Die unmenschliche Behandlung, welche die friedlichen Bewohner von Freund und Feind zu erdulden hatten, brachte es so weit, daß eben jeder Soldat, gleichviel, welcher Seite er angehörte, als Feind betrachtet wurde. Daher herrschte zwischen den Bürgern und den Söldnerhorden ein fortwährender Kriegszustand. Die Soldaten brannten, plünderten, mordeten und schändeten; die Bewohner wehrten sich ihrer Haut und wagten nicht selten auch den Angriff. Versprengte Soldaten wurden unerbittlich niedergehauen. So lockten die Bauern von Dorf-Chemnitz nach der Leipziger Schlacht sechs hungrige Soldaten und ein Soldatenweib in den Wald, erschlugen sie und raubten alles, selbst die Kleider. Als die Leichen verscharrt werden sollten, findet man einen Halbtoten und macht ihn noch vollends nieder. Der Jahnmartin am Kühberge klagte oft, seine Hände röchen so nach Menschenfleisch; denn er hatte viel Soldaten helfen erschlagen. 1641 erschlugen die gebirgischen Bauern bei Unterwiesenthal 9 Flüchtige von dem Heere Baners, entkleideten sie und bedeckten sie mit Reisig: davon hat sich einer wieder ermuntert und ist halbnackt nach Wiesenthal gekommen.
Nach Chr. Lehmann und Dr. Pöschel.
k. Das Kriegsjahr 1634.
Alle Schrecken des Kriegen kehrten im Jahre 1634 wieder. Namentlich wütete zu jener Zeit der kaiserliche Oberstleutnant Schutz von Schutzky in unserem Gebirge, setzte unter anderm Sayda in Flammen, brandschatzte Annaberg mit 1200 Thalern und rückte auch vor die Stadt Marienberg. Hierüber berichtet die Stadtgeschichte: »Den 29. September rückte ein kaiserlicher Oberstleutnant Hans Heinrich von und zu Schutz zu Roß um 2 Uhr nachmittags vor die Stadt; solchem ging der Rat entgegen und bat für die arme Stadt, da sich's denn etwas besser angelassen als im ersten Einfall; er kam mit etlichen Pferden in die Stadt und nahm sein Quartier bei Georg Löven. Da er nun eingelassen worden war, begehrte er von der Stadt für die Plünderung und als Lösegeld 6000 Thaler; es blieb auf der Geistlichen und des Rats Bitten bei 1000 Thaler. Ingleichen wurden dem Oberst 65 Thaler Tafelgeld und dem Regimentsquartiermeister 35 Thaler verehrt. Das Lösegeld wurde halb, nämlich 500 Thaler, den folgenden Morgen ausgezahlt, die anderen 500 Thaler sollten innerhalb 14 Tagen abgestattet werden. Obgleich aber der Rat wegen dieser 500 Thaler einen Schuldschein von sich ausstellte, haben sie doch um mehrerer Versicherung den ältesten Ratsherrn Michael Seeliger mitgenommen. Bei diesem ankommenden Volke entstand auch am Michaelistage abends 7 Uhr eine von den Soldaten angelegte Feuersbrunst vor dem Annaberger Thore und verderbte in solcher ein Haus und eine Scheune und ward ein großes Geschrei in der Stadt, weil es sehr nahe an der Stadtmauer war.« Die letzte Abzahlung der obengenannten Brandschatzungssumme leistete die Stadt am 31. Oktober durch den Bürgermeister Augustin Eckstein, und mußte dieselbe, da alle Geldmittel erschöpft waren, zum größten Teile in Naturallieferungen, worunter auch Heringe und Stockfische aufgeführt werden, geschehen.
In die bedenklichste Lage sollte die Stadt geraten, als im Oktober 1634 der österreichische Major Beck den bisher verhauen gewesenen Paß bei Reitzenhain in einer Nacht öffnen ließ, sodaß nun diese Heerstraße von hin- und herziehenden Heereshaufen wimmelte und es auch zuweilen zu Gefechten zwischen sächsischen und kaiserlichen Truppen kam. So entstand etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, auf den Lautaer und Hilmersdorfer Höhen, ein Treffen, später auch an dem ganz nahen Kaiserteiche, wobei Marienberg in die größte Gefahr geriet. Täglich mit Brand und Plünderung bedroht und von Kroaten und Spaniern umringt, sollte es immer und immer wieder für die in der Nähe lagernden Truppen Lebensmittel schaffen. Es war der Mangel so groß, daß der Rat das Brot von Haus zu Haus in einzelnen Stücken zusammentragen ließ und es manche Eltern im Augenblicke, wo sie es essen wollten, den hungernden Ihrigen entreißen mußten. Aus jenen trüben Tagen erzählt der Geschichtsschreiber: »Es haben sich die Kroaten und spanischen Regimenter vor die Stadt am Walde geleget, da denn die Offiziere auf den Tag hereinkamen und mußten gespeiset werden, dem Volke aber alle Tage 2 Faß Bier, Fleisch und Brot und wöchentlich jedem Regimente 20 Thaler Kriegskosten, welche 12 Tage gewährt, wobei das Götzsche Regiment noch dazukommt, welches gleichsam seine Verpflegung hat haben müssen. Der Kroatenoberst Joh. Tischler hat die Einquartierung in der Stadt haben sollen, weil aber keine Möglichkeit, vornehmlich auch wegen des sächsischen Volkes, welches in Zschopau gelegen, da dann groß Unglück der Stadt hätte entstehen sollen. So hat der Oberst Tischler 200 Thaler und 6 Paar Stiefel für die Einquartierung begehrt, ist aber bei dem halben Teile verblieben, und ist damals große Not wegen des lieben Brotes gewesen; denn man hat weder aus noch ein können und vielmals die Ratspersonen und Bürger das Brot von Haus zu Haus stückweis von Bürgern einbringen und korbweise nausschicken müssen. Dieses aber alles mußte man dulden, daß die Stadt nicht in Brand gestecket wurde.«
Nach Donat-Holzhaus.
l. Zschopau wird niedergebrannt.
Am 21. November 1634 war es, als die Bewohner Marienbergs zu ihrem größten Schrecken mitten in der Nacht den Himmel hoch gerötet sahen. Zschopau stand in Flammen, dessen Besatzung von 4 Regimentern kaiserlicher Truppen unter dem Obersten Colloredo überfallen worden war. Sie richteten in der Stadt, welche mit Menschen überfüllt war, da sich außer den Soldaten und Bürgern auch die Landleute darin aufhielten, ein schreckliches Blutbad an. Hering schildert das Ereignis in folgender Weise: »Die Schlafenden schreckten plötzlich durch den Ruf der Kriegstrompeten empor. Zschopau ist umringt; Frauen, Kinder, Greise flüchten in die Keller; die Männer stürzen sich mit hinaus und alle Schrecken der Schlacht erhöhen sich durch die dichte, nur durch die tötenden Blitze der gelösten Gewehre erleuchtete Finsternis. Es rast die Schlacht – es wütet der Tod in allen Gassen; es häufen sich Leichen von gefallenen Soldaten, Bürgern und Bauern, und jetzt schlagen die Flammen empor – rechts und links und fern und nah steht die Stadt in Feuer. Dem Tode in den Flammen entfliehend, stürzen die Versteckten hervor und suchen sich zu retten. Aber ach, wie viele hatten dem Schutze der Keller sich lieber vertrauen wollen als der würgenden Schlacht und waren hier erstickt. Außer den im Kampfe Gefallenen zählte man am Morgen nach dieser schaudervollen Nacht 90 Leichen von Erstickten.
In Angst und Mitleid schloß sich in jener Nacht auch in Marienberg kein Auge zum Schlummer. – Da brauste nach Mitternacht das rückkehrende Heer heran; alles wollte, nach Brot schreiend, in die Stadt stürzen. Oberst Colloredo aber ließ die Thore besetzen und nur die Offiziere hinein, sodaß die schreckensreiche Nacht für die Stadt ebenso glücklich endete, als sie über die Nachbarstadt unbeschreibliches Elend und Unheil gebracht hatte.«
Nach Hering-Holzhaus.