Seitdem die Bäuerin eigene Kinder hatte, konnte sie sich der anderen nicht mehr so viel annehmen wie anfangs, und so machte es sich ganz von selber, daß der Prediger Schule abhielt, zuerst für die Kinder und dann auch für die Knechte und Mägde, und dazu kamen auch die Bauern gern, denn alles, was ihre Gedanken von der schlimmen Zeit abhielt, wurde ihnen zum Trost und zur Erquickung.

Ging es doch immer schrecklicher in der Welt her. So ablegen das Dorf auch war, es sprach sich genug bis zu ihm hin und die Bauern bekamen es mit der kalten Angst, als Grönhagenkrischan ein fliegendes Blatt mitbrachte, auf dem gedruckt stand, was der Tilly und der Pappenheimer mit Magdeburg angestellt hatten.

Am nächsten Sonntage war Predigt auf dem neuen Hofe. Schewenkasper und Thedel hatten aus Klötzen und Stangen Sitzreihen vor dem Hause aufgeschlagen und vor der großen Tür eine Art Kanzel gebaut, die von der Bäuerin und Mieken mit Tannhecke und Maien zurechtgemacht war, und ein weißes Tuch mit einem roten Kreuze war darüber gesteckt.

Bei halbig zehne waren die Peerhobstler auf dem Hofe; alle waren da außer den Brustkindern und den Wachen. Es war ein Morgen, wie er nicht schöner sein konnte; die Sonne stand hell am Himmel, die Buchfinken schlugen, die Schwalben spielten in der Luft und auf allen [Misten] waren die Hähne am Krähen.

Alle waren sie in ihrem besten Zeuge da, die Männer und die Frauen, und alle hatten ihre Kinder herausgeputzt, so gut es ging. Sie stießen sich an und zeigten auf die Kanzel und flüsterten leise miteinander, und die Altmutter Horstmann bekam nasse Augen, als sie das rote Kreuz auf dem weißen Laken sah.

Der Wulfsbauer stimmte das Lied an: »Allein Gott in der Höh' sei Ehr' und Dank für seine Gnade,« und alle fielen mit ein. Währenddem stieg der Prediger auf die Kanzel und betete vor sich hin. Er hatte einen schwarzen Gehrock an, den die Bäuerin gemacht hatte, und er kam den Bauern anders vor als bislang, wo er in Blaulinnen und Beiderwand gegangen war.

Es war kirchenstill auf dem Hofe, als der Vers zu Ende gesungen war und die Leute aufgestanden waren, nur daß man die jungen Schwalben piepen hörte. »Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen,« begann der Prediger und fuhr fort: »Vernehmet in Andacht das Wort der Heiligen Schrift, das geschrieben steht Psalm einhundertsiebenunddreißig: An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.« Er schlug sein Buch zu und fing an zu sprechen.

Die Leute horchten auf, denn eine solche Predigt hatten sie noch keinmal vernommen. Das war, als wenn sie selber zueinander redeten, so klar und doch so ganz anders. Er sprach, wie es vordem war um das Bruch, und wie es nun aussah. Er ließ Ödringen wieder aufleben und ließ es in Rauch und Asche aufgehen, erinnerte an Tod und Not und an alles andere, was die Jahre gebracht hatten an Leid und Elend. Alle Frauen weinten in ihren Schürzen und die Männer sahen vor sich hin.

Ruhig und eben hatte der Prediger gesprochen, aber dann ließ er Blitz und Donner aus seinem Munde kommen. Mit einer Stimme, die sich wie ein Ungewitter anhörte, las er das fliegende Blatt vor und hing Worte daran, die herunterkamen wie die Axt auf den Baum. »Des Herrn Hand wird sie treffen, die Bluthunde, die der Kindlein in der Wiege nicht schonten und kein Erbarmen hatten mit unschuldigem Blute,« rief er; »zermalmen wird er sie in seinem Grimme und hinstreuen, daß ihre Feinde sie mit Füßen treten, und wenn sie dann rufen: 'Herr, o Herr, ach, ach!' so wird er seine Ohren verschließen, denn nicht zu tilgen ist ihre Schandtat, und ihre Greuel bleiben ewiglich bestehen.«

Da hörten die Frauen zu weinen auf und die Männer sahen ihn mit blanken Augen an; alle Gesichter wurden klar, als er tröstliche Worte und Sprüche fand, die Herzen zu erquicken und die Seelen zu laben mit Hoffnung auf bessere Zeiten und Zuversicht auf die Güte des barmherzigen Gottes, und es war keiner da, der sich nicht gelobte, treu auszuharren in der Furcht des Herrn, möge kommen, was da wolle.