Da saßen nun die drei unglücklichen Dinger, jedes unter einen Busch Heidekraut gedrückt und wußten nicht, was sie machen sollten. Still und stumm war es. Irgendwo schrie ein Häher, Wasserjungfern flirrten vorüber, die Grillen schwirrten, die Hänflinge und Goldammern sangen und es roch nach Heide, Kiefern und Birken. Aber es war eine andere Heide, als die Heimatsheide. Dort führten überall die Pässe der Kaninchen hin und her, ringsumher lag Kaninchenlosung und die Luft war voll von Kaninchenwitterung. Hier war von alledem nichts. Nach Hase und Reh roch es, aber nicht nach Kaninchen.

So dachte Hopps, der Rammler. Er war von Natur aus sehr vorsichtig, denn er hatte im Gegensatze zu seinesgleichen einen kohlenschwarzen Balg mit einer silbernen Blässe mit auf die Welt gebracht und fiel in Sand und Heide zu sehr auf. Aber als er eine Viertelstunde unter dem Heidebusche gesessen hatte, machte er einen Kegel und sah sich um. Alles, was er sah, waren junge Kiefern und Birken, Heide, Sand und der silbergraue Stumpf einer Kiefer. Darauf hoppelte Hopps zu, denn da schien ihm besseres Kraut zu wachsen. Er putzte sich, äste einige Blättchen und dann scharrte er ein Wühlmausloch, das unter den Stumpf führte, größer, alle Augenblicke halt machend und witternd. Nach einer Stunde hatte er seinen Notbau fertig.

Die Arbeit hatte ihn hungrig gemacht. Heide mochte er nicht, Kiefern- und Birkenrinde noch viel weniger. So setzte er sich denn auf die Keulen und prüfte ringsum die Luft. Halblinks roch es nach Klee. Vorsichtig rückte Hopps nach dieser Richtung hin. Wahrhaftig, der gute Geruch wurde immer stärker und da leuchtete auch schon zwischen den grauen Kiefern eine saftige Kleewiese auf. »Noch zu hell, viel zu hell noch,« denkt Hopps und bleibt am Rande der Dickung sitzen. Hinten in der Wiese bewegt sich etwas Weißes hin und her. »Der Storch«, denkt der Kaninchenbock. Ein Ruf kommt aus blauer Luft: »Das ist der Bussard.« Das sind Tiere, vor denen hat er keine Angst. Aber nun kommt von dem Felde ein heller Laut: »Also Hunde gibt es hier auch; dann ist es Zeit, sich einen sicheren Bau zu graben.«

Hopps rückt, nachdem er am Grabenrand sich am Grase geäst hat, wieder in die Dickung, eilig, aber vorsichtig. »Halt, da riecht es ja nach Kaninchen!« Hopps schnuppert einen Augenblick. »Das war Flitzchen.« Zweimal klopft er mit dem Hinterlaufe die Erde. Da taucht ein grauer Fleck zwischen zwei Heidbüscheln auf. Flitzchen ist es. Steif und starr sitzt sie da; ebenso steif, ebenso starr sitzt Hopps ihr gegenüber. Keins rührt sich. Dann spielohrt Hopps und rückt näher. Flitzchen wendet sich zur Flucht. Hopps macht Halt und klopft wieder. Da faßt sie Vertrauen. Der Wind küselt und trägt ihr die Witterung von dem schwarzen Ding vor ihr zu. »Ich glaube, es ist Hoppschen,« denkt sie. Da ist er auch schon. »Bist Du es?« »Ja, wer sonst?« »Das ist schön!« »Und wo ist Witschel?« »Keine Ahnung.« »Wollen wir sie suchen?« »Nachher; jetzt müssen wir einen Bau graben; es sind Hunde in der Nähe. Ein Rohr habe ich schon fertig.« »Weiß ich!« »Wieso denn?« »Habe es gefunden und von der anderen Seite noch ein Rohr unter den Kiefernstumpf nieder gebracht!« »Du bist ein mächtig kluges Mädel! Aber nun komm', wir wollen jetzt den Kessel buddeln und dann können uns die Hunde 'was husten!«

Husch, husch, geht es durch das Heidekraut. Hopps ist ordentlich übermütig geworden, seitdem er Gesellschaft hat und macht vor lauter Vergnügen allerlei dumme Sprünge, und Flitzchen wird von seiner Lustigkeit angesteckt und wagt auch einen frohen Hopser über einen bunten Stein. Als die beiden aber nach dem alten Stumpf kommen, bleiben sie starr sitzen, denn da rührt sich etwas. »Warte, ich hole mir Wind!« meint Hopps und leise schleicht er im Bogen zur Seite, bis er Wind bekommt. Aber dann klopft er lustig, denn der Wind sagte ihm, daß dort am Stuken Witschel ist. Da ist sie schon, die gute Dicke. Hochaufgerichtet steht sie da und läßt die beiden herankommen. »Was wollt Ihr denn hier?« »Die Rohre mit einem Kessel verbinden.« »Habe ich schon längst gemacht. Aber wißt Ihr was? Seht mal dahin, da steht ein dichter Dornbusch. Bis zum Kessel sind es keine sechs Kaninchenlängen. Wenn wir nun eine Fahrt vom Kessel bis unter den Busch bringen, dann sind wir fein heraus!« »Fein herein auch.« »Also los!«

Ein eifriges Gebuddel beginnt. Hopps fängt unter dem Dornbusche an, Flitzchen arbeitet ihm vom Kessel aus entgegen, und Witschel führt von dem anderen Rohre eine Verbindungsröhre nach der Dornbuscheinfahrt, einmal der besseren Durchlüftung wegen, dann aber auch, weil sie weiß, je mehr Fahrten ein Bau hat, um so leichter ist das Entkommen, verirrt sich einmal so ein Stinker von Iltis hinein. Es war ein glücklicher Gedanke von Witschel, der Einfall mit dem Dornbusche, denn kaum, daß die drei in der Dämmerung am Rande der Kleewiese saßen und sich an den saftigen Blättern gütlich taten, kam ein Bauer den Weg entlang und hinter ihm her bummelte ein Spitz. So wie der die Kaninchen in die Nase bekam, sauste er hinterdrein, und wenn er sie auch nicht bekam, so hielt er doch die Fährte. Hopps und Flitzchen nahmen den kürzesten Weg und fuhren über die Heide zu Baue, Witschel aber schlug vor dem Hund Haken auf Haken, bis ihm ganz dumm und albern zu Mute war. Und deshalb sah er sich nicht vor und rannte gerade dahin, wo Witschels Blume verschwand, mitten in den Schlehbusch hinein, und rannte sich einen dürren Dorn unter die Nase, so daß er heulte, daß es weit über die Heide klang, und jammervoll winselnd kehrte er zu seinem Herrn zurück.

Die drei Kaninchen unter der Erde lachten. »Was ist denn da los?« fragte Hopps. »Ach, ich habe den dämlichen Spitz in die Dornen gelockt und die haben ihn gekämmt. Ich glaube, den Köter sind wir für eine Weile los.« »Glaube ich auch,« meinte Flitzchen, »denn er hat nicht schlecht gepfiffen.« Ein Weilchen warteten sie noch im sicheren Bau, dann aber schlüpfte Hopps bis in die Dornen, sicherte lange und klopfte die anderen heraus. Sie ästen sich lange in der Kleewiese und machten durch ihr Hin- und Herhuschen die zwei Hasen, die seit Jahr und Tag dort ihre Besuchsstelle hatten, so nervös, daß diese ärgerlich nach dem anderen Ende der Wiese rückten, und auch der Rehbock, der am Kopfe der Wiese immer austrat, wurde zu seinem Mißvergnügen die fremden Gäste gewahr, schimpfte mörderlich, daß es weithin klang und zog voller Verdruß den Hasen nach. Als es schon ganz dunkel war, bekamen die Kaninchen einen großen Schreck, denn es brach und knickte in dem Stangenort über dem Sandwege und etwas gewaltig Großes zog über die Heide nach den Feldern. Was es war, wußten sie nicht, denn dort, wo sie hergekommen waren, gab es keine Hirsche. Aber da seine Fährte nicht nach Mensch, nicht nach Hund und nicht nach Fuchs roch, so rückten sie bald wieder aus der Dickung heraus.

In acht Tagen hatten sie sich eingelebt. Außer ihrem Hauptbaue hatten sie sich noch hier und da ein halbes Dutzend Notrohre gescharrt und zu dem großen Bau noch vier lange Fahrten mit mehreren Abzweigungen getrieben, deren Mündungen unter Baumstümpfen und in den dichtesten Kiefernkusseln endeten. »Jetzt kann kommen, wer da will«, meinte die gute Witschel, und bei sich dachte sie: »Es ist auch gut, daß wir uns eingerichtet haben, denn zum Scharren habe ich keine Zeit mehr.« Von Tag zu Tag hielt sie sich mehr allein und sah immer magerer und ruppiger aus, und wenn Hopps ihr folgen wollte, ohrfeigte sie ihn, daß es nur so brummte. Und bald ging es ihm bei Flitzchen nicht anders; auch diese hielt sich allein und Hopps saß allein in seinem großmächtigen Bau und dachte über die Launenhaftigkeit der Weiber nach und sehnte sich nach der Emsheide, wo es nicht bloß ein Flitzchen und eine Witschel, sondern viele viele hübsche Kaninchenfräulein und -frauen gab, alte und junge, dicke und schlanke, so daß ein Kaninchenherr, und besonders ein so schöner, schwarz mit einer silbernen Blässe, sich nicht Tag und Nacht zu langweilen braucht.

Eines Tages aber machte er ein ganz dummes Gesicht und dachte: »Nanu, träume ich oder ist mir der junge Klee in den Kopf gestiegen?« denn an der Quelle bei dem Dornbusche wimmelte es von kleinen Kaninchen; sieben waren es, sechs graue und ein schwarzes. »Die wollen wir uns doch einmal näher besehen«, dachte er, aber da fuhr Witschel, die er gar nicht gesehen hatte, hinter einem Farrnbusche hervor und benahm sich so unfreundlich, daß er ihr aus dem Wege ging. Drei Tage später traf er auf dem grasigen Gestelle vor dem Stangenorte wieder junge Kaninchen an, zwar nur fünfe, aber zwei schwarze darunter, und als er sich die Kinder ansehen wollte, bereitete ihm Flitzchen ebenfalls einen üblen Empfang. Aber schon nach acht Tagen liefen die Kleinen alleine und die beiden Mütter waren wieder nett zu Hopps.