Auch die Lebensweise dieser Tiere ist zum Teil noch wenig genug erforscht, vor allem die Fortpflanzung und auch die Ernährung, und von vielen Arten kennt man die Larven noch nicht. Dabei ist es so leicht, sie zu halten und zur Entwicklung zu bringen. Ein Standglas mit einigen hübschen Wasserpflanzen, eine Zierde für das Fenster oder den Blumentisch, ab und zu eine Fliege, einige Daphnien oder bei den Larven der großen Arten ein Regenwurm, das ist alles, was diese Tiere verlangen, um zu gedeihen und sich zu entwickeln.
Obgleich sie nicht sehr beweglich sind, uninteressant sind sie darum doch nicht. Es ist ganz lustig anzusehen, wie eine Libellenlarve geduldig wartet, bis ein kleines Tier ihr naht, oder wie sie, dauert es ihr damit zu lange, sich an die Beute heranpirscht und sie erfaßt. Wenn eine große Larve ein starkes Beutetier erwischt hat und dieses sich wehrt, dann krümmt sie den Hinterleib über den Rücken nach dem Kopfe zu und führt damit einen Stoß nach dem Opfer, es mit einem kräftigen Wasserstrahle aus den Darmkiemen betäubend.
Dann sitzt sie vielleicht einen Tag stumpfsinnig da, ohne sich zu rühren und ohne die Futtertiere, die ihr dicht vor dem Kopfe umherschwimmen, zu beachten. Am anderen Tage sieht sie nicht mehr so trübe gefärbt aus; ihr Rücken weist ein scharfes Muster auf, und ihre Beine sind hell und dunkel geringelt. Sie hat sich gehäutet; über ihr in den Ranken des Hornkrautes hängt die leere, durchsichtige Hülle. Ein tüchtiges Stück gewachsen ist die Larve und heißhungrig und raubgierig. Die Wasserflöhe genügen ihr nicht mehr; sie dreht den Kopf hin und her, ob nicht wieder ein Regenwurm angeschwommen kommt. Sie merkt die leise Erschütterung, die der Ärmel des Menschen, der den Rand des Glases streifte, hervorbrachte, und sie weiß, was das bedeutet. Schnell dreht sie den Kopf nach der Seite und erblickt den Wurm, der sich zwischen den Ranken hin- und herwindet. Lange besinnt sie sich; endlich rückt sie vor, aber langsam, sehr langsam geht das, und nun ist sie doch zu spät gekommen, denn ehe sie dicht genug bei ihm ist, sank er auf den Sand. Wieder muß sie sich lange besinnen; dann klettert sie mit dem Kopfe nach unten dem Wurm nach, der auf dem Sande umherkriecht. Jetzt ist sie dicht bei ihm; die Fangmaske kommt unter dem Kopfe hervorgeschossen, und der Wurm hängt zwischen den Kiefern, die ihn langsam und sicher zerreißen.
Sie sind nicht so dumm und so langweilig, diese Tiere, wie es den Anschein hat. Setzt man Schmaljungferlarven in ein Glas, das ihren Todfeind, eine Larve der großen Art, beherbergt, so verstecken sie sich in den dichtesten Quirlen des Hornkrautes und betreiben nur die Anstandsjagd auf Daphnien, Cyklopse, Mückenlarven und junge Flohkrebse. Sind aber nur ihresgleichen in dem Gefäße, so haben sie es bald heraus, daß sie keinen Feind zu fürchten haben, und sind die Futtertiere spärlich, so gehen sie auf die Pirsche, kriechen auf dem Sande am Boden und an den Glaswänden umher, daß man mit dem Vergrößerungsglase alle Gefäße in ihren durchsichtigen Leibern deutlich sehen und genau beobachten kann, wie sie die Mückenlarve zerreißen und verschlingen.
Nicht nur das, was groß und auffallend ist in der Natur, ist der Beachtung wert, auch das Kleine und Feine und das, was in der Verborgenheit lebt, und reizt es nicht zum sinnlosen Sammeln und Töten, so lockt es zur liebevollen Beobachtung und lohnt die Zeit, die man damit zubrachte, durch manchen unbeobachteten Vorgang, der mehr wert ist als ein Kasten voll dürrer Falter oder trockner Käfer.