Er sollte recht behalten. Kaum war Drewes hinter dem Busche heraus und hatte eben gerufen: »Leute, ich rate euch zum Guten; bleibt hier weg, die Welt ist groß genug!« da zog ein langer Kerl, der einen roten Frauenrock als Mantel umgehängt hatte, eine Pistole heraus, schrie: »Dennso mach uns Platz!« und schoß den Engenser über den Haufen.

Er und sechs andere lagen beinahe in demselben Augenblicke da und färbten den Sand rot, und eine Viertelstunde später liefen zwei Drittel der Bande den Weg zurück, den sie gekommen waren, ohne sich nach denen umzusehen, die in der Haide liegenblieben; aber davon wurde Drewes nicht besser; er lag mit dem Rücken gegen einen [Machangel]busch, stöhnte und hielt sich den Unterleib, denn da hatte er den Schuß hinbekommen.

Der Wulfsbauer untersuchte den Einschuß. »Weißt du was, Drewes,« meinte er, »was das beste ist? Wir tragen dich zu mir. Einmal ist es bis dahin der ebenste Weg und dann liegst du da am ruhigsten, und hast außerdem die beste Pflege, denn was meine Frau ist, die versteht sich auf sowas vorzüglich.«

Drewes war das zufrieden, vorausgesetzt, daß anderen Tags sein Wieschen kam, denn die könne er um sich nicht missen, sagte er. Sie kam auch. Der Wulfsbauer machte große Augen, als er sie sah, denn er hatte sie lange nicht gesehen, wenn er auch oft genug auf dem Dreweshofe gewesen war. »Ein Bild von einem Mädchen ist das ja geworden!« dachte er, als sie vor ihm stand und ein um das andere Mal weiß und rot aussehend wurde. »Was hat sie bloß?« dachte er, als er das sah, aber dann kümmerte er sich weiter nicht um sie.

Mit ihrem Vater stand es besser, als es zuerst aussah. Die Wulfsbäuerin hatte die Kugel gleich gefunden und herausgenommen, aber dem Engenser gesagt, unter zwei Wochen dürfte er nicht aus dem Bette. »Na, Langeweile sollst du nicht haben,« meinte sie, »erstens hast du ja Wieschen, und wenn ich Zeit habe, will ich dir immer etwas vorlesen.«

Das war Drewes sehr zufrieden, denn in der letzten Zeit war er immer frömmer geworden. »Wieschen, kannst da auch sitzen gehen!« rief er, wenn die Bäuerin mit der Bibel kam; »das tut dir auch keinen Schaden, wenn du zuhörst.« Aber meistens hatte Wieschen dies oder das zu tun, und wenn sie endlich kam, dann wurde sie umschichtig weiß und rot, wenn die Frau sie ansah, so daß die aus ihr nicht klug werden konnte, zumal das Mädchen beim Essen kein eines Mal aufsehen mochte und an jedem Bissen herumwürgte.

Den einen Vormittag stand die Bäuerin in der [Dönze] und sah Wieschen zu, die im Garten mit den Kindern spielte, denn das tat sie, sobald es eben anging. Da kam der Bauer und nickte dem Mädchen freundlich zu, und die Frau sah, daß ihr die Brust auf und ab ging und daß sie erst ganz weiß im Gesichte wurde und sich dann rot ansteckte. Der Bauer lachte, als er sie so dasitzen sah: »Mußt sehen, daß du auch bald zu welchen kommst,« rief er lustig; »mich wundert überhaupt, daß du noch immer [unbeschrien] bist. Die Engenser Jungens müssen wohl alle keine Augen haben!« Damit ging er um die Hausecke.

Da ging der Bäuerin mit einem Male ein Licht auf, denn das Mädchen sah hinter dem Bauern her, gleich als hätte er ihr ein großes Unrecht angetan, küßte den Jungen, den sie auf dem Schoße hatte und der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war, wie unklug, und dann hielt sie die Hand vor die Augen und weinte, daß es sie schüttelte.

Die Frau faßte mit der Hand nach ihrem Mieder, trat vom Fenster zurück und setzte sich in den [Ohrenstuhl]; sie holte tief Luft und griff sich ein über das andere Mal nach der Brust. Aber dann stand sie auf, ging in den Garten, nahm dem Mädchen die Hand von den Augen weg und sagte: »Du bangst dich wohl nach eurem Hofe? In drei, vier Tagen, denke ich, kann dein Vater wieder hin.« Und dabei strich sie ihr über die Backe.

Nach dem Mittag war sie mit ihr allein im Hause, Drewes schlief, der Bauer war mit Ul und dem Knecht nach den Koppeln gegangen und Mieken war in den Busch nach Feuerholz geschickt.