Schon früher hatte er sich zu diesem Behufe einen Paß zu verschaffen gewußt, worin er als ein nach der Heimat zurückkehrender preußischer Invalide signalisiert war. Als Stülpner einst bei Weißenburg, wo damals die preußische Armee gegen Pichegru stand, an einem düstern, nebligen Wintertage auf den äußersten Vorposten als Feldwache ganz allein zu stehen kam, glaubte er, hier von keiner Seele so leicht bemerkt, am sichersten seine Flucht ergreifen zu können.
Nachdem er sich daselbst so viel wie möglich von der Lage der Gegend orientiert hatte, desertierte er hier von seinem Posten und flüchtete sich in einen unfern gelegenen Wald, wo er Flinte, Seitengewehr und Patronentasche wegwarf und dann, da es schon Nacht geworden, unter einer Felsengrotte ein Obdach fand. Beim Grauen des Morgens setzte er seine Flucht über den Rhein nach Rheinbayern zu fort. Seine ganze Barschaft bestand aus drei Kreuzern, mit welchen er wohl nicht weit gekommen sein würde, wenn er nicht folgende kluge Maßregel zur Fortsetzung seiner Flucht getroffen hätte.
Stülpner kehrte nämlich meistenteils in Klöstern, auf Rittergütern und auch oft bei Landgeistlichen ein, wo er nach Angabe seines Passes als ein aus dem Felde heimkehrender Invalide überall mit Speise und Trank reichlich versorgt wurde. Von Rheinbayern nahm Stülpner seine Marschroute nach Hessen-Darmstadt, von da über Frankfurt a. M. nach Fulda, wo er bei einem reichen Bürger, dessen Sohn in der Schlacht bei Pirmasens geblieben war, 14 Tage verweilen mußte und daselbst herrlich verpflegt, außer Geld noch mit Kleidungsstücken reichlich beschenkt wurde. Von Fulda wanderte Stülpner über Eisenach, Gotha, Weimar nach Jena, wo er einen Bruder des früher erwähnten Hauptmanns von Hopfgarten traf, der in Jena studierte, bei welchem er 4 Tage verweilte und mit den Studenten daselbst um die Wette zechte. Von Jena setzte Stülpner über Gera, Altenburg nach Chemnitz seine Reise fort, wo er ungescheut seinen früheren Gönner, den unterdessen zum Major avancierten Herrn von Gundermann besuchte, von diesem wieder reichlich beschenkt wurde, und nun, nach einer abermaligen Abwesenheit von beinahe sieben Jahren, gerade zu den Osterfeiertagen 1794 in Scharfenstein wieder anlangte.
Seit dem Ausmarsch der Verbündeten nach Frankreich hatte Stülpners Mutter keine Nachricht von ihrem Sohne erhalten; sie betrauerte ihn schon längst als tot und hatte sich unterdessen genötigt gesehen, ihr Häuschen zu verkaufen. Stülpner fand sie daher bei seiner Ankunft in dem engen Hinterstübchen, das sie sich als Ausgeding vorbehalten hatte.
Als sie ihn jetzt unerwartet eintreten sah, war sie vor Furcht und Schrecken nicht vermögend, ein Wort hervorzubringen; sie fürchtete, ein unglückliches Ereignis könnte ihn wieder herbeigeführt haben. Doch beruhigte sie Stülpner bald wieder, teilte ihr seine glücklich überstandenen Schicksale und seine Flucht mit, und gab ihr von dem gesammelten Gelde acht Thaler.
In Scharfenstein und der Umgegend erregte Stülpners plötzliches Wiedersehen großes Aufsehen; man hatte ihn ebenfalls für tot gehalten. Er zeigte sich an öffentlichen Orten; Jung und Alt versammelte sich um ihn und hörte ihm gern zu, wenn er von seinen überstandenen Abenteuern erzählte. Die Behörden und Forstbediensteten waren natürlich auch gleich von Stülpners Rückkehr unterrichtet; sie duldeten stillschweigend seine Anwesenheit, da sie hofften, daß er nunmehr zu einem erlaubten Broterwerb greifen würde; doch hatten diese Herren sich abermals gewaltig getäuscht. Denn Stülpner, welchem einmal das frühere wilde und zwanglose Leben zur zweiten Natur geworden war, konnte und mochte sich auch jetzt nicht, da er weiter keine Profession gelernt hatte und als Tagelöhner nicht arbeiten wollte, von seinem früher geführten Leben als Wildschütz losreißen. Er besuchte kurz nach seiner Rückkehr nach Scharfenstein, nachdem er sich wieder mit gutem Gewehr versehen und sich als Jäger umgekleidet hatte, seine alten vertrauten Forsten wie vorher und lebte nun ganz als Wildschütz, da er königliche und herrschaftliche Reviere durchstrich und alles Wild, was ihm vorkam, niederschoß.
Es hatte sich bald überall das Gerücht verbreitet, daß Stülpner wieder die Umgegend seiner Heimat zum Schauplatze seines kühnen Treibens gemacht habe, daß er sich ohne Scheu an öffentlichen Orten zeige, im Wirtshause seinen Krug Bier und seinen Schnaps ganz sorglos trinke, doch ohne seine stets scharfgeladene Büchse sowie seinen scharfgeschliffenen Hirschfänger abzulegen. Auch hatte er sich bald wieder einige Genossen zugesellt, mit welchen er gemeinschaftlich sein Wesen trieb, über die er sich stets jedoch eine gewisse Obergewalt vorbehielt.
Da vorzüglich in dieser Periode Stülpners die merkwürdigsten Scenen sich ereigneten, die seine Kühnheit, Geistesgegenwart, Festigkeit und seinen originellen Charakter so recht hervorheben, werden hier dieselben folgen, wie sie der Wahrheit getreu sich mit ihm zugetragen haben.