»So,« sagte die Frau und zog das Mädchen neben sich auf die Bank, »nun wollen wir beiden großen Frauensleute es uns aber einmal gemütlich machen. Die Kinder schlafen wie die [Ilke].«
Das Mädchen wurde weiß und rot und konnte der Frau nicht in die Augen sehen. Die nahm sie bei der Hand: »Das ist mir doch verwunderlich, daß ein Mädchen als wie du noch keinen an der Hand hat. Machst du dir aus den Mannsleuten nichts? Denn daß sie sich aus dir nichts machen sollten, das redet mir doch keiner ein!«
Dem Mädchen ging die Brust auf und ab; sie wußte nicht, wo sie mit den Augen bleiben sollte und würgte als ob ihr etwas im Halse steckte. »Wieschen,« sagte die Frau und legte ihr den Arm um die Schulter, »ich weiß mehr als du dir denkst. Bleib ruhig sitzen, wir müssen einmal ganz offen reden.«
Sie nahm die Hand des Mädchens und legte sie an ihr Mieder: »Fühlst du, wie mein Herz arbeitet?« Sie zog den Kopf des Mädchens an ihre Brust: »Jetzt kannst du es ganz genau hören.« Wieschen fuhr in die Höhe und sah die Frau ganz erschrocken an.
»Ja, Mädchen,« sagte sie dann, »jetzt arbeitet es wie wild, und zuzeiten ist es, als ob ich überhaupt keins habe. Bei meinem Zwillingsbruder war es just so; mitten im hellen Lachen fiel er um und [blieb uns weg]. Und so wird es mit mir auch gehen. Seitdem ich so Schreckliches mit ansehen mußte, ist es ganz schlimm damit geworden. Wenn ich mich bloß ein ganz bißchen [verjage], oder wenn ich mich sehr freuen muß, dann bleibt mir das Herz stehen und hinterher ist es, als wenn es mir aus dem Halse heraus will.«
Sie seufzte tief auf: »So, jetzt ist es wieder besser damit. Aber das kann heute sein oder morgen, denn lange dauert es nicht mehr, und ich schlage um und dann,« sie nahm das Mädchen fest in den Arm, »dann haben meine Kinder keine Mutter, die für sie sorgt. Und nun,« sagte sie und trocknete sich die Augen aus, »weiß ich ein Mädchen, ein treues und gutes Mädchen, das meine Kinder von Herzen gern hat, und ihren Vater auch, und deswegen ist sie bis heute noch ledig geblieben, obzwar sie rundherum die schönste von allen ist.«
Wieschen schnappte erst nach Luft, und mit einem Male fiel sie der Bäuerin um den Hals und weinte. »Ja, aber dafür kann ich doch nichts, und es ist schlecht von mir, daß ich ihn dir nicht gegönnt habe, wo du doch dreimal besser für ihn bist, als wie ich!« Sie versuchte zu lächeln: »Aber so schlimm wird es doch mit dir nicht sein. Ich will meine Gedanken zu Bette bringen, denn, denn,« sie barg ihren Kopf von neuem an der Brust der Frau, »du bist so gut und aus mir macht er sich doch kein bißchen!«
Die Bäuerin lächelte: »Wieschen, glaubst du, eine Frau als wie ich, die so viel durchgemacht hat, macht in solchen Dingen Spaß? Ich habe mein Teil gehabt, Elend und Not genug und hinterher mehr Glück und Segen, als eine Frau in diesen Zeiten verlangen kann, und wenn ich weiß, daß du einmal für die Kinder sorgen wirst, dann wird mir meine letzte Stunde nicht so sauer werden. Versprichst du mir das?« Das Mädchen nickte, ohne ein Wort zu sagen, und die Tränen liefen ihr über die Backen.
Als der Bauer zurückkam, sah er seine Frau und dann das Mädchen an und sagte: »Ihr seht ja beide aus, als wenn ihr das Abendmahl genommen habt!« Die Bäuerin lächelte ihm zu, aber Wieschen ging schnell in das Flett.
Am Morgen des Tages, an dem Drewes wieder nach Engensen fahren sollte, setzte sich die Bäuerin zu ihm. »Drewes,« sagte sie und nahm ihn bei der Hand, und seine Augen, die lange nicht mehr so waren wie ehedem, bekamen ordentlich Feuer, als sie ihn ansah: »Drewes, jetzt will ich dir einmal etwas sagen, aber du darfst mir da nicht zwischenreden. Also höre zu! Du hast mir selber gesagt, du wirst aus Wieschen nicht klug, weil sie sich um die Mannsleute nicht kümmert. Seit letzten [Friggetag] weiß ich, warum das so ist; sie hat all lange einen, aber einen, der Frau und Kinder hat und der an ihr vorbeisieht.«