Als an einem schönen Oktoberabend der Oberförster in der Gegend des Fürstenberges schon spät sein ansehnliches Revier durchstrich, um auf einen Hirsch zu kommen, hörte er in einer ziemlichen Entfernung einen Schuß fallen. Sogleich eilte der Oberförster nach der Gegend, wo geschossen worden war, um zu sehen, was es gäbe. Nach einigem Hin- und Herirren tritt er endlich aus einem jungen Fichtendickicht auf einen freien Platz und erstaunt nicht wenig, als er hier unter einer schattigen Tanne den soeben geschossenen und schon verendeten Hirsch liegen und daneben auf einem abgehauenen Stamme Stülpnern, die Doppelbüchse an die Tanne gelehnt, von zwei großen Jagdhunden umgeben, sitzen sieht.
Der Oberförster, der anfänglich stutzte und näher zu treten zögerte, schritt hierauf auf Stülpnern zu und bot ihm einen guten Abend. Ohne irgend ein Zeichen von Furcht und Ueberraschung zu verraten, blieb Stülpner ruhig sitzen, dankte höflich und versicherte, daß es ihm leid thue, dem Herrn Oberförster einen vergeblichen Gang gemacht zu haben, da der Hirsch, nach welchem er vermutlich ausgegangen wäre, schon von ihm hier erlegt worden sei. Der Oberförster äußerte hierauf sein Erstaunen über diese Dreistigkeit und fing an unwillig zu werden. Doch Stülpner bat ihn, sich zu beruhigen, da es doch nun einmal nicht zu ändern sei. Hierauf setzte er noch hinzu: »Wollen Sie nicht umsonst gegangen sein, so will ich Ihnen dort unten an der Ecke einen Stand anweisen, wo sie in kurzer Zeit zum Schuß kommen werden.« »So,« erwiderte hierauf gleichgiltig der Oberförster; »doch wie wäre es denn (langsam nach Stülpners Büchse langend, die an der Tanne lehnte), wenn ich mir diese Büchse hier ausbäte?« Stülpner: »Sie steht Ihnen zu Diensten, denn sehen Sie, dort habe ich noch zwei andere, die eben so gut und sicher, wie die hier, treffen.«
Als der Oberförster nach der Gegend hinsah, die ihm Stülpner bezeichnet hatte, erblickte er hinter einigen jungen Fichten noch zwei andere Wildschützen, die sich mit den auf ihn angelegten Büchsen erhoben hatten.
Verblüfft und ohne ein Wort zu sagen legte er die Büchse wieder an ihren Ort und machte Miene, sich zu entfernen. Stülpner aber erbat sich, unter dem Vorwande seinen Schwamm verloren zu haben, noch ein wenig Tabakfeuer aus und belustigte sich herzlich über die ängstlichen Gesichtszüge, die der Oberförster bei dem Anschlagen machte, indem es ihm, da er immer nach den drohenden Mündungen schielte, nicht gelingen wollte. Als es endlich brannte, bedankte sich Stülpner höflichst und setzte hinzu: »Ich stehe ein andermal wieder zu Diensten.« – Der gute Oberförster mahnte Stülpnern, nur nicht zu fleißig zu sein und entfernte sich so schnell als möglich, ihm eine gute Nacht wünschend, was Stülpner freundlich erwiderte.
Einst war der Bursche eines andern Försters auf den Anstand gegangen, und da es noch sehr zeitig war, hatte er sich unterdessen unter eine Tanne gesetzt und war eingeschlafen. Einige Zeit darauf fühlte er sich auf einmal etwas derb gerüttelt und erwachte. Da stand Stülpner mit gespannter Büchse vor ihm und begrüßte den Erstaunten mit einem: »Guten Morgen, Kamerad!« welches dieser mit einem ängstlichen Gegengruß erwiderte. Hierauf sprach Stülpner zu ihm: »Du hast einen guten Anstand gewählt, Kamerad, hättest aber bald die Zeit verschlafen. Hier wechselt ein Spießer und ich muß einen liefern; Du wirst also so gut sein und mit mir den Platz wechseln. Stelle Dich bei der dürren Fichte unten am Bache an, wo Du nicht vergeblich warten wirst. Ich habe deshalb heute meinen Kameraden dort nicht postiert, weil ich Dich schadlos halten möchte; wenn Du einmal Lieferung hast, so stehe ich dann gern wieder zu Diensten.«
Was wollte der arme Teufel machen? – Er stellte sich auf den bezeichneten Ort, that einen glücklichen Schuß und Stülpner bekam seinen Spießer.
Als kurze Zeit darauf Stülpner sein Zöblitzer Revier beging, bemerkte er von seinem Anstande aus quer über drei Bauergütern einen Hirsch, er legte an, brannte los und der Hirsch brach zusammen. Hierauf, seine Büchse über die Schulter werfend, setzte Stülpner durch ein Gewände Getreide, um ihm beizukommen, und nachdem er ihn gefunden, kniete er auf den Hirsch, um ihn zu genickfängen, kann aber seinen Genickfänger nicht sogleich finden. Der Hirsch, der unterdessen zu verenden scheint, springt auf einmal auf und nimmt Stülpner, der noch darauf saß, gegen 1200 Schritte über das freie Feld mit. Stülpner, der von weitem sieht, über welchen tiefen Abhang die Reise gehen soll, versucht herunter zu kommen, sprengt aber bei dem Herunterspringen eine Stange von dem Geweih des Hirsches ab, an welcher er sich während dieses Parforcerittes angehalten hatte, und so entkam der Hirsch, ohne daß Stülpner eine zweite Ladung nachsenden konnte.
Vier Wochen darauf erblickte Stülpner auf Zschopauer Revier den Hirsch, welcher ihn abgesattelt hatte, in Gesellschaft von noch fünf andern wieder, da er ihn sogleich an der noch herabhängenden Stange seines Geweihes erkannte; doch da er unter den fünf übrigen einen Achtzehnender gewahrte, so nimmt er diesen aufs Korn, erlegt ihn glücklich und läßt den andern freien Lauf.
Zur Winterszeit schoß er in der Nähe der sogenannten Rätzer-Bretmühle bei Marienberg ein Tier. Nachdem er dasselbe mit zwei seiner Kameraden zerwirkt und in Säcke gepackt, will er sich mit diesen auf den Weg nach der böhmischen Grenze begeben. Als er so schwer belastet mit seinen Genossen die Reise antrat, kamen ihm plötzlich sieben Jäger in den Weg, welche auf Hoflieferung ausgegangen und deshalb alle gut bewaffnet waren. Sogleich wollten diese, Stülpner erkennend, Jagd auf ihn machen, um ihn in ihre Gewalt zu bekommen. Stülpner, den diese Kühnheit verdroß, legte jetzt seine Bürde bei Seite, trat mit angelegter scharfgeladener Büchse vor und rief mit donnernder Stimme: »Halt! was wollt Ihr hier?« worauf ein Grenzschütze, namens Liebeskind, antwortete: »Wir glaubten, es wären Holzdiebe im Forste.« Der älteste Revierbursche Müller sagte hierauf, daß er sie für Pascher gehalten hätte, worauf Stülpner erwiderte: »Also Ihr seid Tabaksbüttel? Ich bin weder Pascher, noch Holzdieb, habe weder Kaffee, noch Zucker, noch Holz aufgeladen, sondern Wildpret, was Euch, da Ihr Tabaksbüttel seid, nichts angeht.«
Hierauf machte Stülpner, während seine anderen Kameraden schußfertig dastanden, die sämtlichen sieben Jäger gewehrlos, nahm ihre Gewehre alle auf die Schulter und lud ihnen dann das in Säcke gepackte Wildpret auf, welches er sie nun bis an die böhmische Grenze zu tragen nötigte. Die sieben Jäger, worunter sich freilich einige alte, kraftlose Burschen befanden, folgten wirklich, durch Stülpners und seiner Genossen drohende Stellung eingeschüchtert, seinem Befehle.