Sie drohte dem Bauer mit dem Finger, denn der machte seine bösesten Augen: »Erst abwarten und dann krumme Augen machen! Die Frau, von der ich rede, weiß das und sie ist von Herzen froh darüber, denn sie ist sich bewußt, daß sie heute oder morgen sterben kann, weil sie ein schwaches Herz hat; und nun kann sie sich für ihre Kinder keine bessere Zweitmutter wünschen und für ihren Mann,« hier liefen ihr die Augen an, »keine bessere Frau als dein Wieschen, denn die Frau, das bin ich, Drewsbur!«
Sie faßte sich nach der Brust, holte tief auf und sah ihn freundlich an: »So, nun weißt du es, und ich denke, der Wulfsbur wird dir als Eidam wohl paßlich sein. Und mit Wieschen habe ich auch schon geredet. Natürlich kommt sie sich nun etwas dumm vor, aber sie kann mir jetzt mitten in die Augen sehen, denn sie weiß, wie ich ihr zugetan bin.«
Drewes schüttelte den Kopf; er wußte nicht, was er dazu sagen sollte. Dann nickte er: »Darin kannst du recht haben, Wulfsbäuerin, darin hast du sicher recht, daß das Mädchen ihre Gedanken da hat, wo du meinst; nun wird mir allerlei klar, wo mir bis zur Stunde Busch und Kraut vor war. Aber das andere, das schlage dir man aus dem Kopf! Du siehst aus als wie das ewige Leben, und wenn ich dreißig Jahre jünger wäre und du ein lediges Mädchen, dennso solltest du mal sehen, wer sich am meisten um dich kümmern täte!«
Er lachte lustig, wenigstens tat er so, aber sogleich schrie er: »Wieschen, Wieschen, Mieken Mieken!« denn die Bäuerin war vorn übergeschlagen und lag mit dem Gesichte auf seinem Schoße, und als Wieschen hereinkam, sah sie zum ersten Male in ihrem Leben, daß ihr Vater auch Angst haben konnte, richtige, wirkliche Angst, denn er hatte ein paar ganz unglückliche Augen im Kopfe.
Die Bäuerin kam bei kleinem wieder zu sich und sah beim Essen so frisch und gesund aus wie immer, aber bevor Drewes in den Wagen stieg, nahm er sie bei der Hand und sagte: »Ich komme bald wieder, halte dich gesund!« und dann drehte er sich um, denn daß ihm die Augen naß wurden, das brauchte kein einer zu sehen. Wieschen aber nahm die Bäuerin um den Hals und weinte hellwege loß, so daß Harm hinterher den Kopf schüttelte und sagte: »Ein putzwunderliches Mädchen, diese Wieschen; erst dachte ich, sie kann dich vor den Tod nicht ausstehen, und jetzt hat sie sich, als wenn sie dich vor Gernhaben auffressen will!« Dann stieg er auf den Rappen und ritt mit Thedel hinter dem Wagen her. Von Wieschen bekam er aber kein vernünftiges Wort heraus, und er wußte nicht, was er von ihr halten sollte.
Es war überhaupt ein putzwunderlicher Tag; denn als Wulf gegen Abend mit Thedel zurückritt, hörten sie etwas singen, und als sie sich in die Bügel stellten, sahen sie einen Mann hinter einem [Machangel] sitzen, der ein Knie zwischen den Händen hielt und lauthals sang: »Umgürte die, o Gott, mit Kräften in ihrem Amt, Beruf und Stand, die zu des Predigtamts Geschäften dein gnadenvoller Ruf gesandt.«
Die beiden Bauern sahen sich an und schüttelten die Köpfe; aber als der Vers zu Ende war, ritten sie dicht heran, denn daß sie diesem Manne gegenüber nicht scharf zu machen brauchten, das war so klar wie eine Brandhaide. »Guten Abend,« rief der Bauer; »na, was machst du denn hier?«
Der junge Mensch nickte, stand dann langsam auf und sagte: »Ich wünsche ihm dasselbe, und was ich hier mache? Ich warte, was der Herr mir schickt. Doch gestatte er mir: da ich ein Prediger bin, wenn auch ohne Amtes seit einiger Zeit, dürfte mir wohl die Anrede Ihr und Herr zukommen.«
Niehus [griente] und der Bauer lachte: »Nichts für ungut, Euer Ehren, aber daß ihr ein geistlicher Herr seid, konnte ich euch von der Nase nicht ablesen. Aber wo kommt ihr her und wohin des Weges? Nehmt meine Neubegier nicht krumm, doch es geht jetzt nicht gerade sauber auf der Welt her, und wer sich bei uns blicken läßt, der muß uns schon Rede und Antwort stehen.«
Der Fremde sah ihn mit klaren Augen an: »So wisse er denn, ich bin der Kaplan Jakobus Jeremias Josephus Puttfarkenius. Seitdem der Herr den Jebusitern Macht über die Gerechten gegeben hat und als Strafe für unsere Sünden ihnen die Zuchtruten des Restitutionsediktes verlieh, ward ich meiner Kapellanstelle ledig und bin wie ein Blatt, das der Wind vor sich herweht.«