b. Schrecknisse im Obererzgebirge während des Krieges.
1. Die Schrecknisse, welche die Züge der Hussiten mit sich brachten, leben noch vielfach in unserer Gegend in der Überlieferung fort, und die Sage hat manches dichtend hinzugefügt. So hat man die Begebenheiten in der Schlacht bei Außig auch in die Gegend von Preßnitz verlegt.
Im Osten von Jöhstadt verbreitet sich über steiles und hohes Gebirge zwischen dem Schwarzwasser und der Preßnitz der Kriegwald, dessen Name nicht ohne Wahrscheinlichkeit auf ein den Hussiten geliefertes, doch für Sachsen unglücklich ausgefallenes Treffen bezogen wird. Man hat ganze Haufen von Totengebeinen gefunden, die mit Moos so verwachsen waren, daß sie gleichsam wie Stücke alter Mauern erschienen. Ferner fand man daselbst viele Hufeisen, Pfeilspitzen, Hacken u. s. w. Das »rote Wässerchen« an der böhmischen Landstraße wurde nach der Volkssage von dem Blute benannt, das in jener Schlacht darin floß.
Wie die Hussiten sich Meister im Felde sahen, rüsteten sie sich 1426, um die entfremdeten Städte wieder zu erobern. Die Kurfürstin von Sachsen ließ, inzwischen ihr Gemahl, der Kurfürst Friedrich, in Ungarn war, bei Freiberg ein großes Heer sammeln, und als dasselbe über den Wald kam, fand man bei dem Dorfe Preslitz (Preßnitz) den Feind wohlgerüstet ihrer warten. Die Böhmen deckten sich mit ihren Schilden und hatten ihr Lager mit einer Burg von 500 Wagen mit Ketten umschlossen, führten auch lange Haken, mit denen sie die Reiter von den Pferden zogen. Wiewohl nun die Sächsischen sie tapfer angriffen, ihnen die Schilde mit Hellebarden vom Leibe zogen und lange fochten, mußten sie doch endlich, von der Hitze noch mehr ermüdet und vom Staube geblendet, die Flucht ergreifen. Der Graf von Gleichen und sein Leutnant, der Graf von Thun, wurden mit 9000 Mann erschlagen, darunter noch 12 Grafen, 4 Freiherren, viel Ritter und Edle, 21 derer von Köckeritz und einer von Schönborn mit 5 Söhnen, da der sechste daheim in der Wiege lag. Konrad von Einsiedel ward gefangen, kam in die Türkei, ward nach 30 Jahren vor Belgrad wieder gefunden und daheim von den Seinen fast nicht wieder erkannt. Es ward nachmals eine Kapelle gebaut an einem Bächlein, das mit dem Blute der Erschlagenen soll geflossen sein.
2. An die schreckliche Zeit der Hussiten erinnert uns auch die Erzählung von dem Mönchsgesichte an der Schlettauer Kirche. Der Pater Benno rettete vor dem mit Unheil drohenden Zuge der Hussiten ein silbernes Kruzifix, das noch allein auf dem Altar stehen geblieben war, indem er es um Mitternacht in die Kirchmauer vergrub; denn Altäre, Bilder und ander heilig Gerät zerstörten die Horden. Am andern Morgen wurde der Pater von den wilden Ketzern erschlagen. Dies träumte einem Priester, welcher die Stelle dem Küster offenbarte, der aber Diebstahl verübte und nun zur Strafe in der Mauer zu sehen ist. In einer Mauernische der Elterleiner Kirche steht ein Kästchen, welches drei Hussitenpfeile enthält.
3. Ebenso erinnern an die Züge der Hussiten das Kreuz und der Kelch in der Mitte der etwa 60 m hohen, steilen Felsenwand, welche sich an der Zschopau erhebt und das Schloß Wolkenstein trägt. Die beiden Wahrzeichen sind in Stein gehauen und sollen nach dem Volksmunde daran erinnern, daß im Jahre 1428 die Hussiten einen katholischen Priester töteten. Sie bedrohten ihn mit dem Tode. Er wollte aber gleichwohl seinen Glauben nicht abschwören. Da schleppten sie ihn an den Rand der steilen Felswand und stießen ihn dort hinab, von wo er in die Zschopau zerschmettert stürzte.
4. Als im Sommer 1427 ein starker Haufe Hussiten über Olbernhau und Sayda durch das Gebirge herunter nach Oederan zog, galt es besonders dem Ottomar von Schönberg, welcher den Hussiten aus der Gefangenschaft entwichen war und nun in seinem Schlosse Reinsberg wohnte. Täglich wurde jetzt dieses Schloß drei Wochen lang von den Hussiten gestürmt. Da rettete den geängstigten Schönberg sein Knappe durch einen unterirdischen Gang, der sich in einem Busche vor dem Schlosse öffnete. Diese Stelle soll noch heute mit einem Denksteine, auf dem ein Kreuz eingehauen ist, bezeichnet sein. Ein bereit gehaltenes Roß trug den Ritter in der dunklen Nacht durch den Forst auf die nahe Straße nach Freiberg. Hier setzten ihm die wachsamen Hussiten nach, und hart vor Freiberg hatten sie den fast zum Tode Gehetzten beinahe eingeholt. Der Turmwächter auf dem Meißner Thore gewahrte in der Morgendämmerung diese Menschenjagd. Er öffnete dem nahenden Ritter, welcher ihm sein weißes Tuch entgegenschwang, einen Thorflügel, den er vor den heransprengenden Hussiten schnell wieder zuschlug. Innerhalb des Thores aber verließen den Ritter die Kräfte. Auf der Meißner Gasse stürzte er mit dem Pferde und wurde tot in das nächste Haus getragen. Auch diese Stelle ward mit einem Steine, den man später an die Stadtmauer gelehnt hat, zum traurigen Andenken bezeichnet.
5. 1429 zog Prokopius mit 300 der edelsten Hussiten aus der Lausitz nach Basel zu einem Friedensversuche. Unangefochten zog dabei der Furchtbare, vor dem die Kinder auf der Gasse davonliefen, über Dresden und Freiberg durch Oederan. Einer von seinem Gefolge, Bodowin von Horomirz wird er genannt, kam zwei Tage nachher ganz allein durch Oederan. Da wurde er sogleich von den Oederanern ergriffen, hinaus an das Weichbild an der Nossener Straße geschleppt, lebendig gespießt und ihm ein silberner Helm oben auf den Pfahl genagelt, an dem der Unglückliche verblutete. Weithin schimmerte in der Sonne diese Silberkappe, an der sich niemand zu vergreifen wagte. Erst zur Zeit der Reformation verschwand sie zugleich mit dem daneben errichteten Heiligenbilde.
6. Zur Zeit der Hussitenkriege zogen die Scharen des gefürchteten Ziska, nachdem sie die Stadt Komotau in Asche gelegt hatten, auch auf die Stadt Görkau und das Schloß Rotenhaus los, um unter den dortigen katholischen Bewohnern ebenfalls mit Blut und Mord aufzuräumen. Es war am Schutzengelfeste, als sie durch einen äußerst dichten Nebel auf ihrem Zuge dahin aufgehalten wurden und sich erst dann wieder in Bewegung setzten, als sie ein aus der Ferne herschallendes Hahnengeschrei vernahmen, welchem sie irre führte. Sie gelangten in die Gegend östlich von der Stadt und kehrten nicht zurück. Zur Erinnerung an diese wunderbare Errettung ließen die Bewohner von Görkau ein Kreuz anfertigen und auf dem Friedhofe aufstellen. Jetzt steht es an der Straße von Udwitz nach Görkau und bei ihm eine Linde.
7. Auf dem Schlosse Hartenberg lebte im Hussitenkriege eine schöne, achtzehnjährige Jungfrau. Der mutterlosen Waise entriß auch das Schwert eines wütenden Hussiten den Vater. Der noch vorhandene Anverwandte, Jodok von Pichlberg, war eifriger Kelchdiener und wollte sie, als sie ihn um Schutz anflehte, zum Übertritt bewegen. Sie wollte die Lehren ihrer Mutter nicht abschwören und vertraute Gott, dem Beschützer ihres Glaubens. Sie versah die Burg mit Lebensmitteln, ließ Mauern, Streittürme und Befestigungen ausbessern und Schießpulver herbeischaffen. – In einer finstern Nacht rötete sich der Himmel von mächtigen Feuersäulen, die aus den benachbarten, von den Hussiten in Brand gesteckten Dörfern emporstiegen. Bald begehrte ein Hussitenschwarm mit drohend grimmigen Worten Einlaß und Übergabe. Auf die Verweigerung aber schrien hundert Stimmen schimpfend nach Sturm, Pfeilen und Pechkränzen. Zdenka von Hartenberg ließ die Feuerschlünde donnern; Steinregen fiel auf die Stürmenden; heißes Pech troff auf sie herab. Da wiederholter Sturm nichts nützte, sollte die Burg ausgehungert werden. Bald trat Nahrungsmangel ein; denn das verzagte Landvolk, welches eine gegen die Wasserseite ausgesteckte Notfahne herbeirufen sollte, hatte die Gegend verlassen. In höchster Not ging die Jungfrau in die Burgkapelle und stärkte sich im Gebete. Das letzte Rehviertel wurde vors Thor geworfen, und durch Hornrufe wurden die Belagerer ins Schloß gelockt. Man wollte bei freiem Abzuge die Burg ergeben. Als die Brücke niederrasselte, zogen sechzehn alte, bleiche Männer mit der alten Wärterin ab, und der Hussitenführer stürzte herein mit seinen Horden. An einer Halle blieben sie stehen; denn in einem Gemache stand Zdenka in bräutlichem Schmucke mit lodernder Fackel neben einem Pulverfasse. Sie wollte die Burg in die Luft sprengen, um nicht den Feinden in die Hände zu fallen. Da wälzte sich ein brausendes Getöse gegen die Burg heran. Ein Haufen bewaffneten Landvolkes eilte zum Entsatze herbei und überwältigte die Feinde. Gott dankend, sank Zdenka auf die Knie.