»Sieh mal, Watschelinchen,« hatte er gesagt, »zu was willst Du in der Stadt wohnen? Erstens kennst Du niemand dort, zweitens wohnt Dir allerlei ruppiges Volk vor dem Schnabel herum, diese Radaumacher von Turmschwalben und dieses gemeine Spatzengesindel; und dann die Luft! Na, ich sage Dir bloß, Du wirst Dich wundern! Dein schönes Changierendes ist da bald hin vor dem Ruß. Und was muß man weit fliegen, um satt zu werden! Hier im Walde hast Du die fettsten Schnecken und die besten Regenwürmer dicht bei der Wohnung. Und alle Nachbarn sind nette Leute: der Pirol, so elegant und stolz er ist, Dir singt er gern etwas vor. Und der Trauerfliegenschnäpper besucht Dich, wenn Du brütest, Buchfink, Mönch, Schwirrsänger, sie alle sind nett zu uns. Und ist Dir diese Wohnung nicht groß und hübsch genug, ein freundliches Wort, und Spitzhack, der Specht, baut Dir eine andere. Laß uns nur im Walde bleiben.«

Sie ließ ihn ruhig ausreden wie immer, machte nur die Augen halb zu und ließ die Flügel herunterhängen; und dann fing sie an:

»Ja, Dickkopp, das ist ja alles ganz gut und schön. Aber das mit den Spatzen und Mauerschwalben, das wird nur halb so schlimm sein. Und das mit dem Ruß auch. Und überhaupt, mein gutes Zeug ist doch immer gleich hin von dem Brüten und Kinderpäppeln. Und Du hast gut reden von Unterhaltung hier; was wissen die denn alle hier zu erzählen? Immer dasselbe langweilige Zeug: daß es bei Markwarts Krach gegeben hat, daß die Taubersche die Eier hat kalt werden lassen, daß die Amsel kleine Vogelkinder fressen soll und weiter nichts. Und das ewige Gedudel von dem Pirol, das hängt mir schon zum Schnabel heraus; immer dasselbe und immer dasselbe und hinterher dieses alte Geknarre; schließlich geht es einem auf die Nerven. Du hast natürlich gut reden: Du fliegst hierhin und dahin und triffst bald den oder bald die, und da hörst Du immer allerlei Neues und erlebst vielleicht auch mal ein Abenteuerchen, nicht wahr, Kopp? Ich aber, ich sitze hier in dem engen Loch, brüte mich dumm und albern und höre und sehe von der Welt nichts. Höchstens, daß Schnurrjahn einmal vorkommt und mich ein bißchen unterhält. Und die Wohnung? Ach, Du lieber Himmel! Eng und feucht und voll Ameisen, und jedes Frühjahr großes Reinemachen, bis man den Fledermausmist heraus hat, na, ich danke. Und dabei stehen in der Stadt die schönsten, hellsten, luftigsten Villen frei!«

Dickkopp sagte nichts mehr. Wenn seine Frau »Kopp« zu ihm sagte und auf seine kleinen galanten Abenteuer draußen anspielte, dann tat er am besten, den Schnabel zu halten. Und daß sie außerdem von Schnurrjahn anfing, diesem alten Poussierstengel, der nichts lieber tat, als anderer Stare Frauen schön zu tun, das schätzte er nun schon gar nicht. So sagte er Ja und Amen, und sie zogen in die Stadt.

Eine Wohnung war bald gefunden. In einem großen Garten lag sie und hing in einem Zwetschenbaume. Blumenbeete waren da, ein Springbrunnen zum Baden und Trinken, Rasen mit Regenwürmern, Beete mit Schnecken, Kirschbäume waren in der Nähe und gar nicht weit davon war am Teiche eine ungeheure Pappel, der richtige Versammlungsplatz, wie die Stare ihn lieben, und viel Rohr, im Herbst eine gute Schlafstatt. Dickkopp war sehr zufrieden und Watschelinchen erst recht.

Die erste Zeit ging es sehr gut. Er saß vor dem Hause, schlug mit den Flügeln und sang nach Herzenslust. Sie schlüpfte aus und ein, holte Hälmchen und Federchen und richtete die Wohnung ein. Heimlich stöhnte sie zwar ein bißchen, denn das große Haus machte doppelte Arbeit, aber sie ließ sich nichts merken.

Bald aber stellten sich allerlei Unannehmlichkeiten heraus. Erstens zog es in der Wohnung; es war ein richtiger städtischer Schwindelbau; und durchregnen tat es manchmal auch. Und alle Naselang steckte ein frecher Spatz seinen Kopf herein, machte faule Witze über Watscheline oder behauptete gar, sie hätte hier nichts zu suchen. Im Mai, als sie schon längst Eier hatte, fand sie, als sie vom Baden zurückkam, eine große, weißbunte Katze an ihrem Hause beschäftigt. Watscheline machte solchen Lärm, daß der Besitzer des Gartens kam und die Katze herunterschoß; darüber war sie froh, aber der Schreck lag ihr noch drei Tage in den Gliedern.

Allmählich bekam sie auch Nerven. Erst hatte ihr das städtische Leben Spaß gemacht, aber dieser ewige Lärm der Wagen und der Straßenbahn, dieses rücksichtslose Schreien und Türenzuschlagen, dieses Ausrufen und Peitschenknallen, und vor allem das ewige Geschilpe der Spatzen und das Geschrei der Turmschwalben war auf die Dauer nicht auszuhalten. Und von allen ihren alten Bekannten sah und hörte sie nichts: noch nicht einmal Schnurrjahn kam und erzählte ihr, wie es im Walde aussähe.

Dann gab es noch dieses und das, was nicht schön war. Der Ruß war wirklich arg; sie brauchte die doppelte Zeit zum Waschen. Und bis sie sich an die Leitungsdrähte gewöhnte, das hatte auch lange gedauert. Und niemals konnte sie, wenn sie in den Anlagen Würmer suchte, wissen, ob nicht so ein Menschenjunges mit der Schleuder oder mit dem Flitzbogen oder dem Pustrohr ihr zu Leibe wollte. Und die Regenwürmer in der Stadt waren zäh von dem Schwefelsäuregehalt des Bodens. Und nahm sie sich eine Kirsche, dann gab es Unfrieden mit den Besitzern. Manchmal wünschte sie, sie wäre in ihrer alten Wohnung im Walde geblieben, aber sie wollte ihrem Manne nicht so schnell recht geben, und dann waren ja auch die Kleinen da, und als die groß waren, da mußte sie wieder sitzen und brüten.

Endlich war auch die zweite Brut flügge und nach einigen Wochen selbständig. Watscheline war froh; sie sah zu, daß sie ihr altes Zeug los wurde, schaffte sich ein pikfeines, schöngemustertes Reisekleid an und machte mit ihrem Alten Ausflüge in die Umgegend. Heute war man am Fluß, wo Tausende von Staren im Krummet Käfer suchten, morgen besuchte man den Wald und ließ sich vom Spitzhack Specht erzählen, was dort unterdessen geschehen sei. Der Pirol war schon fort, die Taube hatte zweimal faul gebrütet, die jungen Fliegenschnäpper waren von der Eichkatze gefressen, den Häher hatte der Förster totgeschossen.