Heute die Kaiserlichen, morgen die Schweden; das ging immer umschichtig. Den einen Tag hieß es: »Wienhausen ist ausgeraubt,« und hinterher: »In Altencelle ist der Pastor zu Tode geschlagen worden.« Je länger es dauerte, um so schlimmer wurde es. Das platte Land wimmelte von Freibeutern und Bärenhäutern. »Wenn es so beibleibt,« knurrte Schütte, »dann werden uns die [Wieden] knapp und wir müssen nachpflanzen,« und Viekenludolf lachte: »Soviel Mühe machen wir uns schon lange nicht mehr, denn sonst hängen am Ende schon alle Birken voll und auf die Dauer ist das wirklich kein schöner Anblick. Mit dem [Bleibengel] geht es sowieso schneller.«
Ganz schlimm wurde es aber erst, als Herzog Georg, der Bruder des Landesherrn, wieder zu dem Kaiser überging, weil die Schweden ihn [für einen Bauern kaufen] wollten. Es war, als wenn die Hölle alle ihre Teufel auf einmal von sich gegeben hätte, und der Prediger sagte nichts mehr, wenn er hörte, wie die Bauern Gleiches mit Gleichem vergalten. Die Feldbestellung hatte meist ganz aufgehört; die Ställe standen leer; die Menschen gruben nach wilden Wurzeln und fraßen Mäuse und Ratten, Schnecken und Frösche, Hunde und Katzen, und manches Stück Fleisch, das in den Topf oder auf den Rost kam, war nicht von einem Stück Vieh, und Wildbret war es auch nicht. Mancher, der bloß hundert Schritte von seinem Dorfe wegging, kam wohl wieder zurück, aber in Stücken, die unter dem Mantel getragen wurden, und die Eltern mußten aufpassen, wenn sie ihre Kinder behalten wollten.
Der Prediger war noch keine dreißig Jahre alt, da hatte er schon graue Haare über den Ohren, und die Falten, die er um den Mund hatte, waren so tief wie bei einem alten Manne. Dabei war es auf dem Peerhobsberge noch auszuhalten. War auch die Ernte schlecht gewesen, mußte auch in jedem Hause Baumrinde in das Brot gebacken werden oder Eichelschrot, satt wurden sie doch immer, denn es wuchs allerlei in der [Wohld], das sich essen ließ, und an Wildbret und Fischen mangelte es niemals. Aber das schlimmste für die Leute war, daß sie ewig Angst haben mußten, daß eines Tages ein so starker Haufen Kriegsvolk nach dem Dorfe hinfinden könne, daß sie sich seiner nicht erwehren konnten.
Auch dem Prediger wurde es oft schlecht unter dem Brusttuche. Um sich selber bangte er sich nicht. Doch seitdem in Engensen Kroaten ziemlich schlimm gehaust hatten, aber schleunigst abziehen mußten, weil die Wehrwölfe dreimal so stark waren als sie, so daß keiner von dem Takelvolk mehr den Weg zurückfand, konnte er keine Nacht mehr ruhig schlafen, denn er mußte immer und immer daran denken, wie es Thormanns Grete, die als Magd auf dem Dreweshofe diente, bei einer solchen Gelegenheit gehen konnte.
Er hatte es dem Mädchen gleich angesehen, daß sie etwas Schweres hinter sich hatte, und er hatte es von dem alten Drewes herausgefragt, was das war. Sie war die jüngste Tochter vom Tornhofe, aus dem ihre Eltern wegliefen, als ein Trupp Raubgesindel darauf loszog und wobei Steers Wieschen, Schewenkaspers Schatz, elendiglich zu Tode kam. Der Hof ging in Flammen auf, und da zogen Thormanns auf einen anderen Hof vor Wettmar, der ihnen auch gehörte und den sie verpachtet hatten; jedoch acht Wochen darauf lebte keiner von der ganzen Familie mehr außer Grete, und die bloß deshalb, weil sie sich bei den jungen Drewes verdingt hatte, wo sie wie eine Tochter gehalten wurde, denn Witte, der Drewesbur, war Vetter zu ihr.
»Ich möchte bloß wissen, was unser Prediger immer und immer in Engensen zu tun hat,« sagte Thedel zu seiner Hille, die mittlerweile schon das vierte Kind an der Brust hatte, aber dabei immer völliger wurde; »es geht kaum eine Woche hin, daß er da nicht hinreitet.« Seine Frau lachte: »Er wird da wohl ein Geschäft mit jemand haben, der einen roten Rock anhat und das Haar in einem [Dutten] trägt,« meinte sie. »Der? der denkt an alles andere als an die Weibsleute,« sagte Thedel; »nee, Mädchen; dieses Mal bist du vom Wege abgekommen.«
Es war aber doch so; ehe ein Monat hin war, zog Grete Thormann mit allem, was sie hatte, und das war nicht viel, auf den neuen Hof, und von da ab war der Prediger mehr da als in seinem eigenen Hause, und am nächsten Sonntag schmiß er sich und Grete von der Kanzel, und zwei Wochen später traute sie der Pastor in Wettmar in aller Stille. Seit der Zeit sah der Prediger nicht mehr so düster vor sich hin, und seine Frau bekam auch ein anderes Gesicht, besonders zehn Monate später, als sie noch etwas anderes zu tun bekam, als Brot zu backen und die Kuh zu melken; nach zwei Monaten stand ihr der rote Rock hinten ein ganzes Ende von den Hacken ab, so rund war sie geworden, und auch der Prediger setzte an wie eine Gans, die von der Stoppel in den Stall kommt.
Am besten aber bekam das Freien Schewenkasper. Die ganze Zeit hatte er sich mit Mieken herumgekabbelt. Der eine stand dem anderen im Wege. Alle Augenblicke hörte man Miekens Stimme: »Oller Stoffel! [dötscher] Hammel!« oder so etwas Ähnliches, und hinter ihr her brummte es dann: »Dumme Trine! olle Gaffelzange!« Schließlich wurde es der Bäuerin zu dumm damit, und als sich die beiden im Stall mal wieder anbellten, schlug sie die Türe zu, hakte das Holzschloß ein und rief: »So, nun kommt ihr erst wieder heraus, wenn ihr gut Freund geworden seid!«
Nun war die Rückwand des Stalles aber aus [Flachtenwerk], und da schlich sich die Bäuerin hin und horchte. »Harm,« sagte sie abends und lachte, daß das Bett knackte, »ein Schade, daß du das nicht auch gehört hast! Erst war alles still. Dann fing Mieken an: »Vertragen? mit so 'm ollen [Pottekel]? Denke nicht dran! So 'n [faulmäulscher] Hund! Was ich da wohl nach frage, wie der sich zu mir stellen tut! Nicht so viel, wie der Hahn auf 'm Schwanz tragen kann! Lieber such' 'ch mir 'n anderen Dienst! Das fehlte noch grade! Wer war denn eher da? Soll hingehen, wo er hergekommen ist.« Und dann auf einmal: »Davor hab 'ch 'm immer die Fußlappen genäht und Strümpfe hab 'ch 'm auch gestrickt und die Büchsen geflickt und das ist der Dank!« Und dann heulte sie lauthals los. Na und denn hörte ich Kasper brummen als so 'n [Tachs], und denn war alles stille. Na, als ich sie denn rausließ, da hatte Mieken die Augen unter sich und Kasper [griente] als wie ein Honigkuchenpferd und sagt: »Du sollst auch vielmal bedankt sein, Bäuerin, und in vier Wochen, da wollen wir freien.«
Das taten sie denn auch und über acht Monate war ein kleiner Kasper und ein lütjes Mieken da, und Schewenkasper konnte auf einmal das Maul aufmachen und das Lachen lernte er auch noch. »Ich weiß gar nicht, euer Ehren, was das jetzt ist,« sagte der Wulfsbauer; »es ist ja wie die reine Verabredung: wohin man hört, überall regnet es Zwillinge, wenn es nicht gar Drillinge sind. Wenn das so beibleibt, dennso können sich unsere Kinder eine Kirche bauen, die fünfmal so groß ist, und mehr Land müssen sie auch unter den Pflug nehmen als wie heute. Mein Wieschen bringt mir zu dem einen Paar noch eins, eure liebe Frau will darin auch nicht zurückstehen, bei Bolles sind in zwei Jahren vier Kinder angekommen, Schewenkasper läßt sich auch nicht lumpen; das war doch früher nicht so! Na, wenn ich mal den bunten Stock und das große Horn abgebe, dann kriegt der, der nach mir kommt, die doppelte Arbeit.«