So war es aber nicht nur auf dem Peerhobsberge; es war, als wenn das Volk durch doppelte und dreifache Geburten die Löcher wieder anfüllen wollte, die Krieg, Pest und Hunger gerissen hatten und immer mehr rissen. Ganze Dörfer waren wüst, andere hatten kaum noch ein Viertel der Einwohner; was nicht tot war, trieb sich im Lande herum oder lag halb verhungert unter den Mauern von Celle, wo die Kanonen wenigstens etwas Schutz vor den Mordbanden boten, die heute der Kaiser, morgen der Schwede auf das Land hetzte, und mit denen es gar kein Ende nehmen wollte. Zehn Jahre und mehr spielten sie schon Schindluder damit, und wenn die Kinder, die in dieser Zeit aufgewachsen waren, zu hören bekamen, daß es einmal eine Zeit gab, in der man sich jeden Tag sattessen konnte, dann lachten sie und sagten: »Kann der aber lügen!« So schrecklich wurde es, daß man Pestleichen fraß und daß Eltern ihre Kinder tot machten, weil sie ihnen keinen Bissen Brot mehr geben konnten.

Der Wulfsbauer erzählte dem Prediger gräsige Sachen von dem, was er unterwegs [belebt] hatte, als er in Celle zu tun gehabt hatte. Die Ständeversammlung hatte dem Herzog August die Mittel bewilligt, daß sein Bruder Georg Eisenhand Krieg gegen alles führen sollte, was dem Lande das Blut absaugte. Schatzung auf Schatzung wurde ausgeschrieben und Knecht und Magd mußten ihren letzten Groschen hergeben. Da war der Wulfsbauer nach der Hauptstadt geritten. Die Gräfin Merreshoffen, die schon graue Haare bekommen hatte, denn ihre drei Brüder hatte der Krieg gefressen und ihre Schwester war unter den Toren von Lüneburg mit ihrer Dienerschaft auf gräßliche Weise umgebracht, gab ihm einen Brief, und so wurde er bei dem Minister vorgelassen.

Der behielt den Bauern eine Stunde bei sich und fuhr mit ihm nachher zum Herzog, und da erzählte Wulf, wie er und die anderen sich geholfen hatten, denn der Minister wußte die Hälfte doch schon. Der Herzog, der etwas ängstlicher Art war, wurde ganz weiß im Gesicht, als der Bauer sagte: »Allergnädigster Herr, gezählt haben wir sie nicht, aber es kann wohl bis auf einige Tausend hinlangen, denen wir das Genick länger gemacht haben.« Der Minister aber sagte: »Wenn sie alle so wären, wenn sie alle so wären! Dann stände es besser um unser armes Land.« Er sprach eine Weile vertraulich mit dem Herzog und dann sagte er zu Wulf: »Der allergnädigste Herr erläßt Peerhobstel jede Schatzung, solange der Krieg anhält, dafür, daß ihr euch als wackere Männer und treue Untertanen bewiesen habt.«

Zwei Tage später war der Bauer mit zwölf von den dreiunddreißig Unterobmännern wieder in Celle und legte dem Minister einen Beutel mit tausend Talern in Gold als freiwilliges Geschenk auf den Tisch. »Das ist mir beim Wehren so in den Fingern hängen geblieben,« sagte er, »und ich denke, unser Herr Herzog hat wohl Verwendung dafür.« Der Minister schlug ihm auf die Schulter und schüttelte ihm die Hand. »Er ist ein ganzer Kerl, Burvogt, wollte Gott, daß wir mehr von seiner Art hätten! Wie lange bleibt er noch in Celle und wo ist er eingekehrt?« Als der Bauer ihm das gesagt hatte, sagte er: »In zwei Stunden schicke ich ihm etwas.«

Es war noch nicht anderthalb Stunden hin, da fuhr ein herzoglicher Wagen vor der goldenen Sonne vor und ein Kammerherr mit einem Diener stieg aus. Sie gingen in das herrschaftliche Zimmer und gleich darauf kam der Wirt und winkte dem Bauern: »Du sollst mal rüberkommen!«

Der Kammerherr rollte ein Papier auf und las vor, was darin stand, und dem Bauern wurde es dunkel vor den Augen, denn das war mehr, als er erwartet hatte: Schatzfreiheit für Peerhobstel so lange der Krieg anhielt, amtliche Anerkennung der Kirchengemeinde Peerhobstel unter Belassung des Pfarrers Puttfarken, Befreiung des neuen Hofes von allen Lasten für ewige Zeiten mit Ausnahme der Stellung eines Reiters zu Pferde für jeden Kriegsfall.

»Das ist zuviel, Euer Gnaden,« sagte der Bauer, »das ist zuviel.« Der Kammerherr aber lächelte und nahm dem Diener den Kasten ab, den der in der Hand trug, machte ihn auf und sagte, indem er auf ein kleines Bild im goldenen Rahmen wies, auf dem der Herzog war, wie er leibte und lebte: »Das schickt ihm unser allergnädigster Herr und einen schönen Dank dazu und er läßt sagen: wenn er wieder einmal eine Bitte hat, soll er man dreiste kommen.«

Am meisten freute sich der Prediger, als der Burvogt noch an demselben Abend den bunten Stock rundgehen ließ und Bauernmal ansagte; er konnte nicht anders, er mußte erst nach Hause laufen und seiner Frau zurufen: »Der Herzog hat die Gemeinde anerkannt, Margarete! Und mich auch! Und so bleiben wir hier, bis der Herr uns zu sich ruft!« Dabei liefen ihm die Tränen über das Gesicht und er mußte sich hinsetzen, so schwach wurde es ihm in den Beinen.

Er hatte aber die Freude auch bitter nötig, denn immer mehr drückte es ihn, wie der Krieg auch über Peerhobstel seine Schatten schmiß und die Leute hart und kalt machte. Nun aber hatte er einen Text für den nächsten Sonntag. Er machte der Gemeinde offenbar, wie gut sie es hätte gegen das, was andere Leute auszustehen hätten, und also sollten sie nicht klagen und verzagen, sondern in der Furcht des Herrn leben und die Köpfe hochhalten.

Die Leute [schudderten] zusammen, als sie vernahmen, wie es anderswo zuging, und dankten Gott, daß es bei ihnen nicht so war, wie in der Gegend, von der das fliegende Blatt meldete, das der Burvogt aus Celle mitgebracht hatte und das der Prediger ihnen vorlas, denn am Schlusse hieß es darin: