kopf an die Schulter ihres Mannes gelegt und hatte ein Gesicht wie ein Kirchenengel. »Frieden, Frieden!« flüsterte sie und bekam nasse Augen.

Aber so schnell vertrugen sich die hohen Herren nicht. Zwar die Dänen zogen ab, aber die anderen blieben, und noch manches Mal war der Himmel rot von etwas anderem als von der Abendsonne, und die Wehrwölfe mußten mitten in der Ernte die Sensen liegen lassen und die Kugelbüchsen hinter dem [Schapp] herkriegen, denn allzusehr drückten die Kaiserlichen das Land, obzwar der Herzog treu zu dem Kaiser stand, soviel ihm das auch verdacht wurde. Der Hunger und die Not wurden so groß im Lande, daß die rechtlichsten Bauern nicht mehr anders leben konnten, als wenn sie auf Mord und Raub ausgingen. Das war dann das Allerschlimmste, wenn die Wehrgenossenschaft Hand an Leute legen mußte, die vordem kein anderes Blut vergossen hatten als das von Vieh und Geflügel.

Es war an einem Aprilabend, als der Wulfsbauer abgerufen wurde. Von Mellendorf her war eine Bande von Räubern gemeldet, die den Weg auf das Bruch zu nehmen sollte. Bauern aus dem Kalenbergischen, der Neustädter Gegend und aus dem Stifte Hildesheim waren es, die längst kein Dach mehr hatten, unter dem sie schlafen konnten. »Dieses Stück will mir nicht gefallen,« sagte Drewes zu Wulf; »fremde Völker, wenn es die noch wären, da kommt es auf ein paar mehr oder weniger nicht an! Aber diese Leute da, die bloß der Hunger soweit gebracht hat, das ist, als wenn man seinen besten Hund an den Kopp schießen muß, wenn er die Dollwut hat. Es sind doch Menschen wie unsereins!«

Der Peerhobstler nickte. »Weißt du,« sagte er, »das beste ist, wir geben ihnen auf, daß sie einen anderen Weg nehmen; vielleicht, daß sie Verstand annehmen. Ich will ihnen das sagen. Ich glaube kaum, daß einer von ihnen ein Schießgewehr hat, und wenn schon, so fällt er um, wenn er Dampf macht. Da ist keiner bei, der noch ein Kalb festhalten kann, wenn es weg will. Am Dietberge habe ich sie dicht an mir vorbeiziehen sehen; ordentlich elend ist mir dabei geworden!«

Der Engenser schüttelte den Kopf: »Es ist besser, ich mache das. Stößt mir etwas zu, dann ist das weiter nicht schlimm; meine Kinder sind groß genug, um sich selber zu helfen; deine aber nicht. Zudem kommt mir das als Oberobmann auch mehr zu.«

Der Junge, den er bei sich hatte, kroch hinter den krausen Fuhren her und sagte den Wölfen Bescheid. »Der reinste [Duffsinn] ist das nun wieder,« knurrte Viekenludolf; »Drewes wird alt und bei kleinem taugt er nicht mehr zum Obmann. Mich soll bloß wundern, was dabei herauskommt; was Gutes bestimmt nicht!«