Sie jagen auch anders als die großen Wasserjungfern, sie erhaschen ihre Beute nicht im Fluge. Sie flattern um die Zweige der Büsche, und wo sie eine Blattlaussiedelung erspähen, da lassen sie sich nieder, pflücken die saftigen Tierchen ab und verzehren sie. Da Tausende von ihnen in den Büschen und im Grase umherschwirren, so wird durch sie tüchtig dafür gesorgt, daß die Blattläuse nicht überhandnehmen. Auch die eben ausgeschlüpften, zarten, winzigen Raupen haben in ihnen böse Feinde.
Doch auch ihnen selber mangelt es nicht an Nachstellung. Wenn sie dicht über den Boden hinflirren, werden sie von den Fröschen fortgeschnappt, die Eidechse erhascht sie im Sprunge, die Waldmaus greift sie, wenn sie im Grase schlafen, und allerlei Vögel stellen ihnen nach. Ihre schlimmsten Feinde aber sind die Spinnen; ist das Netz auch noch so zart, die leichte Schmaljungfer bleibt darin hängen, und in allen Spinnenweben an dem Graben entlang schimmern ihre silbernen Flügelchen und blitzen ihre himmelblauen, goldgrünen und rubinroten Leiber in der Sonne.
Daneben aber flirren die dahin, die den Spinnen entgingen, in lustiger Liebesjagd. Hier fährt ein goldgrünes Weibchen hinter einem dunkelen, blaugeringelten Männchen her, dort hat ein glührotes Männchen das düstere Weibchen mit der Liebeszange gefaßt und flattert mit ihm dem nächsten Blatte zu, da bildet ein Pärchen eine seltsame Schlinge, darunter zwingt ein Männchen das Weibchen, ihm zu Willen zu sein, und auf jenem Blatte sträubt sich ein Weibchen mit wildem Geflatter gegen die Liebkosungen eines Männchens, das nicht von seiner eigenen Art ist.
Seltsam ist die Liebe der Libellen, ganz seltsam. Mit den Beinen faßt das Männchen das Weibchen am Rückenschild, und wenn es ihm nicht mehr entgehen kann, dann packt die sonderbare Zange, die es am Ende des Leibes trägt, den ersten Brustring des Weibchens. Hin und her schiebt der Leib des Männchens das Weibchen, heftig flattern beide, aber schließlich wird das Weibchen von der Erregung des Männchens angesteckt, es krümmt den Hinterleib nach unten, schiebt ihn unter seinen Beinen her, nähert das Ende seines Leibes der Brust des Männchens und vereinigt sich mit ihm. So bildet das Pärchen eine merkwürdige Figur, eine eigenartige Schleife; des Männchens Hinterleibspitze umfaßt den Rücken des Weibchens, und dessen Leibesende ist mit der Unterseite des Vorderleibes des Gatten vereinigt.
Eine Wolke richtet sich vor der Sonne auf; mit einem Schlage ist das Geflirre und Geblitze zu Ende. Matt, der Kraft beraubt, fallen die zierlichen Tiere auf die Blätter und bleiben an den Halmen haften, den Leib wagrecht ausstreckend und seine Farbenpracht mit den Flügeln verhüllend. Auch hierin ähneln sie den anderen Jungfern nicht, die mit gespreizten oder emporgerichteten Schwingen ruhen. Sie aber dürfen das nicht; zu zart sind sie, und die Brise, die die Wolke brachte, würde sie in das Wasser wehen, wo die Ukleis auf sie lauern.
Doch die Wolke ist schon wieder fortgezogen; eins nach dem anderen von den Silberstäbchen lüftet die Flügel, und wieder blitzt und funkelt es rot und blau und grün um die Erlenblätter und Grashalme, von neuem beginnt das Getändel und Gekose, fängt der feenhafte Hochzeitsreigen der märchenhaften Tierchen an, die jeder Mensch gesehen hat, die aber keiner kennt, mag er sie auch Tag für Tag vor Augen haben.
Es lohnt sich aber schon, sich auf den Grabenrand zu setzen und ihnen zuzuschauen für den, der Augen hat, sich an Schönem und Prächtigem zu freuen, auch wenn es fein und klein ist. Dieses Tierchen hier mit den silbernen Flügeln, jeder vor der Spitze zierlich gefleckt, und dem rubinroten, goldgrün endigenden Leibe, es hat soeben mit den rotfunkelnden Augen eine Blattlaus erspäht und sie mit Behagen verspeist. Jetzt putzt es sich die Kiefer und die Taster und flattert dahin, wo schon ein halbes Dutzend Männchen ein Weibchen umbalzen. Zierlich, wie die Tiere selbst, sind auch ihre Liebeskämpfe; ein bißchen zorniges Flügelgeruschel, ein klein wenig Anrempelei, dann ist das Duell zu Ende, der Besiegte flattert weiter, ein anderes Weibchen zu suchen, und der Sieger müht sich um seine Schöne, bis sie so will, wie er es meint.
Vielerlei Arten gibt es von diesen reizenden Wesen; hier am Graben flattern allein sieben bis acht durcheinander, und da die Weibchen anders gefärbt sind als die Männchen, so ist der Farbenreichtum groß. Da sind welche, deren Leiber fast ganz himmelblau mit schmalen schwarzen Binden sind, bei anderen sind die dunklen Bänder breiter, bei einer dritten Art haben sie sich so ausgedehnt, daß nur schmale blaue Ringe übrigblieben. Ähnlich ist die grüne Farbe bei den Weibchen verteilt. Auch die Färbung der Augen ist verschieden; bei einigen sehen sie wie rote, bei anderen wie grüne, bei der dritten Art wie hellblaue und bei der vierten wie goldgelbe Glasperlen aus, oder sind gar zweifarbig, halb grün, halb rot.
Aber wer sieht das und wer sammelt Libellen? Man sammelt Käfer ohne Zweck, denn die deutschen Käfer sind gut erforscht, man sammelt Schmetterlinge, ohne daß es viel Sinn hat, denn wir kennen ihre Verbreitung gut. Die Verbreitung der deutschen Wasserjungfern ist aber noch wenig bekannt, und ein aufmerksamer Forscher könnte manche wichtige Tatsache feststellen. Es gibt Arten, die erst von wenigen, weit voneinander entfernten Gegenden bekannt sind, und manche Lücke unseres Wissens ist noch auszufüllen, ehe wir die Gründe erkennen, warum diese Art nur dort und jene nur da vorkommt.