Von allen Größen finden sie sich, ganz kleine und ganz große, die schon Flügelschuppen aufweisen und auf einen Tag warten, so heiß, wie es heute ist. Schon mehrere Tage haben sie nicht mehr fressen mögen, denn sie sind das Larvenleben unter dem Wasser leid. Ihre Darmkiemen sind eingeschrumpft, Atemlöcher haben sich an ihren Seiten gebildet; sie sind schon mehr Luft- als Wassertiere. An jedem weißlich schimmernden Zweige, der aus dem Wasser hervortaucht, an den Wänden der Kähne, an den Pfählen, an die die Kähne geschlossen sind, an dem Fischkasten, an dem Netze, das zum Trocknen aufgespannt ist, haften sie.
Sie sehen scheußlich aus mit ihren breiten Krötenköpfen, den dünnen Spinnebeinen und dem plumpen, roh gezackten Leibe.
Ob sie, wenn sie sich an eine Beute heranpirschen, langsam kriechen, oder, wenn der Fischer, der seinen Kahn auf das Land zieht, sie stört, jäh dahinschießen, oder, wie heute, wo es sie aus dem Wasser treibt, sich mit eckigen Bewegungen an den Halmen und Stengeln emporhaspeln, immer wirken sie häßlich und unheimlich, und der Fischer, der sie doch schon von Jugend auf kennt und weiß, was es für Wesen sind, schüttelt sie, als er das trockene Netz abnimmt, mit einer Gebärde des Ekels von seiner Hose.
Die Sonne brütet nur so auf der Bucht; sie ist den Libellennymphen gerade recht. Überall wird ein feines Knistern vernehmbar, bei einer nach der anderen reißt die Hülle, und aus ihr taucht ein nasser, klebriger, glotzäugiger Libellenkopf auf. Das war eine große Anstrengung, und eine Weile ruht das sonderbare Doppelwesen. Dann zerrt es Bein auf Bein aus der Scheide, aber die Mühe war zu groß, und schlaff hängt die halbfertige Libelle mit dem Kopfe nach unten. Lange hängt sie so; dann richtet sie sich auf, stemmt die Beine gegen die halbleere Hülle und zieht den Hinterleib heraus, aus seiner Spitze einige grüne Tropfen fallen lassend. Schlaff, feucht und kraftlos, mit Flügeln, so weich, daß sie wie nasse Lappen im Winde flattern, hängt sie auf der leeren Hülle.
Aber die Sonne, der Stern der Libellen, trocknet sie rasch ab und flößt ihrem Leibe Festigkeit ein. Luft füllt das Röhrenwerk der schlaffen Flügel; es trennen sich die zusammengeklebten Schwingen, richten sich auf, spreizen sich und breiten sich endlich wagerecht aus. Noch aber hängt der Leib haltlos herab, noch hat der Hals keine Kraft, so daß der dickäugige Kopf bald auf dieser, bald auf jener Seite hängt, und die Beine entbehren auch noch der Sicherheit. Aber nach einigen Stunden hat sich der Leib gestrafft, sind die Beine vollends erhärtet, hat der Kopf Halt bekommen, und mit gespreizten Flügeln und weit von sich gestrecktem Hinterleibe sitzt das Tier da, sich von der Sonne bescheinen lassend.
Endlich wagt es den ersten Flug. Sehr plump fällt er aus, denn zu wenig gefestigt ist noch der Leib, und die Atmung läßt noch zu wünschen übrig. Manch eine fällt auf das Wasser und bleibt so lange hilflos liegen, bis die Flut sie an das Ufer spült und sie sich mühsam an einem Halme heraushaspelt. Andere sinken in das Ried oder auf den Sand und bleiben dort liegen, bis sie sich kräftig genug für einen neuen Flugversuch fühlen. So schön gefärbt wie die alten Libellen sind sie aber noch nicht. Erst, wenn sie einige Tage zwischen dem Röhricht umhergeflattert sind, sticht bei den Männchen das helle Gelb, bei den Weibchen das lichte Grün scharf von der schwarzen Zeichnung ab, und dann erst ist der Flug sicher und selbstbewußt.
Tag für Tag haben die Nymphen hier in der Bucht das Wasser verlassen; überall an den Halmen und Stengeln hängen die leeren, offenen Hüllen, die einen noch braun und fest, andere schon abgebleicht und von dem Winde zerfetzt, immer aber noch mit den leeren Krallenscheiden die Stengel festhaltend und gespenstig mit den toten Augen in den breiten Köpfen in die Sonne starrend. Neben ihnen, über ihnen, unter ihnen, auf ihnen sitzen frisch aus dem Wasser gekrochene Nymphen, haften eben ausgeschlüpfte, noch weiche und weiße, kraftlose Libellen und andere, die schon erstarkten, und noch welche, die sich vom Fluge ausruhen.
Die ganze Bucht ist erfüllt von den schlanken Tieren. Überall knistert und raschelt es, allerorts schwebt und flattert, blitzt und schimmert es. Es ist ein fortwährendes Hin und Her, ein unaufhörliches Auf und Ab von gelben und grünen, schwarzgemusterten Leibern und silbernen Schwingen. Hunger und Liebe jagt die bunten Tiere hin und her. Die Mücken und Fliegen, die über dem Röhricht schweben, müssen zu Tausenden sterben, denn sie sind heißhungrig, die frisch geschlüpften Wasserjungfern, und ihre Verdauung ist rasch. Und liebestoll sind sie; überall hängen die seltsam verknoteten Pärchen, überall fassen die Männchen die Weibchen und schleifen sie hinter sich her, bis sie mit ihnen auf einem Rohrblatte niedersinken und sie ihnen ganz zu Willen werden.
Andere aber sind der Liebe schon satt; die Männchen jagen auf dem Lande, alle Augenblicke sich setzend, und die Weibchen tanzen über die Flut, ab und zu niederwippend und ihre Eier ablegend. Hier und da treibt schon eins von ihnen halbtot auf dem Wasser oder flattert hilflos im Ufersande; die Ameisen zerren daran herum, der große, bronzefarbige, goldgezierte Raubkäfer, der unter dem Treibholzblock wohnt, braucht nicht lange zu suchen, wenn er in der Dämmerung auf Jagd geht, und die Spitzmäuse haben gut zu leben.
Auch der rotrückige Würger, der in dem Schlehenbusche unter der Friedhofsmauer brütet, und der schwarzstirnige, der in einer der Fichten gebaut hat, und der Raubwürger, der sein Nest in dem hohen Wildbirnbaum hat, der bei dem Teiche im Felde steht, sind sehr zufrieden, daß es so viele Wasserjungfern gibt; fortwährend kommen sie angeflogen und fliegen wieder ab, ganze Büschel von halbreifen Stücken in den Schnäbeln, und überall im Grase liegen Libellenflügel umher.