Eine Woche später war Wieschen da. Sie kam aber nicht allein, denn ihr Vater war bei ihr. Der Prediger hatte ihnen klar gemacht, daß die beiden Kinder je eher, je besser unter die Hand kämen, die sie fernerhin hüten sollte, und da hatte der alte Mann gesagt: »Und ich? an mich denkt wohl kein Mensch! Was bin ich denn, wenn Wieschen weg ist? Lieschen, die hat ihren Mann und ihre Kinder, die hat keine Zeit für mich. Wenn ihr mich mit in den Kauf nehmt, schlage ich ein; sonst kann aus dem Handel nichts werden.«
Er hatte aber seine Hintergedanken, als er das sagte; denn wenn er auch seine Tochter nicht missen mochte, in der Hauptsache war es, daß er bei dem Prediger sein wollte; denn wenn er dem in die Augen sah, dann vergaß er die dummen Gedanken, die er jetzt so oft hatte, und sah nicht die vielen weißen Gesichter mit den roten Löchern in der Stirn, bangte sich nicht vor den Männern, die mit einer [Wiede] um den Hals vor einer Birke hin und her gingen und an die er jedesmal denken mußte, wenn er einen Birkenbaum sah oder den Pendel in der Kastenuhr.
»Das ist mir gerade recht,« sagte der Prediger, der es wohl merkte, wo hinaus der alte Mann wollte; »und paßt es sich für ihn auf dem neuen Hofe nicht, so ist er mir herzlich willkommen, denn in meinem Hause bin ich doch so allein, wie der Dachs in seinem Loche, und jedweden geschlagenen Abend kann ich unmöglich bei dem Wulfsbauern sitzen!«
Aber damit war dieser nun nicht zufrieden; er räumte Drewes und Wieschen die große Schlafdönze ein. Sie lebten nun so hin wie Bruder und Schwester, der Bauer und das Mädchen, und erst im Julmond kam es in Engensen zur [Löft] und Ehestiftung; aber obzwar sie damit schon vor der ganzen [Freundschaft] nach dem alten Brauche als Eheleute galten, die Ehedönze beschritten sie erst, als der Prediger sie zusammengegeben hatte, denn das hatte er sich als Kuppelpelz ausbedungen.
»Wisse,« sagte er zu dem Bauern, »ich bin selber Bauernsohn und weiß wohl, daß die Löft als volle Ehe galt, ehe daß die kirchliche Trauung aufkam. Da wir diese aber nun einmal haben, so soll es so sein, daß erst mit ihr eine christliche Ehe beginnt, vorzüglich in seinem Falle, wo er schon einen Hoferben hat, und dann auch, weil der Burvogt auch in diesen Dingen dem Dorfe ein Beispiel sein soll, und schließlich, weil er kein Junggeselle ist, der die Zeit nicht abwarten kann.« Er war sehr zufrieden gewesen, als der Bauer sofort einschlug und sagte: »Das ist ganz meine Meinung.«
Es war bloß eine stille Hochzeit, denn dem Bräutigam war nicht nach Tanzen und Trinken zumute und der Braut erst recht nicht, und zudem war Landestrauer, da kurz zuvor Herzog Christian mit Tode abgegangen war, und am letzten Ende waren die Zeiten nicht danach. Aber es war eine schöne Traurede, die der Prediger hielt, und es war manch einer im Dorfe, der da sagte: »In einer Weise ist eine [Brutlacht] wie diese doch anständiger, als wenn in einem Ende hin gesoffen und gefressen wird.«
Die Braut war sehr still gewesen die ganzen Tage vorher, und unter der Trauung sah sie aus wie der Kalk an der Kirchenwand, denn sie hatte zuviel Bange, daß der Bauer sie bloß gezwungen nahm. Am anderen Tage aber sah sie schon wieder aus wie immer, denn als sie mit ihrem Manne allein war, hatte er sie an der Hand genommen und ihr gesagt: »Ich habe in der Zeit, die du hier warst, doch herausgefunden, daß ich innerlich noch nicht alt und kalt bin, und daß ich es dir nicht gezeigt habe, wie gern ich dich habe, das tat ich, weil ich bis auf den heutigen Tag gelobt habe, dich nicht anzufassen. Aber jetzt, Wieschen,« und dabei faßte er sie um und gab ihr einen Kuß, »bist du meine Frau, und so weit es an mir liegt, soll es dich nicht gereuen, daß du es geworden bist.« Da hatte die junge Frau erst so geweint, daß ihm ganz ängstlich zumute wurde; aber als er ihr die Hände vom Gesicht machte, sah er, daß das Sonnenregen war, und seine Frau lachte und warf ihm die Arme um den Hals.
Es war gut gewesen, daß es auf der Hochzeit des Wulfsbauern bloß einen Tischtrunk gegeben hatte, denn am anderen Morgen wurde die halbe Jungmannschaft vom Peerhobstberge abgerufen; lose Haufen von Schweden ließen sich in der Umgegend blicken und hausten schlimmer als das Vieh. Seitdem ihr König gefallen war, kannten sie keine Zucht mehr, und Frauenschänden und Kinderschinden, das war ihnen weiter nichts als ein kleiner Spaß. Aber der eine Haufen, der durch das Bruch ziehen wollte, lernte bald, daß es da auch wintertags [Gnitten] gab. Als sie mit ihren Gäulen mühselig durch Schnee und Morast zogen, fingen die bleiernen Gnitten an zu beißen, daß das Blut danach kam. »Tja,« sagte Viekenludolf; »wer nicht weiß, was Landesbrauch ist, der läuft oft dumm an.«
Am Sonntag Dreikönige hatten die Peerhobstler wieder gesungen: »Und wenn die Welt voll Teufel wär!« Es war an dem: was sie zu Ohren bekamen, war Mord und Brand. Wenn einmal eine Woche kein roter Schein am Himmel stand, nachdem die Sonne untergegangen war, dann vermißten die Leute beinahe etwas, und nach einer Leiche am Straßenbord wurde nicht mehr hingesehen, als vordem nach einer verreckten Katze. Der Prediger hatte einen schweren Stand, daß er seine Gemeinde bei Christi Wort und Lehre hielt, denn wie an der Pest die Leiber, so siechten an der greulichen Zeit die Seelen hin.
Das Herz wollte ihm im Leibe stehen bleiben, wenn er erzählen hörte, in welcher Weise die Bauern an ihren Peinigern Rache nahmen, und er [verjagte sich], als Schewenkasper ihm in aller Seelenruhe erzählte: »In Brelingen hat ein einstelliger Bauer, der im Busche wohnt, seit einem halben Jahre einen von den Pappenheimern an der Kette im Stalle liegen, so daß er aus dem Troge fressen muß. Der Mann hat ganz recht; die Hunde haben ihm seine Frau zuschanden gemacht, und wer sich als Hund ausgibt, muß es wie ein Hund haben.«